Warum gibt es zum Weltfrauentag getrennte Demos?
Foto: Christopher Glanzl
weltfrauentag

Warum gibt es zum Weltfrauentag getrennte Demos?

Wir haben die Organisatorinnen* der zwei größten Demozüge gefragt, weshalb sie nicht zusammen auf die Straße gehen.
8.3.18

Im Rahmen des 8. März, dem Weltfrauentag, sind wir dem Aufruf des Frauennetzwerk Medien gefolgt und verwenden an diesem Tag das generische Femininum.

Schon wieder Weltfrauentag und schon wieder zahlreiche Gründe, warum wir ihn noch immer so dringend brauchen. Jedes Jahr zählen wir sie wieder auf – verstärkt am 8. März. Jedes Jahr gibt es neue Forderungen. Weil es etwa eine neue Regierung gibt, die die Aufgabe der Frau mehr am Herd als anderswo sieht und weil Maßnahmen getroffen werden, die genau das forcieren: etwa eine Kindergartengebühr in Oberösterreich, die Frauen dazu drängt, unbezahlte Sorgearbeit zu leisten. Es gibt sie, die Gründe, auf die Straße zu gehen, und leider noch immer zuhauf.

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Mehr als 100 Jahre, nachdem der internationale Frauentag aus den Kämpfen der sozialistischen Frauenbewegung entstand, gehen wir heute ein weiteres Mal auf die Straße, um unsere Rechte einzufordern. In Wien gibt es heute gleich mehrere Demonstrationen, denen wir uns anschließen können:

Darunter etwa die FrauenLesbenMigrantinnenDemo, organisiert vom FZ (FrauenLesbenMädchenZentrum), die um 17 Uhr am Schwedenplatz startet und die Demonstration von Take Back The Streets um 17 Uhr am Christian-Broda-Platz.

Aufgrund verschiedener Positionen zu Transinklusivität und Sexarbeiterinnen* finden die Demos bewusst getrennt voneinander statt. Während das FZ zwar einen FLI*NT-Block (Frauen*, Lesben, inter, non-binary und trans* Personen) hat, ist der Rest des Demozugs ausschließlich von und für Frauen. Die Demo von Take Back The Streets ist dieses Jahr open for all Genders.
Wir haben mit den Organisatorinnen* gesprochen und gefragt, warum sie nicht zusammen marschieren.

Internationaler Frauentag in Wien (1948)

FrauenLesbenMädchenZentrum:

Warum braucht es eine Demo, die ausschließlich Frauen* teilnehmen lässt?
FZ: Es ist uns wichtig, dass es eine eigenständige Frauenorganisierung gibt. Eine befreite Gesellschaft ist nur dann möglich, wenn sich Frauen eigenständig organisieren und füreinander kämpfen. Die Frage, ob Männer kommen können, ist ein ewiges Thema. Es ist natürlich wichtig, dass sie solidarisch sind und sich gegen das Patriarchat organisieren. Aber es muss auch drin sein, dass sie eine Eigenständigkeit von Frauen akzeptieren.

Es ist eben ganz oft so, dass Männer plötzlich dann dabei sein wollen, wenn Frauen ihren eigenen Raum schaffen und so ihre Rechte einfordern. Und das ist ziemlich ignorant gegenüber dem, dass Frauen Subjekte sind, die ihre eigenen Forderungen haben. Frauen haben ihre eigene Kraft und der Respekt davor ist der Grundstock für eine Veränderung in der Gesellschaft.

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Ihr kritisiert in eurem Aufruftext, dass die Regierung "Die Verschiedenheit von Mann und Frau als Bestandteil menschlichen Lebens" beschreibt. Könnte man euch dann nicht vorwerfen, Geschlecht auch zu differenzieren, wenn ihr Cis-Männer und Transpersonen ausschließt?
Eine Frauenbewegung schaut sich die Lebensverhältnisse und die Sozialisation von Frauen an. Und eine Geschlechterbefreiung wird es nur geben, wenn es eine Frauenbefreiung gibt. Das Patriarchat hat eine ganz bestimmte Vorstellung, was eine Frau ist. Der feministischer Kampf versucht, dieses Abziehbild einer Frau zu verwerfen und die Lebendigkeit und Vielfalt von Frauen sichtbar zu machen. Feminismus versucht, diese Reduzierungen und Zuschreibungen komplett in Frage zu stellen. Klar kommt da regelmäßig der Vorwurf, dass man so das Frausein ebenso differenziert. Wir haben allerdings keine klare Definition dafür, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Und das, was Frauen außerhalb des Patriarchats sein können, muss erst erkämpft werden.

Das, was Frauen außerhalb des Patriarchats sein können, muss erst erkämpft werden.

Warum schließt ihr dann Transpersonen aus?
Es gibt von feministischer Perspektive eine Kritik an queerer Ideologie und das hat mit Schönheitsoperationen und der Gentechnik zu tun. Diese patriarchalen Strukturen reproduzieren Schönheitsideale und formen "perfekte" Körper. Eine strikte Trennung von Männlich und Weiblich wird dadurch widergespiegelt.

Transpersonen können die üblichen Klischees vom Patriarchat weiter reproduzieren. Argumente wie "Ich bin eine Frau, weil ich mich gerne schminke" oder bei Kindern "ich bin ein Mädchen, weil ich lieber mit Puppen als Fußball spiele". Geschlecht wird dadurch zugerichtet und Zwangsoperiert. Viele werden zu Frauen gemacht. Genau diese Geschlechtsidentität lehnen wir ja ab. Aber der Kampf um ein drittes Geschlecht ist ein anderer als der, den wir führen. Doch wir sollten im Bündnis miteinander sein. Aber der 8. März ist ein Tag für Frauenrechte.

