Credits: Claudio Farkasch/CF Lichtschalter

"HP Baxxter muss nicht mehr in einen Kübel urinieren" – Es ist Halbzeit im Horst und wir haben Fragen

Wann müssen wir uns vom Horst nun wirklich verabschieden? Wird es ein Nachfolgeprojekt geben und gibt es endlich genug Klos für die armen DJs?

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05 Februar 2018, 2:29pm

Credits: Claudio Farkasch/CF Lichtschalter

Das Horst hat das Clubgeschehen in Wien in den letzten Monaten durchaus beeinflusst. Man leistete sich bisher wenige bis keine negativen Schlagzeilen und präsentierte dem Ausgehvolk, das auch Willens war, etwas mehr Eintritt zu zahlen, ein hochqualitatives LineUp. Ben und Luki, die mir schon im September Rede und Antwort standen, haben diesmal ein wenig länger gebraucht, um meine Fragen zu beantworten. Man versucht vorsichtig zu sein und nicht zu viel zu verraten. Aus gut informierten Kreisen war allerdings zu hören, dass das Nachfolgeprojekt, das bereits für 2019 anberaumt war, noch ein wenig zuwarten muss und man sich daher entschloss – das sagen die beiden auch im Interview – wohl noch einen in der Rotgasse dranzuhängen. Dass bis zur (Sommer)Pause im Mai noch hochkarätige Namen gebucht werden versteht sich von selbst.

Foto: Lichtschalter

Noisey: Das Clubprojekt Horst ist nun in etwa in der Halbzeit angekommen, wie fällt euer Resümee aus?
Horst: In fünf Worten zusammengefasst würden wir sagen, dass die Zeit unerwartet, masochistisch, brüderlich, fantasiereich und anziehend war. Klar könnten auch noch zweihundertachtunddreißig andere Adjektive in der Beschreibung des Resümees passen, da wir jede nur erdenkliche Gefühlswelt in den letzten Monaten durchlebten. Anziehend deshalb, weil mittlerweile fast jeder von uns quasi im Club lebt – vor allem Adrian (Der Chef vom Dienst, oder Abendleiter wie man in Berlin gerne sagt).

Foto von Ivana Dzc

Man findet sich sogar an freien Arbeitstagen zu späterer Stunde im Horst ein, da sich eine massive Unruhe im Körper breit macht – man will ja nichts verpassen. Es ist nach wie vor ein Herzensprojekt, bei dem man ungern ein Resümee ziehen möchte. Jeder Tag war einzigartig und niemand möchte all diese Nächte missen.

Bei meinen Besuchen stellte ich fest, dass das Publikum sehr gemischt war. Manchen auch zu gemischt. Haltet Ihr die Kombination Tourist/Szenenbesucher/Landei auf Dauer im schnöden Wien für möglich?
So mancher war mit Sicherheit schon mal ein Tourist in einer anderen Stadt, wurde eventuell für einen Szenemenschen gehalten oder, wenn es ganz heiß herging, vielleicht sogar als Landei bezeichnet. Horst ist ein Ort, an dem man sich der Musik hingeben kann, ein Ort des Zusammenkommens und keines Falls der Diffamierung. Das letzte Wort am Horstportal, haben dennoch unsere Pförtner.

Musikalisch waren die Tage getrennt. Freitag gab es von Claptone bis Luciano alles. Samstag gab es Disco von HP Baxxter bis Garden Club. Darf man das denn – die vielen Techno und House-Stile so vermischen? Um provokant frei nach Kaiser Ferdinand zu fragen.
Nein! Darf man natürlich nicht – genauso wenig sollte man Ketchup mit Mayonnaise, Butter mit Nutella, Bier auf Wein, sowie Buben und Mädchen vermengen, geschweige denn alle anderen Substanzen dieses Planeten. War natürlich alles sarkastisch gemeint – eh klar. Bis auf den Butter-Nutella-Punkt vielleicht, da hört sich der Spaß dann wirklich auf! Für uns ist es genau die Vielfalt von musikalischem Mischkonsum, die das Ausgehleben erst so richtig interessant macht.

Was wurde aus dem Schnittlauchbrot und wie gut wurde die Saftbar angenommen?Welches Schnittlauchbrot, haha? Neben Berliner Luft, werden jedoch nach wie vor Butterbrote mit Kresse in der Hannelore liebevoll zubereitet. Wir sind überzeugt, dass diese herrlichen Brötchen ab 3:30 Uhr eine heilende Wirkung besitzen. Die Smoothiebar hilft zusätzlich jedem, der von ihr kostet, länger am Dancefloor durchzuhalten. "Tut dir gut " würde unser Freund Kaveh Ahi sagen.

