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Brasilianische "Fat Acceptance"-Aktivistinnen erobern die Strände von Rio

Wer übergewichtig ist und sich im Bikini zeigt, wird oft angefeindet. Der "Tag der dicken Menschen am Strand" will das ändern.

von Emily Jensen
23 Februar 2017, 10:54am

All photos by Emily Jensen

Der Karneval in Rio steht kurz bevor. Das bedeutet auch, dass die Strandkultur Brasiliens ihren Höhepunkt erreicht. Zu dieser Zeit des Jahres sieht man nicht nur Einheimische, sondern auch unzählige Touristen, die auf dem Weg zu den Karneval-Vorfeiern in Kostümen und reichlich Glitzer die Küste auf und ab gehen. Auch Arpoador ist da keine Ausnahme. Der Praia do Arpoador mit dem bekannten Blick auf die Morro Dois Irmãos, die zwei Brüder-Felsen, liegt auf der Halbinsel zwischen den beiden Stadtteilen Copacabana und Ipanema und ist einer der beliebtesten Strände von Rio de Janeiro.

Vor dieser malerischen Kulisse haben sich am Samstag, dem 18. Februar, einheimische Aktivisten zu Rios erstem Dia de Gordes na Praia getroffen, dem "Tag der dicken Menschen am Strand." Organisiert wurde das Ganze von dem gemeinnützigen Journalistenverband Mídia Ninja in Zusammenarbeit mit den ortsansässigen YouTubern Alexandra Gurgel und Bernardo Boëchat. Die Veranstaltung sollte dem Fat Acceptance Movement in Brasilien, wo die Bewegung noch immer relativ unbekannt ist, mehr Sichtbarkeit verleihen. Im Grunde ging es bei dem Tag aber vor allem darum, Menschen mit ganz unterschiedlichen Figuren und Kleidergrößen an den Strand einzuladen, um gegen den allgegenwärtigen Mythos von der perfekten Bikinifigur vorzugehen. Im Verlauf des Nachmittags kamen um die 50 Plus-Size-Aktivist_innen an den Strand, um dort den Tag zu genießen und im Rahmen verschiedener Gruppendiskussionen über die Diskriminierung übergewichtiger Menschen zu sprechen.

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Der Dia de Gordes gehört zu einer noch größeren Bewegung, die die Strände Brasiliens einladender machen möchte und deshalb über den Sommer verteilt eine Reihe von Veranstaltungen in verschiedenen Städten entlang der Küste organisiert hat. Eine ähnliche Veranstaltung fand zu Beginn des Monats auch in Florianópolis statt – der Hauptstadt von Santa Catarina, einem Bundesstaat im Süden Brasiliens. Die aktuelle Veranstaltung stieß in den sozialen Medien allerdings auf reichlich Widerstand und Spott, weil viele Kritiker den Gedanken, übergewichtige Menschen dürften nicht an den Strand, schlichtweg absurd fanden.

"Natürlich hat es noch nie ein Gesetz gegeben, das übergewichtige Menschen davon abgehalten hat, an den Strand zu gehen", erklärt Boëchat, ein Vlogger, der auf seinem Kanal Bernardo Fala unter anderem über Homophobie und Fat Acceptance spricht. "Das eigentliche Problem ist aber doch, dass wir die Möglichkeit haben sollten, an den Strand gehen zu können, ohne von der Gesellschaft diskriminiert zu werden."

Soziale Medien wie YouTube und Instagram haben sich im Kampf gegen Body Shaming und die Diskriminierung übergewichtiger Menschen in der Vergangenheit bereits als äußerst nützlich erwiesen. Auch Mídia Ninja hat im Rahmen des Dia de Gordes in Rio unter dem Hashtag #OcupaVerão (#OccupySummer) eine der Gruppendiskussionen, bei der die Organisatoren gemeinsam mit den anderen Teilnehmern über Fat Acceptance am Strand gesprochen haben, live übertragen. Da die brasilianischen Medien nahezu vollständig von Globo beherrscht werden – einem großen Medienkonzern, der die landesweiten Fernsehsender sowie verschiedene Zeitungen, Magazine und Webseiten kontrolliert – , sehen die Aktivisten keine Möglichkeit, eine Veränderung durch die Medien herbeizuführen. "[Dicke Menschen] werden in den Medien nicht gezeigt, also müssen wir unseren Teil dazu beitragen. Wir müssen zeigen, dass wir ganz normal sind und auch an den Strand gehen", sagt Gurgel.

