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Darum gucken so viele Leute RTL II-Armutspornos wie 'Hartz und herzlich'

"Man erklärt sie für 'minderbemittelt' und fühlt sich selbst dann besser", sagt Armutsforscher Christoph Butterwegge im Interview.

von Maria Christoph
17 Mai 2019, 9:07am

Patricia, 42, lebt seit 19 Jahren von Hartz IV und wurde von 'Hartz und herzlich' begleitet | Foto: RTL II

Es ist 20.15. Die RTL-II-Gemeinde versammelt sich. 1,56 Millionen Zuschauer blicken herab auf Pirmasens, eine Kleinstadt am Rande der Republik, die laut RTL II gegen den Niedergang kämpft. "Sobald es hier dunkel wird, musst du aufpassen, dass du nicht eine Kugel im Rücken hast", sagt LKW-Fahrer Patrick, 31, und: "Der Tod ist besser wie Hartz IV". Im Hintergrund läuft der Soundtrack von 4 Blocks.

Wir sind im Winzler Viertel, dem "sozialen Brennpunkt" der Stadt. Wo sonst. Anwohner reden vom Kampf ums Überleben, Drohnenaufnahmen zeigen Plattenbauten von oben. "Hartz IV ist allgegenwärtig", kommt es aus dem Off. "Ich bin eine arme Sau", sagt Patricia, 42, die seit 19 Jahren von Hartz IV lebt, in die Kamera – es ist ihr erster Satz in dieser Folge Hartz und herzlich, der neu aufgerollten Sozialdokumentation der Produktionsfirma UFA, die uns genau das zeigt, was viele sehen wollen: Klischees.

In Pirmasens fliegen Möbel aus dem Fenster. Und auf Twitter startet der Shitstorm. Der Konsens der Kommentatoren lässt sich im Tweet einer jungen Frau zusammenfassen: "ARBEITEN ist das Zauberwort".

Ist Tatjana, 23, die diesen Kommentar während der Sendung in die Netzwelt pfeffert und laut Twitter-Bio großer Taylor Swift-Fan ist, sich bewusst, dass 1,1 Millionen Menschen Hartz IV beziehen und gar nicht arbeitslos sind? Wohl nicht. Aber wie auch, wenn man sich seine Realität anhand solcher Sendungen erbaut? Natürlich gibt es die Patricias und die Patricks, und sicherlich hat die Stadt Pirmasens ein Problem mit Arbeitslosigkeit. Aber momentan beziehen nur rund 5,6 Mio Menschen in Deutschland Hartz IV. Die Zahl der Betroffenen sinkt stetig, auch wenn die Zahl der von Armut betroffenen Kinder im vergangenen Jahr auf über zwei Millionen anstieg. Das ist beängstigend. Feststeht: Das, was wir im Fernsehen sehen, kann kein annähernd reales Bild eines Lebens mit Hartz IV zeichnen.


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Warum solidarisieren wir uns nicht mit diesen Menschen, sondern machen uns im Gegenteil sogar darüber lustig, schauen von hier oben nach da unten?

Wir haben den Armutsforscher Christoph Butterwegge von der Universität Köln gefragt. In diesem Interview lernst du, warum du dich besser fühlst, wenn du im Fernsehen siehst, wie schlecht es anderen geht, und das Twitter ein Ventil dafür ist, unsere eigene Angst vor dem sozialen Abstieg zu verarbeiten.

VICE: Herr Butterwegge, was macht das mit uns, wenn wir Sendungen wie Hartz und herzlich ansehen?
Christoph Butterwegge: Das verfestigt die Überzeugung, dass die Armen selber schuld sind. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Die Sendungen tun so, als ob Armut ein persönliches, individuelles Schicksal sei – und kein strukturelles, gesellschaftliches Problem. Weil uns ja Personen gezeigt werden und keine Strukturen. Wir sehen nur, dass die Betroffenen sich falsch verhalten, nicht mit Geld umgehen können, zum Alkohol greifen, auf der faulen Haut liegen. Das schließt natürlich aus, dass man daran als Zuschauer etwas ändern will. Denn es muss ja jeder selbst zusehen, wie er damit umgeht.

Warum schauen sich so viele Leute Sendungen wie diese an?
Das entlastet all diejenigen, die nicht selber von den Problemen betroffen sind. Ihnen wird nahegebracht: Ihr habt keine Schuld daran, dass über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Hartz-IV-Haushalten leben. Ihr müsst auch politisch oder gesellschaftlich nichts unternehmen, um etwas daran zu ändern. Denjenigen, die in einer ähnlichen Situation sind, wird vermittelt: Du musst dich damit abfinden. Guck, denen geht es auch so.

