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Wenn der Sex großartig ist, aber man einfach nicht miteinander schlafen kann

Experten zufolge sind 35 bis 40 Prozent der Paare „schlafinkompatibel“. Bedeutet das, dass diese Beziehungen zum Scheitern verurteilt sind?

von Sophie Saint Thomas
30 November 2016, 8:10am

Foto: Sarina | Flickr | CC BY-ND 2.0

Weil ich eine Schlafstörung habe, schlafe ich nicht wirklich ein—ich manipuliere meinen Körper durch Hilfsmittel und Medikamente so weit, dass ich irgendwann das Bewusstsein verliere. Ich brauche eine Schlafmaske, Ohrstöpsel und Schlaftabletten. Idealerweise lege ich mich irgendwann nach Mitternacht hin und schlafe so lange, wie nur irgend möglich. Arm in Arm schlafen? Fass mich nicht an. Der verschlafene Versuch, sich an mich anzukuscheln, würde mich aus meinem hart erarbeiteten Schlaf reißen.

Mein Freund hingegen schläft immer sofort ein, meistens gegen 22.30 Uhr, und liebt es zu kuscheln. Wir haben schon Witze darüber gemacht, ihm eine Zweitfreundin zu besorgen—nicht für Sex, sondern damit er jemanden zum Löffeln hat. „Der Sex ist fantastisch, aber das miteinander Schlafen auf jeden Fall ... verbesserungswürdig", hat er mir mal erzählt.

Wenn wir Experten glauben, sind wir damit nicht alleine. „Ich würde sagen, dass mindestens 35 bis 40 Prozent der Paare nicht kompatibel sind was ihr Schlafverhalten angeht", sagt Schlafspezialist Dr. Michael Breus. Er ist der Autor von The Power of When und hat einen Test entwickelt, mit dem man seinen Chronotyp, also zu welcher Tageszeit man am aktivsten ist, bestimmen kann. „Dating-Seiten sollten ein Feld haben, in dem man Fragen zu seinem Schlafverhalten beantworten kann; es sollte eine Schlafkompatibilitätsanzeige geben.

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„Ich war in einer Fernbeziehung, in der wir verschiedene Schlafrhythmen hatten und das hat uns mehr oder weniger die gemeinsame Zeit ruiniert", erzählt Christina Broadly. „Ich bin um sieben Uhr morgens aufgewacht und abends um zehn ins Bett gegangen. Mein Ex ist bis drei oder vier Uhr morgens wachgeblieben und hat dann bis zum Nachmittag geschlafen. Wir sind jeweils ziemlich weit gefahren, um uns überhaupt sehen zu können, die Zeit, in der wir aber tatsächlich Beide gleichzeitig wach waren, war sehr überschaubar. Wir haben uns Beide stundenlang zu Tode gelangweilt, während die andere Person geschlafen hat."

Dr. Breus erklärt, dass sich die Welt nicht einfach in Frühaufsteher und Nachteulen einteilen lässt—es gibt vier verschiedene Chronotypen: Delfine beziehungsweise Menschen mit sehr leichtem Schlaf, denen sehr oft eine Schlafstörung diagnostiziert wird; Löwen oder Morgenpersonen; Bären, deren innere Uhr sich mehr oder minder am Tageslicht orientiert; und Wölfe, die sehr lange aufbleiben. „Man kann mit all diesen Typen sehr harmonisch schlafen, es kommt eben nur darauf an, wo man selbst steht."


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Zusätzlich zu den Chronotypen können auch persönliche Vorlieben für fehlende Harmonie im Bett sorgen. Wenn du nicht gerade zu den Menschen gehörst, die sich mit anderen „platonisch" das Bett teilen, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass du mit jemandem „geschlafen" hast, bevor du gemeinsam mit ihm schläfst. Während das Gespräch bei vielen angehenden Paaren recht schnell auf sexuelle Vorlieben kommt, reden wir nur selten darüber, worauf wir beim Einschlafen stehen. Fernseher an oder aus? Musik oder lieber irgendwas anderes beruhigendes wie White Noise? Auf welcher Seite des Bettes liegst du? Kuscheln oder typischer „Fass mich nicht an"-Typ? Wie viele Decken? Was für eine Matratze? Sind Haustiere im Bett erlaubt oder bist du ein tierhassender Soziopath? Vom Schnarchen wollen wir erst gar nicht anfangen ...

Wenn du Kuscheln hasst, wirst du nicht plötzlich zu einer Person werden, die es liebt.

Unterschiedliche Schlafrhythmen können dafür sorgen, dass ein Partner Schlaf verliert und unter den Konsequenzen leiden muss—was die Probleme von Schlafinkompatibilität nur noch verstärkt. „Die Person, die weniger Schlaf bekommt, wird gereizt sein, weil sie übermüdet ist", erklärt Dr. Breus. „Ich habe als Schlafarzt mehr Ehen gerettet, als ich es als Paartherapeut könnte. Einfach nur, indem ich mich diesen Problemen angenommen habe." Ganz nebenbei bemerkt: Schlafentzug soll sich negativ auf die Libido auswirken.

