Kommt das Bauchnabelpiercing zurück?

Früher war das Nabelpiercing vor allem bei schwulen Männern beliebt, dann schaffte es mit einem Aerosmith-Video den Durchbruch und landete mit Britney Spears und Co. schließlich im Mainstream. Zeit, es zurückzuholen.

|
25 August 2016, 6:00am

Photo via Getty Images

Wir schreiben das Jahr 1994. Du bist selbstbewusst und willst, dass es die Welt auch sieht, deswegen lässt du dir ein Nabelpiercing stechen.

Mittlerweile sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen. Du bist noch immer selbstbewusst und willst, dass die Welt es sieht. Lässt du dir—Flashback—wieder ein Nabelpiercing stechen? Nein? Warum eigentlich?

Halsbänder, Crop Tops und Gothic-Lippenstift—die Popkultur der 90er gedeiht prächtig im Jahr 2016. Nur das Nabelpiercing hat trotz schneller Heilungsdauer und der Tatsache, dass man es unkompliziert wieder entfernen kann, noch immer nicht zu alter Größe zurückgefunden.

„Nabelpiercings sind genauso mit Vorurteilen behaftet wie Steißbeintattoos, die jeder nur als Arschgeweih kennt", meint Paul King, ein professioneller Piercer und Anthropologe. King wurde ziemlich berühmt, nachdem er 1993 in dem Musikvideo zu „Cryin" von Aerosmith so getan hat, als würde er die damals noch unbekannte Alicia Silverstone piercen. „Das Bauchnabelpiercing hat unter seiner eigenen Popularität gelitten."

Mehr lesen: Vom Lendenschurz bis Nicki Minaj—die Geschichte des Tangas

Das Aerosmith-Video hat bei den MTV Video Music Awards im Jahr 1994 den Video of the Year Award gewonnen und gilt auch heute noch unter vielen als der Grund dafür, dass das Bauchnabelpiercing so wahnsinnig beliebt geworden ist. Der Moment, in dem das Bauchnabelpiercing zum ersten Mal die große kulturelle Bühne betreten hat. In dem Video geht es darum, dass Silverstone die Liebe und die Aufmerksamkeit der Männerwelt zurückweist, um sich auf den Weg der Selbsterkenntnis zu begeben—ein Weg, der mit Körpermodifikationen gepflastert ist. Genauer gesagt: mit einem Tattoo und einem Nabelpiercing. (Die Geschichte wird natürlich regelmäßig von Nahaufnahmen von Steven Tylers riesigem Mund unterbrochen—schließlich ist es 1994.)

„Dass sie sich tätowieren und piercen lässt, ist ein Symbol dafür, dass sie selbst über ihren Körper bestimmt", sagt King. „So trivial die Popkultur auch sein mag, aber das hat damals einen riesigen Nachhall gefunden. Ich denke, so wollten junge Frauen und Mädchen damals einfach sein."

Frauen haben sich in Scharen den Bauchnabel „durchlöchern" lassen. Im Jahr nach dem Debut des Aerosmith-Videos ist, laut der New York Times, die Nachfrage in einem New Yorker Piercingstudio von einem auf 20 Nabelpiercings am Tag gestiegen. An Wochenendenden sollen es sogar 50 am Tag gewesen sein. Auch das Who's Who der braun gebrannten 90er-Jahre-Bäuche—Britney Spears, Rose McGowan und Fiona Apple—sah man wenig später mit ihren eigenen geschmückten Nabeln protzen. In Kings Studio war das Bauchnabelpiercing zwei Jahrzehnte lang eines der Beliebtesten.

Nabelpiercings sind genauso mit Vorurteilen behaftet wie Steißbeintattoos.

Doch genau diese kitschig glitzernden und funkelnden Schmuckstücke, die in den Nabeln irgendwelcher Teenager herum baumeln, haben unsere heutige Sicht auf das Bauchnabelpiercing getrübt. Dabei war er in den 70er-Jahren zunächst vor allem in Subkulturen zu finden—insbesondere in der schwulen Fetischgemeinde, die viel damit experimentierte, welche Körperteile man sonst noch so piercen konnte. Wie King sagt, hatten am Anfang aber vor allem Männer gepiercte Nabel und schmückten sie mit maskulinem Schmuckstücken wie dicken Ringen oder Stabpiercings.

Aus der Szene der permanenten oder quasi-permanenten Körpermodifikationen entwickelte sich das Nabelpiercing zu einem der ersten großflächigen „Trends." Irgendwann wurde er dann immer weiter feminisiert und auch immer weiter trivialisiert, bis er schließlich nur noch mit halbwüchsigen Teenagern in Verbindung gebracht wurde. Der Sprung in die Mainstreamgesellschaft gelang dem Bauchnabelpiercing aber ganz klar mithilfe des Aerosmith-Videos—ohne dabei seine ersten Auftritte auf dem Laufsteg an den Bäuchen von Christy Turlington und Naomi Campbell verschweigen zu wollen. Vor allem aber war das Nabelpiercing das erste Piercing fernab der Ohrläppchen, das diesen Schritt geschafft hat. Ein Bauchnabelpiercing erforderte zwar etwas mehr Mut als—sagen wir—ein übergroßes Holzfällerhemd, doch der glitzernde Nabelschmuck war ein Weg, um der Welt zu zeigen, was für ein Mensch beziehungsweise was für eine Frau man ist.