Foto von Ivana Dzc

Die WC-Situation für DJs ist etwas schwierig, die Wege sind weit. Gab es da schon Beschwerden an besonders vollen Abenden?
Klar, dass sich die WC-Situation für die DJs schwieriger gestaltet als für unsere Gäste. Um die WC-Situation zu verbessern, haben wir uns dafür entschieden, die einsamen Pissoirs auf der Männertoilette gegen eine äußerst mächtige glänzende Edelstahl-Rinne auszutauschen, was zu einer bemerkenswerten Erhöhung des Durchlaufs führte und von nun auch den DJs zu Gute kommt. HP Baxxter muss zukünftig auch nicht mehr in einen Kübel im Backstage urinieren.

Wie ist das Verhältnis zu Nachbarn und Anrainern?
Man mag es kaum glauben, aber es gibt sie doch noch, Anrainer, mit denen eine friedliche und vor allem harmonische Koexistenz gelebt werden kann. Damit uns das Glück hold bleibt, reiben wir uns regelmäßig gegenseitig mit Kleeblättern ein.

Wurdet Ihr oft kontrolliert, was die Lautstärke anging?
Wir sind im ersten Bezirk, was glaubst du? Was aber bei den Kontrollen half, war, dass wir uns das erste Mal in unserem Leben einheitlich wie Musterschüler benommen haben. Ein völlig neues Gefühl, das einige Probleme schon im Keim erstickt hat. Hätten wir doch schon früher auf unsere Eltern gehört, dass es besser ist nach den Regeln dieser Welt zu tanzen, hätten wir jetzt zwar mit Sicherheit keinen Club, aber die ein oder andere blöde Situation wäre uns vermutlich erspart geblieben.

Welche fetten Bookings darf man für die zweite Hälfte nun erwarten und vor allem, kann man nun schon sagen wie lange diese dauert?
Wir, beziehungsweise Ben und Bono, sind gerade dabei jene Bookings umzusetzen, die in unserem kurzen Dasein eigentlich gar nicht möglich sein sollten (siehe Luciano). Wir haben uns intern die Messlatte extrem hochgesteckt und möchten an dieser Stelle nur so viel bekannt geben, dass man sich die Freitagabende in nächster Zeit auf jeden Fall freihalten sollte! Samstagvormittag wahrscheinlich auch noch. Mitte Mai ist mit der 2. Hälfte des horstianischen Daseins definitiv Schluss.

Foto von Bono Goldbaum

Wie zufrieden seid ihr mit dem Disco-Samstag? War die Auslastung ausreichend, denn der Club ist ja riesig?
Zu Beginn gab es weder einen Plan, wie die Samstage musikalisch durchdekliniert werden sollten, noch jemanden, der sich aktiv darum kümmern wollte (man war ja schließlich dem elektronischen Freitag verschrieben). Die armen DJs hatten eigentlich keine Chance, unseren Ansprüchen am Samstag zu genügen. Die ausgewählten Lieder waren uns entweder zu langsam, zu schnell, zu elektronisch, zu kommerziell, zu alt oder zu neu. Dennoch wuchs der Zuspruch für das Samstagsvorhaben stetig – irgendwas mussten wir beziehungsweise viel mehr die DJs, also richtig gemacht haben.

Foto von Ivana Dzc

Die Venue ist natürlich riesig, was den Druck auf unseren Schultern nicht wirklich geschmälert hat. Mit der Zeit verabschiedete man sich von ideologischem Disco-Sound und ging mehr auf die Nachfrage des Publikums ein. Songs zum Mitsingen wurden mit House, Hip Hop, 90er, Electro und Dingen gemischt, von denen wir nicht wissen, wie man sie betitelt. Die Energie, die hier durch glückliche Menschen im Publikum freigesetzt wurde, führte immer öfter zu einem kollektiven Ganzkörper-Gänsehaut-Erlebnis. Wir sind überzeugt, dass die Leute spüren, wenn man hinter einer Sache steht und noch viel mehr, wenn gute Freunde zusammen an einem Strang ziehen. Die Samstags-Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit Jan (1000things to do in Vienna), Kaveh (Garden Club) oder unseren heißgeliebten Rollerdiscogirls bis jetzt veranstalten durften, werden wir so schnell nicht vergessen. Bei der letzten Super 90s Disco hatten wir mehr Gästelistenanfragen von unseren "Techno "-Freunden als am elektronischen Tag zuvor. Super Disco ist in der Stadt angekommen und die Auslastung an der Kapazitätsgrenze angelangt.

