Foto: Whekevi | Pixabay | gemeinfrei

Was ich bei meiner Arbeit in illegalen Casinos gelernt habe

Ich habe mitgehört, wie Gäste bewaffnete Raubüberfälle geplant haben – meistens geht's dabei um große Mengen Kokain.

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Aug. 6 2017, 9:00am

Foto: Whekevi | Pixabay | gemeinfrei

Charline, natürlich nicht ihr echter Name, jobbt seit fast einem Jahrzehnt in illegalen Casinos – in den letzten Jahren vor allem als Hostess bei Pokerspielen. Hier ist ihre Geschichte:

Alles fing damit an, dass meine Cousine mich fragte, ob ich einen Nebenjob brauche. Ihr Vater war ein passionierter Spieler und wollte jetzt seine eigenen Turniere organisieren. Dafür suchte er noch Hostessen. Mein Onkel ist ein etwas zwielichtiger Typ und so sieht er auch aus: schwarzer Schnurrbart, dicke Fliegerbrille und eine große, funkelnde Uhr am Handgelenk.

Ich war 19 und der Job klang verlockend. "Viel Geld für wenig Arbeit", hatte meine Cousine gesagt. Nach einer kurzen Einführung durch meinen Onkel konnte ich sofort anfangen. An meinem ersten Tag arbeitete ich als Croupière in einem luxuriösen Strandhotel. Es war der Auftakt eines großen Pokerturniers mit vielen bekannten Spielern. Ich war nervös und gab erst mal die falschen Karten raus. Der Rest des Abends lief aber ziemlich gut.


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Mein Onkel betrieb eine Zeit lang auch sein eigenes illegales Casino. Davon gibt es in den Niederlanden, wo ich lebe, gar nicht so wenige und alle sind anders. Von der Bretterbude mit Erdnüssen und Bier bis zum luxuriösen Penthouse mit Kaviar und Escorts ist alles dabei. Ähnlich vielfältig sind die Menschen, die sie besuchen: Abgehalfterte Spielsüchtige und stilsichere Damen mit Mops in der Louis Vuitton-Tasche geben sich dort die Klinke in die Hand.

"Eigentlich alle, die illegale Casinos betreiben, haben ihr Geld mit krummen Dingern verdient."

Die Spielhölle, in der ich meistens arbeite, ist eine umgebaute Lagerhalle – von außen sehr unscheinbar. Zur Stammkundschaft gehören andere zwielichtige Casinobetreiber, Coffeeshop-Besitzer und professionelle Pokerspieler.

Eigentlich alle, die illegale Casinos betreiben, haben ihr Geld mit krummen Dingern verdient. Oft sind es Unterweltgrößen, die hauptsächlich mit Drogen oder gestohlenen Gütern handeln und nebenbei noch ihre Spielhölle haben. Die Angestellten dort sind in der Regel allerdings Studenten, die sich etwas Geld dazu verdienen wollen. So wie ich. Meine Schichten sind meistens lang. Ich starte um 19:30 Uhr und arbeite bis 11:30 Uhr am nächsten Tag. Ich verdiene etwa 300 bis 500 Euro pro Nacht, plus Trinkgeld. In meinen Pausen, wenn alle Gäste total in ihr Spiel vertieft sind, setze ich mich still mit meinen Unimaterialien in eine Ecke und lerne.

Ich arbeite zwar größtenteils für meinen Onkel, aber wenn ich Zeit habe auch für andere Casinos. Als Hostess bist du in gewisser Weise Eigentum des Hauses, aber wirklich vom Kellnern unterscheidet sich mein Job nicht. Ich achte darauf, dass die Aschenbecher leer und die Gläser voll sind. Zwischendurch quatsche ich ein bisschen mit den Gästen und sorge dafür, dass es ihnen gut geht und sie eine gute Zeit haben. Da ich eine ausgebildete Masseuse bin, biete ich Massagen für 50 Euro an. Einmal habe ich einem Gast auch ein Escort organisiert. Ich stelle den Kunden nie Fragen zu ihrem Privatleben, aber manche erzählen auch so schon genug. Ich habe einen Stammgast, der ist fast 90. Seine Freundin ist jünger ist als ich. Ständig gibt er damit an, wie viel Sex sie hätten und wie reich er sei. Dabei nuckelt er an seiner Zigarre.

"Solche Spielhöllen ziehen viele Spielsüchtige, die nicht länger in normale Casinos gelassen werden."

