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Menstruation

Wie Frauen aus drei verschiedenen Generationen ihre erste Periode erlebt haben

Auch heute noch schämen sich viele Frauen für ihre Menstruation – wer vor 60 Jahren seine Tage bekam, musste sich allerdings noch mit ganz anderen Problemen herumschlagen.

von Lea Albring
16 Februar 2017, 7:24am

Foto: Shutterstock

Die Kulturgeschichte der Menstruation ist ganz schön vermurkst: 1957 wurde der Satellit Sputnik ins All geschossen. Erst ein Jahr später, 1958, gab es den endgültigen Beweis, dass Menstruationsblut nicht giftig ist. Bis dahin experimentierten Ärzte mit Blumensträußen, die in der Hand von menstruierenden Frauen angeblich schneller welkten. Kein Scherz. Geprägt wurde die Gift-Debatte im Mittelalter, von dem Mediziner Paracelsus. Menstruationsblut sei "eine Unflat" und "schädlicher als alles andere", behauptete er. Das Gerücht hielt sich über 600 Jahre.

Nicht im Mittelalter, sondern im August 2015 behauptete Donald Trump nach einer TV-Debatte über eine kritische Journalistin: "Aus ihren Augen kam Blut, Blut kam ihr aus ... woraus auch immer." Frauen wegen ihrer Tage zu diskreditieren – das geht auch heute noch. Ja klar: Trumps Unterstellung wurde empört diskutiert. Gewählt wurde er trotzdem.

Empörung gab es auch in diesem Fall: Als die Künstlerin Rupi Kaur 2014 ein Selbstporträt mit einem Menstruationsfleck im Schritt hochlud, sperrte Instagram zunächst das Bild. Die Reaktionen? Aufregung. Und kontroverse Diskussionen. Schon wieder.

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Kontroversen gibt es dort, wo keine Einigkeit besteht. Und wenn man sich nicht einig ist: Was ist dann "normal"? Ist es normal, sich für Blutflecken im Schritt zu schämen? Ist es normal, für Tampons 19 Prozent Mehrwertsteuer zu zahlen? Ist es normal, dass es keinen Menstruations-Zuschlag auf dem Gehaltszettel von Frauen gibt? Ist es normal, einmal monatlich mit Schmerztabletten arbeiten zu gehen?

Die Soziologin Sabine Hering hat zur Menstruationsgeschichte geforscht und spricht nicht von Normalität, sondern von einem Normalisierungsdruck: Heute sei es ein No Go, wegen der Periode krank zu sein, nicht zu funktionieren: "Der Körper ist etwas, das man im Griff haben muss. Es gibt ja schließlich Tampons und Schmerztabletten. Die Periode ist ein privates Problem, was zu unterdrücken ist." Und je nachdem, in welchem Jahrzehnt man geboren ist, umso unterschiedlicher ist man mit diesem ganz privaten Problem in Berührung gekommen.

Nicht nur als etwas Privates, sondern auch als etwas völlig Tabuisiertes hat Antje aus Dortmund ihre ersten Regelblutungen erlebt. Die 77-Jährige erinnert sich: "Als ich 12 war, wurde ich gemeinsam mit meinen Schwestern von meiner Mutter aufgeklärt. Das war 1952. Zwei Jahre später habe ich dann meine Tage bekommen." Ihre Mutter habe damals selbst auch nicht so genau Bescheid gewusst, erzählt die pensionierte Lehrerin. An einen Satz erinnert sie sich aber noch genau: "Das wird euch geschehen, wie es jeder Frau geschieht. Auch dem kräftigsten, gesündesten Bauernmädchen mit roten Backen wird das passieren" – so habe ihre Mutter das Gespräch begonnen.

Meine ersten Binden musste ich einhängen.

"Die Beziehung einer Frau zu ihren Tagen wird maßgeblich durch solche ersten Erfahrungen geprägt", sagt die Soziologin Sabine Hering. "Wird die erste Periode gefeiert, oder wird sie als Last vermittelt?"

Antje steht lange auf Kriegsfuß mit ihrer Periode. Als sie 1954 ihre Tage bekommt, benutzt sie einen Monatsgürtel: "Meine ersten Binden musste ich einhängen. Diese Gürtel, das waren scheußliche rosa Dinger, aus dicken, breiten Gummibändern mit Sicherheitsnadeln und Metallschnallen. Man trug das im Schritt, unter dem Slip."

Mit der Camelia 2000 kam die erste selbstklebende Binde erst 1973 nach Deutschland. Tampons waren schon erfunden, im Nachkriegsdeutschland aber kaum verbreitet: 1950 brachte der Ingenieur Carl Hahn sein Produkt o.b (eine Abkürzung für "ohne Binden") auf den deutschen Markt, hatte aber Probleme mit der Vermarktung. Für die Herstellung hatte er sich übrigens beim Tabakrollen inspirieren lassen.