Gurgels YouTube-Kanal, Alexandrismos, wurde 2015 gelauncht und hat mittlerweile bereits über 33.000 Abonnenten. Sie nutzt ihre Auftritte im Netz vor allem dazu, um über Themen zu sprechen, die mit der Diskriminierung übergewichtiger Menschen zu tun haben – von Sex und Beziehungen bis hin zu Essstörungen und der medialen Darstellung von übergewichtigen Menschen. In einem ihrer neuesten Videos spricht sie über eine Episode von Malhação, einer bekannten brasilianischen Seifenoper. In der Folge, die Gurgel kritisiert, geht es darum, dass die jungen Hauptdarsteller ins Fitnessstudio gehen. Allerdings hat die Sendung im Rahmen dieser Folge nicht nur Vorurteile gegen Frauen bestärkt, sondern auch Vorurteile gegen übergewichtige Menschen bestärkt.

Die Darstellungen übergewichtiger Menschen, die Gurgel und Boëchat zu hinterfragen versuchen, findet man auf der ganzen Welt: dass das Leben erst beginnt, wenn man abnimmt oder dass alle übergewichtigen Menschen ungesund leben, beispielweise. Der obsessive Fitnesskult in Brasilien macht den Kampf gegen die Diskriminierung übergewichtiger Menschen allerdings besonders schwierig. Malhação ist nur eine von vielen Sendungen, die zur Idealisierung eines bestimmten Aussehens beiträgt – insbesondere bei Frauen, die dünn, sportlich, aber auch kurvig sein sollen, am besten helle, aber braun gebrannte Haut und lange voluminöse Haare haben und natürlich auch im Bikini immer toll aussehen.

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Auch am Strand von Arpoador gibt es massenhaft Bikinis, die Läden entlang der Küste verkaufen fast alle Badebekleidung. Allerdings findet man weder dort noch in den meisten anderen Läden Kleidung in Übergrößen. Außerhalb großer Städte wie Rio de Janeiro wird es noch schwieriger. Xana Gallo, eine Sängerin aus Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens, erzählte den anderen Besuchern des Dia de Gordes, dass in ihrer Heimatstadt noch nicht mal über Badebekleidung in Übergrößen gesprochen wird. "Um hierher kommen zu können, mussten wir erst mal was finden, was wir anziehen können", sagt sie. "Die Probleme fangen schon an, bevor wir an den Strand kommen."

Larissa Alves, die Gründerin des HashTag Bazar, gemeinsam mit ihrem Ehemann.

Hinzu kommt, dass die meisten Plus-Size-Klamotten, die man in den Läden in Brasilien findet, mehr darauf ausgelegt zu sein scheinen, den Körper zu bedenken, als ihn vorteilhaft zu betonen. Frauen, die moderne Kleidung in großen Größen suchen, müssen sich ihr Angebot selbst schaffen.

Larissa Alves, die einen monatlich stattfindenden Plus Size Pop-up-Store namens HashTag Bazar ins Leben gerufen hat, und Babu Carreira, die Inhaberin des Plus Size Online-Shops Big Brechó, sind ebenfalls zum Dia de Gordes gekommen. Alves erzählt, dass eine ihrer Kundinnen noch nicht einmal wusste, dass es auch Bikinis in ihrer Größe gibt, bevor sie zum HashTag Bazar kam. "Es geht nicht nur darum, was ich am Strand anziehe, aber am Strand wurde der Mythos vom perfekten Körper erschaffen", sagt sie.

