Ich bin aus Sachsen weggezogen, weil ich die Rassisten nicht mehr ertragen habe

Mein Partner ist aus Mosambik, wir haben Kinder. Im Zoo riefen sie: "Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen."

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Sep. 26 2017, 8:17am

Foto: imago | Christian Ditsch

Dieser Text ist zuerst auf dem Blog von Sophie Sumburane erschienen.

Dass es in Deutschland Orte gibt, an die man nicht geht, wenn man scheinbar kein Deutscher ist, das wusste ich schon länger. Spätestens, seit ich bei einem Pizzaservice um die Ecke gearbeitet habe und die Mitarbeiterin am Backofen einmal rief: "Hey, guckt mal der Schwarze (sie sagte ein anderes Wort) da draußen. Holt den mal rein, ich wollte schon immer einen dressierten Affen, der mir mein Bier bringt."

Sie fuhr am nächsten Tag in den Urlaub – in die Sächsische Schweiz. Diese Sächsische Schweiz, in der die AfD am Sonntag 35,5 Prozent der Stimmen bekam und schon lange eine Hochburg der Rechten ist. In diese Sächsische Schweiz fuhr die rassistische Kollegin, die für ihren Spruch Gelächter bekam, zusammen mit Freunden in einem BMW, Deutschlandfahnen rechts und links über den Scheinwerfern, Wehrmachtssymbol am Heck.

Die Sächsische Schweiz ist der Ort, wohin ich schon damals mit meinem aus Mosambik stammenden Partner und unserer gemeinsamen Tochter wohl nicht in den Urlaub gefahren wäre. Ich fand es gar nicht weiter betrauernswert, dass es eben Berge gibt, die ich nur auf Fotos sehen werde. Fotos zum Beispiel von Facebook-Freunden, die romantische Bergpanorama-Bilder posten und die Beflaggung an den Häusern der Dörfer unkommentiert wehen lassen. Ebenso, wie ich nichts zum Spruch der Pizzabäckerin sagte. Was soll das schon bringen? Die sind halt dumm, lass sie reden.

Ein Kind nannte meine Tochter "Kaka", seine Mutter lachte

Das war vor fünf Jahren. Mittlerweile haben wir drei Töchter. Wir leben nicht mehr in Leipzig, auch weil der latente Rassismus uns zu zermürben drohte. Weil wir es nicht mehr hören konnten, wenn Menschen im Zoo sagten: "Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen." Weil wir uns nicht mehr zweimal überlegen wollten, ob man abends wirklich nochmal auf die Straße geht. Ob man wirklich ein sprichwörtliches Fass aufmachen muss, wenn ein Kind aus dem Kindergarten das eigene Kind als "Kaka" bezeichnet und die Mutter lacht. Ob man sich wirklich ärgern will, wenn die Nachbarn tuscheln: "Seit die Schwarze hier wohnt, spielen die Kinder viel lauter." Ob man sich wirklich als "stinkend" bezeichnen lassen möchte.


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Das – und anderes – haben wir stillschweigend hingenommen. Wir haben unsere Sachen gepackt und sind weg aus Sachsen, wo die AfD am Sonntag mit 27 Prozent stärkste Kraft geworden ist. Wir sind nach Potsdam. Doch die braune Soße ist uns hinterhergeflossen.

Die Orte, an die wir nicht gehen wollen, werden mehr

Zugegeben, es hat gedauert, aber nun gibt es auch hier Orte, an die wir nicht gehen wollen. Menschen, denen wir nicht begegnen wollen. Es gab sie schon immer, einige wenige. Kaum sichtbar, nur für die, die sich ihnen in den Weg stellen, durch Taten oder durch die äußere Erscheinung. Doch nun werden sie mehr und davor habe ich Angst.

Ich möchte meiner Tochter nicht erklären müssen, warum die Leute ständig ihre Haare anfassen wollen, warum andere Kinder über sie lachen, nur weil sie da ist, warum man sie im Schwimmunterricht mehrfach fragt, ob sie wirklich schwimmen könne, bevor man sie ins Wasser lässt, warum die Menschen sie immerzu fragen, woher sie komme.

Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie eine Partei die rote Linie durch ständiges Übertreten immer mehr in die Mitte schiebt, immer ein Stück weiter, immer noch ein bisschen krasser. Ich möchte nicht ertragen müssen, dass Rassismus kein Tabu mehr ist.

Dabei weiß ich, dass er es schon längst nicht mehr ist. Ich weiß, dass man als äußerlich Deutscher davon kaum etwas spürt, den Kopf über einen Alexander Gauland schüttelt und den Fernseher abstellt, abhakt, weitermacht. Ich weiß aber auch, wozu das führt.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich gefragt werde, ob sich mein Schwarzer das Visum ervögelt hat

Damals, vor fünf Jahren, nahm ich die Pizza und trug sie zum Auto, schüttelte den Kopf über den dressierten Affen und versuchte, das zu vergessen. Heute fühle ich mich, als hätte ich meine Familie verraten, weil ich nicht schon damals etwas gesagt, etwas getan habe.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es Orte gibt, an die ich oder meine Familie nicht gehen dürfen. In der ein kleines Kind als Aggressor gilt, oder als ein Ding, das man anfassen und bestaunen kann. Das in den Mathe-Nachhilfeunterricht für Diskalkulieverdacht geschickt wird, in dem sich sämtliche äußerlich nicht deutsche Kinder der Klassenstufe treffen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich auf offener Straße gefragt werde, ob sich mein Schwarzer (wieder ein anderes Wort) fröhlich das Visum ervögelt habe und nun in Saus und Braus auf Staatskosten lebe, wenn ich mit meinen Kindern ohne ihn unterwegs bin. Wenn er doch mitkommt, ist er übrigens ein arbeitsloser Schmarotzer, der unsere deutschen Frauen stiehlt. Als ob Frauen nicht mündig wären, selbst zu entscheiden, an wen sie sich binden, aber das macht ein anderes Fass auf.

Ich habe Angst vor der AfD, vor dem Menschenbild, das diese Partei schürt, vor dem Feuer, das sie legt. Angst, weniger um meinetwillen, als für meine Kinder, die einen Hass zu spüren bekommen, den sie nicht verstehen können. Den ich nicht verstehen will.

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