Armutsforscher Christoph Butterwegge
Armutsforscher Christoph Butterwegge | Foto: Wolfgang Schmidt

Auf Twitter starten während der Sendung Diskussionen unter #Hartzundherzlich. Viele Kommentare sind negativ. Was bringt die Leute dazu, sich so über die Protagonisten zu äußern?
Dasselbe, was sie dazu treibt, die AfD zu wählen: Man kann sich über die erheben, denen es noch schlechter geht. Man wendet sich zwar nicht gegen "die da oben", die Verantwortung tragen für gesellschaftliche Missstände und soziale Probleme, kann aber nach "denen da unten" treten. Flüchtlinge eignen sich da natürlich noch besser, Hartz-IV-Empfänger aber auch. Man erklärt sie für "minderbemittelt" und fühlt sich selbst dann besser. Das ist eine Möglichkeit, mit Krisen und Umbruchsituationen umzugehen.

VICE: Was bringt die Leute, dazu sich so negativ über die Protagonisten zu äußern?
Butterwege: Dasselbe, was die Leute dazu treibt, die AfD zu wählen. Man kann sich über die erheben, denen es noch schlechter geht.

Also geht es den Twitter-Kommentatoren auch nicht gut?
Das ist ähnlich wie bei der AfD. Oft sind es Leute aus der unteren Mittelschicht, die Angst haben vor dem sozialen Abstieg. Für die ist es attraktiv zu sehen, dass schon viele abgestiegen sind. Es ist eine psychologische Verarbeitungsweise, andere zu verachten und sich damit selbst zu erhöhen. Für diejenigen, die nicht in der gleichen Situation sind, die nicht mit der Flasche Bier im Trainingsanzug herumlaufen, suggeriert das: "Ich muss den Abstieg nicht fürchten, denn ich bin ja nicht so. Ich gehe zur Arbeit, bin ordentlich und fleißig und strenge mich an."

Was sagen diese Kommentare über den Umgangston in unserer Gesellschaft aus?
Die Gesellschaft ist seit der Einführung von Hartz IV 2005 viel rauer geworden, eiseskalt. Das gilt nicht bloß für den Umgang vom Jobcenter gegenüber den Betroffenen, sondern auch für den gesellschaftlichen Umgang mit den Armen im Allgemeinen. Weil das Armutsproblem wächst, verschärfen sich auch die Reaktionen. Die Reaktionen auf Twitter zeigen, dass das Problem jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Damit meine ich nicht die Armut selbst, sondern die Angst vor dem sozialen Abstieg. Die ist die eigentliche Triebkraft.

Armut wird mit Hartz IV und Arbeitslosigkeit gleichgesetzt. Sollen die Sendungen abschrecken?
1,1 Millionen Menschen bekommen Hartz IV und sind gar nicht arbeitslos. Die bekommen das Arbeitslosengeld II nur, weil ihr Lohn so gering ist, dass sie allein davon nicht leben können. Es gibt aber auch viele Menschen, die Geringverdiener sind und sich nicht trauen, Hartz IV zu beantragen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Sie schämen sich, sind zu stolz, nicht gut informiert oder haben einfach Angst vor dem bürokratischen Aufwand. Wenn man Hartz-IV-Empfänger dann so im Fernsehen sieht und dadurch miterlebt, wie die Leute wohnen, wird man natürlich auch abgeschreckt und will nicht zu diesem Kreis gehören. Das ist vielleicht nicht die Intention der Sendung, aber eine Auswirkung.

Ist es gut, dass sich das Privatfernsehen generell mit dem Thema Armut beschäftigt?
Ich bin da gespaltener Meinung. Wenn sich keiner um das Thema Hartz IV kümmert, dann ist es auch nicht gut. Aber nach Christian Lindners Motto "Besser gar nicht regieren, als falsch", müsste man diese Hartz-IV-Berichterstattung abschaffen. Einige der Hartz-IV-Beziehenden fühlen sich da sicher verarscht.

Es gibt allein 600.000 alleinerziehende Mütter, die Hartz IV beziehen, mit etwa einer Million Kindern, die sich bemühen, irgendwie Fuß zu fassen. Die fühlen sich ganz sicher diffamiert. Das ist ein Problem. Fast sechs Millionen Menschen beziehen in Deutschland Hartz IV, darunter etwa zwei Millionen Kinder. Dies ist ein ziemlich großer Teil der Bevölkerung. An der großen Zahl sieht man schon: Das müssen die unterschiedlichsten Menschen sein, von denen nur wenige dem Klischee dieser Sendungen entsprechen dürften.

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