Trotzdem muss Schlafinkompatibilität nicht zwingend bedeuten, dass die Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Man muss nur richtig damit umgehen. „Das Schlafverhalten kann darauf hindeuten, worin sich die Personen in einer Beziehung noch unterscheiden. Die wichtigere Frage ist: Wie lösen Personen ein Problem, das sich unlösbar anfühlt?" fragt Dr. Michael Aaron, Sexualtherapeut und Autor des Buchs Modern Sexuality: The Truth about Sex and Relationships. Aaron betont, dass es nicht Inkompatibilität ist, die Beziehungen zerstört, sondern der Unwillen, derartige Differenzen zu akzeptieren und mit ihnen umzugehen.

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Wir leben in einer Gesellschaft, die uns beibringt, dass „der frühe Vogel den Wurm fängt" und man seinen Schlafrhythmus einfach dadurch verändern kann, dass man sich den Wecker etwas früher stellt. So einfach ist es allerdings nicht. Wie die Entdeckung des Schlafgens hPer2 im Jahr 2001 beweist, ist Schlaf eben nicht nur von der Umwelt und dem eigenen Lebensstil beeinflusst. „Weil es größtenteils genetisch festgelegt ist, kann man selbst gar nicht so viel daran ändern", gibt Dr. Breus zu. „Ich werde oft gefragt, ob man seinen Chronotyp manipulieren kann. Natürlich kann man das, aber damit kämpft man jeden einzelnen Tag gegen seine Gene an. Du musst Lichttherapie, Melatonin und Koffein in einem ganz bestimmten Ablauf nutzen, um von einem Frühaufsteher zu einer Nachtperson zu werden." Wer das nicht konsequent durchhält, kann sein Schlafverhalten nicht langfristig verändern.

Die kulturellen Faktoren dürfen dabei auch nicht vergessen werden. Viele Schlafrhythmen richten sich nach dem jeweiligen ausgeübten Beruf und nur wenige von uns haben den Luxus, sich ihre Karriere danach auszusuchen, wann sie gerne aufstehen würden. Renee arbeitet in der Gastronomie, ihr Partner, mit dem sie seit eineinhalb Jahren zusammen ist, ist Musiker. „Ich gehe zwischen 12 Uhr nachts und 3 Uhr morgens schlafen, mein Freund schläft von 6 Uhr morgens bis zum frühen Nachmittag. Den ersten Kaffee trinkt er gegen 16 Uhr. Wenn ich frei habe, zwinge ich mich oft dazu, weiter liegen zu bleiben, weil ich weiß, dass er erst in ein paar Stunden aufwacht", sagt sie. Während Renee aktuell versucht, ihren Schlafrhythmus dem ihres Partners anzupassen, hat Christina sich einen Partner gesucht, der besser zu ihr passt. „Jetzt bin ich mit jemandem zusammen, der den selben Tagesablauf hat wie ich, was viel besser ist", sagt sie.

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Da ich mit einer genetischen Schlafstörung diagnostiziert bin, ist es für mich nicht möglich, mich zu einem Frühaufsteher umzuschulen, um besser zu meinem Freund zu passen. Trotzdem will ich nicht mit ihm Schluss machen, nur weil er das Glück hat, gegen 21 Uhr auf der Couch einzuschlafen, während wir gemeinsam eine Serie gucken. Laut den Experten ist die Lösung für eine Situation, die sich nicht ändern lässt, Aufklärung und Kompromisse. „Man muss die genetischen Prinzipien dahinter verstehen. Der erste Schritt ist Aufklärung in beide Richtungen", sagt Dr. Breus.

Für einige Paare mag es eine Möglichkeit sein, das einer von Beiden in manchen Nächten ins Gästezimmer umzieht. Für die meisten von uns scheitert das aber wahrscheinlich daran, dass wir nicht in der finanziellen Situation sind, ein Gästezimmer zu haben. Deswegen ist es wichtig zu verstehen: Wenn du nachts aufwachst und feststellst, dass deine Freundin oder dein Freund sich auf die Couch verzogen haben, bedeutet das nicht, dass ihr ein Problem habt. Vielleicht haben sie einfach nur einen Ort gebraucht, an dem sie ungestört schlafen können. Deswegen ist es so wichtig, offen über derartige Probleme zu sprechen und sie nicht totzuschweigen, weil man denkt, man würde seiner besseren Hälfte damit einen Gefallen tun.

„Wenn du Kuscheln hasst, wirst du nicht plötzlich zu einer Person werden, die es liebt", sagt Dr. Breus. „Die Herausforderung einer Beziehung ist: Wie arbeiten Menschen mit verschiedenen genetischen Eigenschaften, unterschiedlichen Schlafstrukturen und verschiedenen zwischenmenschlichen Bedürfnissen als Team zusammen, damit das alles trotzdem funktioniert?"


Titelfoto: Sarina | Flickr | CC BY-ND 2.0

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