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Es gibt natürlich viele Personen, die nicht in dem Geschlecht geboren wurden, das tatsächlich ihr Geschlecht ist und sich nicht in ihrem Körper wohlfühlen. Das System schreibt einem vor, was man sein sollte – auch, wenn kein Geschlecht zu einem passt. Transfrauen dürfen ja genauso auf unsere Demo. Aber es ist notwendig, zu betonen, dass es ein Unterschied ist, ob man als Bursche oder Mädchen aufwächst. Das ist eine andere Realität.

Take Back the Streets haben euren Vorschlag abgelehnt, eine gemeinsame Demo zu Veranstalten, weil ihr unterschiedliche feministische Werte vertretet. Inwiefern wärt ihr dazu bereit, einen Kompromiss einzugehen, um eine gemeinsame Demo zu veranstalten?
Wegen unterschiedlicher Positionen ist es nicht zu einem Zusammenschluss der Demos gekommen: Erstens, weil das FZ transexlusiv ist. Trotzdem sind wir ja solidarisch und bei Aktionen und Veranstaltungen dabei. Außerdem gab es von uns auch den Vorschlag, einen FLI*NT-Block auf der Demo zu haben, wie auch die Jahre zuvor.

Zweitens, weil wir unterschiedliche Positionen zu Prostitution haben. Dass Rechte für Sexarbeiterinnen* nötig sind, steht ja außer Frage. Trotzdem braucht es den feministischen Diskurs, der die Prostitutionsverhältnisse in Frage stellt. Prostitutionsverhältnisse sind Machtverhältnisse im Patriarchat. Die Jahre zuvor gab es immer zwei Redebeiträge: Einen für mehr Rechte für Sexarbeiterinnen* und einen, für das Verbot von Prostitution.

Blick auf die Massenkundgebung anlässlich des internationalen Frauentages in Wien (1947)

Take Back the Streets:

VICE: Ihr seid, im Gegensatz zum letzten Jahr, open for all Genders. Weshalb habt ihr eure Einladungspolitik geändert?
Take back the Streets: Wir hatten letztes Jahr eine FLI*NT-Einladungspolitik, sind dann aber bei der Demo-Nachbereitung draufgekommen, dass diese Einladungspolitik realistisch nicht durchführbar ist. Wir können nicht jede Person fragen ob sie jetzt eh FLI*NT ist. Und einfach so anzunehmen, wer was ist, wäre scheiße. Außerdem sollen Cis-Typen ruhig mal ihren Arsch hochkriegen und Solidarität zeigen und das auch können.

Warum ist die Teilnahme aller Geschlechter wichtig?
Die meisten Veranstaltungen um den 8. März haben traditionsbedingt den Fokus auf Cis-Frauen. Wir finden, dass das viel zu kurz gedacht ist. Alle sind vom Patriarchat betroffen – egal ob nicht-binäre Personen, Männer oder Frauen. Wir finden, dass feministische Kämpfe gemeinsam geführt werden müssen. Nur weil etwas als "Frauenthema" begriffen wird, heißt das nicht, dass Frauen alleine dafür verantwortlich sein müssen, etwas zu ändern.

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Außerdem betreffen "Frauenthemen" oft nicht ausschließlich Frauen. Zum Beispiel Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche. Nicht nur Cis-Frauen könnten schwanger sein, sondern zum Beispiel auch Transmänner oder nicht-binäre Menschen. Und alle Menschen sollten das Recht auf Selbstbestimmung haben.

Alle sind vom Patriarchat betroffen – egal ob nicht-binäre Personen, Männer oder Frauen.

Warum habt ihr den Vorschlag der FrauenLesbenMigrantinnenDemo, gemeinsam zu demonstrieren, abgelehnt?
Die FrauenLesbenMigrantinnenDemo in Wien hat eine lange Tradition. Wie das im feministischen Aktivismus so ist, gibt es aber unterschiedliche feministische Zugänge zu verschiedenen Themen. Daraufhin beschlossen wir 2017 eine alternative Demo zu organisieren. Es gibt zwar einige Themen, bei denen wir übereinstimmen, aber leider haben wir auch Differenzen, bei denen wir nicht auf einen Nenner kommen. Natürlich verstehen wir den Wunsch nach einer großen Demo. Gleichzeitig würde das auf Kosten all jener gehen, die dann entweder nicht mehr an der Demo teilnehmen können oder das aus nachvollziehbaren Gründen nicht wollen. Wir bewerten es nicht als per se als gut oder schlecht, dass es in Wien nun eben zwei Demonstrationen am 8. März gibt.

Mit wie vielen Leuten rechnet ihr?
Wir können das im Moment gar nicht abschätzen, wir werden es am Donnerstag sehen. Letztes Jahr waren es zirka 500 Leute. Das war für uns schon eine überraschend große Menge, da unsere Demo ja das erste Mal stattfand. Wir hoffen natürlich, dass es dieses Jahr noch mehr werden. Die Anzahl der Leute ist für uns aber nur zweitrangig. Selbstverständlich freuen wir uns, wenn viele Menschen gemeinsam mit uns auf die Straße gehen. Ob das jetzt 500, 100 oder 1000 Menschen sind, ist uns allerdings nicht so wichtig. Uns geht es darum, ein feministisches Zeichen zu setzen und Themen sichtbar zu machen. An einer Demonstration teilzunehmen ist nur eine Möglichkeit von vielen, feministisch aktiv zu sein. Und das nicht nur am 8. März, sondern jeden Tag.

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