Politik

Eine neue Umfrage zeigt, dass AfD-Wähler am intolerantesten sind

Das Meinungsforschungsinstitut YouGov befragte 14.000 Menschen nach ihrer Einstellung zu LGBTQ-Themen. Die Ergebnisse zeichnen ein ebenso klares wie ernüchterndes Bild.
10.1.17
AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry | Foto: imago | Mauersberger

Selbst wer sich nur am Rand mit deutscher Politik beschäftigt, dürfte eine grundlegende Vorstellung davon haben, wie sich die etablierten Parteien zum Thema LGBTQ verhalten. Insbesondere die AfD macht seit ihrer Gründung keinen Hehl daraus, dass sie Queerness aller Art für bedenkliche Bewegungen hält, deren einziges Ziel es ist, die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie zu zerstören und somit das deutsche Volk ein Stückchen mehr dem Abgrund entgegenzutreiben.

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In einer aktuellen Umfrage hat sich das Meinungsforschungsinstitut YouGov nun ganz konkret der Frage gewidmet, wie es die Wähler der großen Parteien denn eigentlich mit dem Thema Transgender halten. Zwischen dem 18. September und 18. Dezember 2016 wurden insgesamt 14.432 Personen aus Deutschland online dazu befragt, wie sie zu Geschlechtsumwandlungen und Geschlechteridentitäten abseits der Cis-Heteronormativität stehen. (Wobei ihnen offen stand, Fragen auszulassen.) Zusätzlich gaben die Befragten an, welcher deutschen Partei sie am meisten zugewandt sind.

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Die nicht sonderlich überraschende Erkenntnis: AfD-Anhänger sind von allen Teilnehmer die intolerantesten. Tatsächlich scheint es aber auch unter den Befürwortern der rechtspopulistischen Datei zumindest einige zu geben, die nicht reflexhaft „Genderwahnsinn!" brüllen, wenn sie mit alternativen Geschlechterbildern konfrontiert sind.

Auf die Frage „Ich finde es in Ordnung, das Geschlecht durch Operationen und hormonelle Behandlungen zu ändern" reagierten 52 Prozent der AfD-Wähler mit Ablehnung, gleichzeitig gaben aber auch 43 Prozent an, damit absolut einverstanden zu sein. Bei allen anderen Parteien (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linkspartei, FDP, „Andere") stimmte der Großteil der Befragten Geschlechtsumwandlungen klar zu—wobei die Grünen sich mit 76 Ja- zu 17 Nein-Stimmen am aufgeschlossensten zeigten. Insgesamt sprachen sich 61 Prozent der Teilnehmer für Geschlechtsumwandlungen aus.

Grafiken mit freundlicher Genehmigung von YouGov

Gleichzeitig widersprachen die Anhänger der Alternative für Deutschland allerdings—wie alle anderen Wählergruppen—der Aussage, dass Transgender „nur verwirrt" seien. (Was die Frage aufwirft, warum sie ihnen trotzdem keine Geschlechtsumwandlung gönnen.) Insgesamt bejahten nur 25 Prozent aller Befragten diese Aussage, die AfD-Wähler zeigten sich mit 44 Prozent aber auch hier deutlich intoleranter als der Rest.

Am aussagekräftigsten für die gesamte LGBTQ-Community dürften allerdings die Antworten auf die Frage sein, ob man endlich akzeptieren solle, „dass es mehr Geschlechter als Mann und Frau gibt". Auch hier stimmten alle Befragten mehrheitlich für Ja—bis auf die AfD-Wähler. Genau 50 Prozent der Teilnehmer sprachen sich gegen alternative Geschlechteridentitäten aus, 43 Prozent dafür. Insgesamt 63 Prozent der befragten Deutschen bejahten den Wunsch nach mehr Offenheit, wobei auch hier die Grünen mit 77 Prozent die Spitze bilden.

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Holger Geißler, Head of Research bei YouGov, sieht in den Ergebnisse den Beweis, dass Deutschland „mittlerweile an vielen Stellen weltoffen, liberal und modern" ist. Eine YouGov-Umfrage aus dem Januar 2016 zeige bereits, dass sich eine Mehrheit der Deutschen für die „Ehe für alle" sowie das Recht homosexueller Paare, Kinder zu adoptieren, ausspräche. „Die Gesetzgebung und politische Diskussion hinkt da teilweise hinter der Offenheit der Bevölkerung hinterher", erklärt er.

Gleichzeitig existieren in großen Teilen der Gesellschaft aber eben durchaus Vorurteile und eklatantes Unwissen gegenüber LGBTQ. Auch deshalb wäre es interessant gewesen, neben der Frage danach, ob man als Person Geschlechtsumwandlungen „akzeptiere", auch abzufragen, was der oder die jeweilige Befragte überhaupt über Transgender weiß. Dass rund ein Drittel (31 Prozent) aller Umfrageteilnehmer Geschlechtsumwandlungen kategorisch ablehnen, dürfte insbesondere für Trans-Personen in Deutschland kein Ergebnis sein, das sonderlich viel Hoffnung macht.

Grundlegend werfen die Ergebnisse aber eine Frage auf, die ebenso interessant wie wichtig ist: welchen Einfluss LGBTQ auf die Bundestagswahl im Oktober haben könnte. Holger Geißler von YouGov sieht das Thema allerdings nicht als wahlentscheidend.

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„Dafür sind andere Themen wie Einwanderung, Terror-Angst und Sicherheit aktuell zu groß und wichtig in den Augen der Wähler", erklärt er. „Dennoch sollten Parteien eine Positionierung zum Thema nicht vollkommen vernachlässigen. Denn auch wenn die Frage für die Mehrheit der Wähler nicht von zentraler Bewandtnis für die Wahlentscheidung sein dürfte, so trägt sie doch zum Gesamtbild einer Partei bei. Und die Größe der Zielgruppe, der LGBTQ-Themen wichtig sind, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen."

Fakt bleibt: Wer die rechtspopulistischen Mythen von gesellschaftszersetzendem Feminismus, familienzerstörenden alternativen sexuellen Identitäten und dem ganz allgemeinen „Genderwahnsinn" glaubt, der wird sein Kreuz deutlich wahrscheinlicher bei der AfD setzen—und dem lässt sich nur mit Aufklärung und dem aktiven Eintreten für eine offenere, tolerantere Gesellschaft entgegentreten.


Titelfoto: imago | Mauersberger