Natürlich geht es bei der Diskriminierung übergewichtiger Menschen nicht nur um die begrenzte Auswahl an Modemarken. Boëchat betont, dass es generell wichtig ist, Schönheitsideale zu hinterfragen, weil sie letztendlich alle Menschen – und ganz besonders Frauen – unter Druck setzen. Genauso wichtig ist es, gegen die Diskriminierung übergewichtiger Menschen und ihrer Körper anzugehen.

"Das größte Problem ist in meinen Augen, dass dicke Menschen entmenschlicht werden", sagt Boëchat. "Viele Menschen glauben, dass sie kein Recht darauf haben, zufrieden zu sein, solange sie nicht anfangen abzunehmen."

Alexandra Gurgel, Dríade Aguiar von Mídia Ninja und Bernardo Boëchat leiten die Gruppendiskussion.

Die sozialen Medien unterstützen zwar die Entstehung von Bewegungen wie dem Fat Acceptance Movement, gleichzeitig sind sie aber auch für jene Entmenschlichung mitverantwortlich, von der Boëchat spricht. In vielen Kommentaren auf der Veranstaltungsseite des Dia de Gordes auf Facebook wurde die Idee "erbärmlich und lächerlich" genannt. Manche Leute machten sich darüber lustig und verglichen übergewichtige Menschen mit Walen. Ein Nutzer schrieb, dass es an dem Tag "bestimmt Bacon Cheeseburger am Strand gibt." Die Organisatoren des Dia de Gordes begegneten dem Ganzen mit Humor: Während der Live-Übertragung der Veranstaltung hielten sie ein Schild hoch, auf dem stand "#VaiTerX-bacon" (#eswirdbaconcheeseburgergeben).

Die Herabwürdigung übergewichtiger Menschen gehört online und offline leider nach wie vor zur Normalität, was allerdings auch viele Menschen in Brasilien zu extremeren Maßnahmen ermutigt, um ihr Gewicht zu reduzieren. Magen-Bypass- und Magenband-Operationen gelten als schnelle Lösung, ungeachtet der körperlichen und psychologischen Komplikationen, die infolge der Operation auftreten können. Laut der brasilianischen Society of Bariatric and Metabolic Surgery (SBCBM) belegt Brasilien den zweiten Platz auf der Weltrangliste der bariatrischen Operationen. Davon werden 76 Prozent der Operationen an Frauen vorgenommen.

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Im Rahmen der Diskussionsgruppe am Nachmittag bitten die Organisatoren Juliana, 29, die mit Mídia Ninja zusammenarbeitet, von ihrem operativen Eingriff zu erzählen. Juliana sagt, dass sie schon mit 22 Jahren unter Druck gesetzt wurde, eine bariatrische Operation vornehmen zu lassen. Allerdings nahm sie auch nach der Operation nicht ohne weiteres ab. "Mein geringstes Gewicht, das ich jemals hatte, waren 60 Kilo. Das war aber auch alles andere als einfach – im Gegenteil. Ich konnte kein Fleisch essen und entwickelte eine Laktoseintoleranz." Doch obwohl sie ungesunde Nahrungsmittel vermied, nahm sie auch nach der Operation irgendwann wieder zu. "Als ich 60 Kilo gewogen habe, fühlte ich mich wunderschön. Allerdings fühle ich mich auch jetzt mit 80 Kilo wunderschön. Wenn ich damals schon so gedacht hätte wie heute, dann hätte ich den Eingriff niemals machen lassen."

In Brasilien haben viele Menschen, die sich für ein positiveres Körperbild einsetzen, nach wie vor ein Problem mit dem Begriff gordo, das portugiesische Wort für "dick." Viele versuchen, das Wort abzuschwächen, indem sie die Verniedlichung gordinha verwenden. Am Dia de Gordes wurde das Wort "dick" hingegen ganz offen verwendet.

"Wenn ich sage, dass ich dick bin, sagen die Leute immer: 'Nein, du bist doch so hübsch! Du bist cool und nett'", erzählt Gurgel der Gruppe. "Ich sage dann immer nur: 'Ja, ich bin hübsch, ich bin cool, ich bin nett, ich bin direkt und ich bin dick.' Das ist ein körperlicher Zustand – mehr nicht."

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