Der Dianagürtel wurde 1893 von der Firma Wilhelm Julius Teufel aus Stuttgart patentiert und mit einer einlegbaren Binde getragen. Foto: Wikimedia | Gemeinfrei

Regina hat von Anfang an Tampons benutzt, erzählt sie. Bei der 55-jährigen Künstlerin aus Köln sei das alles sehr unaufgeregt gelaufen: "Als ich meine Tage bekam, wusste ich direkt, was mit mir los war. Meine Mutter hatte mir vorher erklärt, was da passiert und dass ich ab diesem Zeitpunkt schwanger werden kann." (Was nicht ganz korrekt ist: Der erste Eisprung findet ungefähr 14 Tage vor dem Einsetzen der ersten Periode statt.) Das war im Jahr 1973, damals war sie 12.

1973 war auch das Jahr, in dem Camelia die erste Mini-Binde auf den Markt brachte. Wegen der Pille wurden bei vielen Frauen die Tage schwächer, es gab neue Bedürfnisse. Erstmals reagierte der Markt flexibler als es seine Produkte bis dato waren.

Seit zwei Jahren bekommt Regina ihre Tage nicht mehr: "Das war eine Erleichterung, ich fand das astrein. Meine Wechseljahre waren kein Spaß." Sie macht kurz Pause und ergänzt: "Das heißt ja nicht, dass ich scheintot bin oder keine sexuellen Bedürfnisse mehr habe. So ein Quatsch. Ich fühle mich jetzt stärker als Früher."

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Auch Lisa fühlt sich jetzt stärker und freier als früher. Die 26-Jährige hat ihre Tage 2002, mit 12 Jahren, bekommen. Lange Zeit konnte sie keine Tampons benutzen: "Ich war einfach zu eng und war immer verkrampft, wenn ich einen Tampon einführen wollte. Das war super nervig, vor allem beim Sport", erzählt sie. "Ich habe Leichtathletik gemacht, bei Wettkämpfen trägt man ja nur so Slips und Tops. Wenn ich dann meine Tage hatte, habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob man die Binde sieht oder Blutflecken entstehen." Befürchtungen, die sie mit vielen Frauen im unterschiedlichsten Alter teilt.

Im April 2015 nimmt die Musikerin Kiran Gandhi am London-Marathon teil. Am Morgen bemerkt sie, dass die ihre Tage bekommen hat. Über 40 Kilometer einen Tampon zu tragen, das ist unangenehm und scheuert, weiß sie vom Training. Sie entschied sich dagegen. Bilder beim Zielleinlauf zeigen sie mit rotem Fleck zwischen den Beinen. Die Reaktionen: Kontrovers. Schon wieder. Gandhi sagte später dazu: "Ich rannte mit dem Blut, das meine Beine hinunterlief, für meine Schwestern, die keinen Zugang zu Tampons haben. Für Schwestern, die ihre Periode trotz Krämpfen und Schmerzen verstecken und so tun, als ob sie nicht existiere."

Wenn ich zum Klo gehe, um den Tampon zu wechseln, halte ich den meistens versteckt in der Hand.

Auch für Lisa existierten ihre Tage lange nicht, sie unterdrückte sie einfach: "Früher hatte ich extreme Regelschmerzen. Ich lag dann mit krassen Bauchkrämpfen im Bett und konnte gar nichts mehr. Um das zu umgehen, habe ich dann irgendwann meine Pille durchgenommen, nur noch dreimal im Jahr habe ich pausiert. Nach über drei Jahren wurde dann aber das Blut immer weniger, das fand ich dann auch komisch. Ich dachte mir, jetzt muss ich auf meinen Hormonhaushalt aufpassen. Da habe ich dann wieder auf monatlich umgestellt, und das ging dann plötzlich klar, ich hatte viel weniger Schmerzen als vorher." Jetzt, Mitte 20, habe sich bei ihr alles eingependelt, sagt Lisa. Auch was die Einstellung zu den ganz natürlichen Funktionen ihres Körpers angeht.

"Heute ist mir auch vieles viel egaler als früher, ich lasse mich da nicht mehr einschränken. Mit Tampon in die Sauna gehen: Warum nicht? Weshalb sollte ich mich schämen?" Nur im Büro, da sei es manchmal komisch: "Wenn ich zum Klo gehe, um den Tampon zu wechseln, halte ich den meistens versteckt in der Hand. Wenn mich dann wer auf dem Flur anspricht, fühle ich mich immer ertappt."

Drei Frauen, drei unterschiedliche Geschichten. Und viele Fragen: Ist es normal, sich ertappt zu fühlen? Ist es normal, mit Schmerztabletten arbeiten zu gehen? Ist es normal, diskret zu sein?

Was ist mit der Möglichkeit, mit Blutflecken durch die Gegend zu laufen, wenn es eben nicht anders geht? Was mit der Möglichkeit, Binden und Tampons von der Krankenkasse übernehmen zu lassen oder zumindest weniger stark zu besteuern? Was ist mit der Möglichkeit, dem Chef zu sagen, man habe seine Tage und könne wegen starker Unterleibskrämpfe nicht kommen? Nichts davon ist utopisch. Selten wird es umgesetzt.

Auch wenn Frauen heutzutage nicht mehr mit riesigen Menstruationsgürteln um die Hüften aus dem Haus müssen – mehr Fortschritt geht immer.

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Titelfoto: Shutterstock