Es gibt kein Einsatzlimit an den Tischen und dementsprechend spielen die Gäste um viel mehr Geld als in legalen Casinos. Schummler sind leicht zu erkennen. Sie arbeiten in der Regel zu zweit und kommunizieren mit möglichst unauffälligen Handzeichen. Wenn ich sehe, dass sie versuchen gegen das Haus zu spielen, sage ich meinem Boss Bescheid. Aber nur, wenn ich mir absolut sicher bin. Falschspiel ist eine schwere Anschuldigung.

Solche Spielhöllen ziehen auch viele ernsthaft Spielsüchtige mit einem Berg Schulden an, die nicht länger in normale Casinos gelassen werden. Der Spielleiter eines illegalen Casinos behält im Blick, wer sich was leiht. Wenn ein Gast nicht zahlt, bekommt er Besuch vom Geldeintreiber. Wenn er immer noch nicht zahlen kann und Drohungen oder Gewalt nicht helfen, nimmt der Geldeintreiber das Auto oder irgendetwas anderes Wertvolles von ihm mit.

Foto: Pixabay | gemeinfrei

Ich versuche, bei Unterhaltungen über illegale Aktivitäten nicht mitzuhören. Je weniger du weißt, desto besser. Das ist aber fast unmöglich. Ich habe schon mitbekommen, wie Gäste bewaffnete Raubüberfälle geplant haben – in der Regel geht es um große Mengen Kokain.

"Die Spieler sind oft am verwundbarsten, wenn sie gewonnen haben."

Schlägereien sind auch nicht selten. Einmal haben sich bei einem Pokertunier zwei Typen geprügelt, nachdem der eine Spieler die Tochter des anderen eine Schlampe genannt hatte. Ich habe geschrien, dass sie aufhören sollen, aber niemand im Raum hat etwas getan. Es waren etwa hundert Leute anwesend, aber wenn so etwas passiert, schaut jeder in die andere Richtung. Ehre und so. Lediglich der Besitzer guckt hin. Aber auch der hat oft nur eine Regel: Niemand macht irgendwas kaputt. Die Spieler sind oft am verwundbarsten, wenn sie gewonnen haben. Ich habe mal gehört, dass ein Typ mit seinem Gewinn von 20.000 Euro gerade das Casino verließ, als ein paar Typen mit AK-47s vorbeifuhren und ihm alles abnahmen.

Einmal war ich in einem illegalen Casino in Dordrecht, einer Stadt im Westen. Nicht zum Arbeiten sondern für ein Date. Zwei Idioten haben sich draußen vor der Tür dermaßen angeschrien, dass die besorgten Nachbarn die Polizei gerufen haben. Plötzlich standen dutzende Beamte vor der Tür. Eine riesige Panik brach aus und alle haben versucht, abzuhauen. Einen haben sie verhaftet, nachdem er sich beim Sprung aus dem Fenster das Bein gebrochen hatte. Das ganze Geld wurde beschlagnahmt und jeder, den sie in die Finger bekamen, verhört. Als Gast musst du bis zu 7.200 Euro zahlen, wenn du in so einem Casino erwischt wirst. Als Besitzer musst du den Umsatz des ganzen Abends, inklusive aller Tischgewinne abgeben. Das können schon mal 500.000 Euro sein.

"Wenn ich mich über Belästigungen beschwere, werde ich sofort gefeuert."

Das Schlimmste an dem Job sind die Belästigungen durch die Gäste. Das passiert nicht immer aber manchmal. Und wenn ich mich darüber beschwere, werde ich sofort gefeuert. Für die Betreiber hat der Kunde immer recht. Einmal habe ich im Hinterzimmer von so einem schicken Restaurant gearbeitet – Samtvorhänge, die Bar aus Gold und überall edle Sofas. Vorne sah der Laden normal aus, aber hinten wurde um unglaubliche Summen gezockt. Dort gab es einen Typ, einen Zuhälter, der den ganzen Abend schon unerträglich laut gewesen war. Plötzlich fing er an, mich zu begrapschen. Ich sagte zu ihm: "Nimm deine dreckigen Hände weg!" Nicht nur musste ich sofort gehen, der Spielleiter des Ladens rief auch noch bei einem Casinobesitzer an, für den ich manchmal arbeite. Er solle doch überdenken, ob er mich weiterhin engagieren will. Ich sei "nicht freundlich" genug.

Trotz allem macht mir der Job Spaß. Mein Freund würde sich zwar freuen, wenn ich mir etwas anderes suche, aber ich will nicht. Ich muss mir nie Sorgen ums Geld machen. Ich kann teuren Urlaub machen, mir ein Auto und Klamotten kaufen, wann immer ich will. Und mein Freund bekommt zwischendurch auch mal ein nettes Geschenk von mir. Und sollten wir jemals eine Familie gründen, können wir die Kohle wirklich gebrauchen.

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