Foto von Ivana Dzc

Gibt es konkrete Ansagen bezüglich des Nachfolgeprojektes?
Seit ein paar Tagen ist es auch seitens der Hauseigentümer tatsächlich im Gespräch, dass Horst vielleicht wirklich weiterleben darf, da der Umbaubeginn eventuell nach hinten verschoben wird. Das liegt allerdings nicht in unserer Hand, deshalb leben wir die Tage des Horstes, als wären sie die Letzten. An Ideen bezüglich Nachfolgeprojekten mangelt es momentan nicht. Mit einer konkreten Ansage können wir jetzt leider noch nicht dienen. Sorry.

Foto: Horst

Wie schwer hatte es die Tür, grölende Innenstadttouristen davon zu überzeugen, woanders hin zu gehen?
Zu Beginn sagten wir den Sängerknaben vom Schwedenplatz, dass unser Eingang in ein unterirdisches Schwimmbad führt und nichts mit einem Club zu tun habe. Das war teilweise echt äußerst amüsant. Es hat sich aber mit der Zeit recht schnell herumgesprochen, dass wir einen gewissen Benimmkodex vor der Tür pflegen und sehen uns zusätzlich als Nachbarschaftswache. Wer in den Club möchte, möge bitte zu Hause oder in einer anderen Straße singen!

Foto: Horst

Ein bisschen hatte man den Eindruck, man wollte nicht zu viel Techno. Die besten Partys waren dann aber doch die, wo es am Ende härter wurde oder täuscht mein Eindruck?
Durch Rudis Brille betrachtet, könnte man das so sehen. Down-Tempo-Anhänger würden vermutlich das genaue Gegenteil behaupten, zum Beispiel, dass die besten Partys jene waren, wo es am Ende langsamer wurde. Es ist wie es ist, der eine mag's, der andere nicht.

Foto von Lichtschalter

Würdet ihr sagen, es gibt ein echtes Stammpublikum oder ist es immer verschieden je nach Tag und Act?
Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass sich so viele Leute jedes Wochenende wie zu Hause fühlen. Wir haben ja immerhin auch ein Wohnzimmer im Club. Mit Piano.

Foto von Marko von Andor

Die Anlage war nicht das absolut Gelbe vom Ei, da fehlt oft eindeutig Feinjustierung und Wumms. Woran könnte das gelegen haben?
Es wurde anfangs einfach zu viel Luft im Club bewegt. Darin waren wir fast schon Weltmeister. Leider war das eher kontraproduktiv den Nachbarn gegenüber, welche verständlicher Weise Nachts einfach nur schlafen wollten. Die Umstellung auf Function One war aber auch alles andere als easy. Gemeinsam mit Nomex und dem Einsatz des ersten psychoakkustischen Systems in Österreich, haben wir einen Weg gefunden, den Schall auf der Tanzfläche zu konzentrieren und aus diversen Schlafzimmern fernzuhalten.

Gab es irgendwelche Schreckenstage, wo alles schief lief?
Abgesehen von den Tagen unmittelbar vor dem Opening, wo alles, nur kein Club erkennbar war und der Geschichte, dass wir Luciano vor seinem Gig eingesperrt haben, ist eigentlich alles glatt gelaufen (zumindest in unserer Wahrnehmung). Ein spezieller Moment war auch der Aufbau des Journey to Tarab-Festivals, wo der Club erneut kurzfristig in exakt den Zustand zurückversetzt wurde, wie unmittelbar vor dem Opening. Auch wenn es ein Schreckensmoment für einige war, hat es sich schlussendlich ausgezahlt, den Club in etwas zu verwandeln, das man nur schwer in Worte fassen kann.

Foto von Benschamör

Wird sich der Horst im Spätwinter/Frühjahr im Bezug auf die Innenausstattung oder die Deco etwas verändern?
Erst vor ein paar Tagen haben wir ohne Witz eine neue Tür gefunden, die uns einen völlig neuen Raum offenbarte. Niemand wusste von dessen Existenz. Es gibt bereits sowohl kreative als auch sehr eigennützige Ideen, was mit dem Raum nun geschehen soll, wir haben zum Beispiel noch eine komplette und funktionierende Sauna im Lager herumliegen.

Foto: Horst

Ihr seid ja ein bunter Haufen, habt Ihr euch gut zusammengefunden, werdet Ihr in derselben Konstellation weitermachen?
Horst blüht erst jetzt richtig auf, denn als Team haben wir uns mittlerweile soweit eingespielt, dass nicht jeder Tag in absolutem Chaos mündet. Wir haben die letzten Monate unterm Strich zusammen mehr genossen, als wir uns je erträumt haben und wenn wir die Chance bekommen in dieser Konstellation weiterzumachen, dann bitte bis ans Ende unserer Tage!

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