Allem voran war das der wohl nachhaltigste Einfluss des Bauchnabelpiercings. Auch wenn es heute vielleicht Leute gibt, die sich darüber lustig machen: Fakt ist, dass das Nabelpiercing dazu beigetragen hat, dass das kulturelle Bewusstsein verändert wurde und langsam aber sicher alle möglichen Formen von Piercings in der breiten Öffentlichkeit ankamen.

„[Piercings] stellen heutzutage eine Form der selbstgewählten Selbstdarstellung und in manchen Fällen sogar eine Form der Kunst dar. Ich denke, wir verstehen das Ganze mittlerweile mehr als eine Form der Kultur", sagt Christina M. Frederick, Professorin der Embry-Riddle Aeronautical University. 2000 hat sich Frederick mit den psychologischen Beweggründen hinter Körpermodifikationen beschäftigt. Zur selben Zeit befand sich das Nabelpiercing am Höhepunkt seiner Popularität.

Sie stellte damals fest, dass Körpermodifikationen wie Piercings selbstmotiviert sind, wenn sie zu unserem persönlichen Selbstbild passen—obwohl unser Selbstbild auch immer von externen Einflüssen beeinflusst wird. Ob ein Nabelpiercing nun angesagt ist oder nicht, beeinflusst natürlich auch unsere Entscheidung, ob wir damit herumlaufen wollen. Letztendlich liegt die Entscheidung aber immer nur bei dir und selbst wenn du drauf pfeifst, was gerade angesagt ist, positionierst du dich damit auf gewisse Weise. In den 90ern war ein glitzerndes Nabelpiercing eben ziemlich fesch, flott und auch ein wenig wild.

Und heute? Laut King sind Bauchnabelpiercings ein wenig „spießig" geworden. Obwohl das Nabelpiercing nach wie vor zum Standardrepertoire eines Piercers gehört, besitzt der Nabelschmuck lange nicht mehr die Symbolkraft, die er einst hatte. Das ist das bekannte Dilemma, wenn man sich mit irgendwelchen angesagten Trends identifiziert: Irgendwann erreicht alles, was mal aufrührerisch, cool und individuell war, zwangsläufig einen Sättigungspunkt, an dem es im Mainstream ankommt und dazu verdammt ist, spießig und langweilig zu werden.

Der Bauchnabelpiercing wurde immer weiter feminisiert und trivialisiert, bis er irgendwann nur noch mit halbwüchsigen Teenagern in Verbindung gebracht wurde.

„Niemand sieht heute noch jemanden mit einem Nabelpiercing und denkt: ‚Whoa die hat ein Nabelpiercing.' Man denkt sich höchstens: ‚Oh, die hat ein Nabelpiercing'", sagt Cora Lundquist, 20, die selbst ein Bauchnabelpiercing, Ohrringe und ein Septum-Piercing hat. „Das gibt es schon seit den 90ern und Trends ändern sich nunmal."

Mittlerweile führt das Septum-Piercing die Liste der beliebtesten Piercings an und schmiegt sich zwischen die Nasenflügel von FKA Twigs, Lady Gaga und Rihanna. Doch selbst das Septum-Piercing hat seine Edginess verloren, als es die große Bühne betrat.

„Ich denke nicht, dass das Septum-Piercing noch das Potenzial besaß, die Leute zu schockieren. Mittlerweile sind sie schon an den Anblick von Piercings gewöhnt", sagt King.

Ob sie nun an deinem Bauchnabel, deiner Nase oder irgendeinem anderen Körperteil baumeln, das schon bald der neue Star in einem Musikvideo (oder auf Instagram) sein könnte—Piercings als eine Form der Selbstidentifikation gehören mittlerweile der Normalität an. „[Sich ein Piercing stechen zu lassen,] ist nur eine von vielen Optionen, die einem zur Auswahl stehen. Genauso gut könnte man sich die Haare schneiden oder färben lassen oder sonst was machen", sagt Elayne Angel, Autorin von The Piercing Bible, dem einzigen Mainstream-Nachschlagewerk für Piercings. „Die Auswahl ist einfach nur größer geworden und das nutzen die Leute aus."

Mehr lesen: Weibliche Sneakerheads wollen nicht länger von der Szene ignoriert werden

Es gibt aber auch einen winzigen Silberstreifen am Horizont, der noch immer auf das große Comeback des Nabelpiercings hoffen lässt. Hochwertige Metalle liegen in der Piercingkultur nach wie vor voll im Trend, was auch dazu führt, dass der Schmuck immer individueller wird und kaum mehr an die alten in Massen produzierten Schmuckstücke aus rostfreiem Edelstahl erinnert. Neue Designs—die aktuell aus sehr viel filigranem Goldschmuck bestehen—bieten dem Nabelring die Art von Neuerung, die er bräuchte, um zum Modestatement des Jahres 2036 zu werden.

J. Colby Smith, ein New Yorker Piercer und Schmuckdesigner, der schon für Kunden wie Emma Stone, Zoe Saldana und der Into the Gloss-Gründerin Emily Weiss gearbeitet hat, sagt, er „frischt ziemlich oft" alte Nabelpiercings auf. Er schmückt die alten und neuen Löcher seiner Kunden im Alter von 25 bis 45 Jahren mit filigranen, schlichten und größtenteils goldenen Schmuckstücken.

Auch King zählt noch immer auf den Kulturträger, bei dem er damals selbst ein wenig die Finger mit im Spiel hatte.

„Ich glaube nicht, dass das Nabelpiercing nach wie vor ein so negatives, unmodernes und trendgesteuertes Image hat", sagt er. „Ich finde, es ist reifer geworden und kann sogar sehr elegant sein. Es ist in gewisser Weise erwachsen geworden."