Fragen, die eine Prügelei auf der Bundes-Rammlerschau aufwirft

Nicht das, was ihr denkt, ihr Schlingel.

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04 Februar 2019, 3:23pm

Foto: Hasen | imago | blickwinkel || Explosions-Icon | CC0 || Montage: VICE

Es war Bundes-Rammlerschau in Halle an der Saale, und dort ging es nicht etwa um das Who's who der deutschen Amateurporno-Szene, sondern um Rassekaninchen. Wie der Landesverband der Kaninchenzüchter von Sachsen-Anhalt berichtet, waren fast 10.000 Kaninchen angemeldet. Die Auszeichnung für den erinnerungswürdigsten Auftritt dürfte aber an vier Männer gehen, die sich noch am Zuchtstand – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Käfigkampf geleistet haben.

Ihr seid wahrscheinlich zu beschäftigt mit Netflix, den letzten Hausarbeiten oder Ausnüchterungs-Experimenten, aber lasst euch eins gesagt sein: Es gibt sie noch, die Menschen, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als ein ganzes Wochenende mit preisgekrönten Rammlern zu verbringen. Manche nehmen für die Schönsten unter ihnen sogar eine Fahrt durch halb Deutschland auf sich. Andere bringt der Rammler-Treff dermaßen in Ekstase, dass sie ihre Tiere mit Fäusten und cholerischen Schienbeintritten verteidigen.

Sind Rammler zu Schaden gekommen?

9.940 gemeldete Rassehäschen und freudig schnalzende Kleintier-Liebhaber, die in Gitterkäfigen starren, dazu der Duft von frischem Heu – genau das richtige Ambiente für einen Faustkampf: Ein 33-jähriger Niedersachse und ein 51-jähriger Sachse haben sich offensichtlich dermaßen an ungelösten Zuchtfragen erhitzt, dass sie eine Prügelei starteten, bei der im Anschluss auch zwei weitere Männer involviert waren. Am Ende landete einer der Beteiligten im Krankenhaus, wie die Polizei mehreren Medienberichten zufolge berichtet. Die Rammler dürften mit einem Schrecken davongehoppelt sein.


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Welcher Rammler hat den Streit ausgelöst?

Wie kann es inmitten süßer, flauschiger Kaninchen-Horden zu einem so handfesten Streit kommen? Die deutsche Miesepetrigkeit ist schuld, mögt ihr jetzt sagen, ihr niederträchtigen Kartoffelhasser! Tatsächlich dürfte es bei der Prügelei um viel wichtigere Dinge gegangen sein als um ein paar heruntergezogene Mundwinkel bei der Rammler-Begutachtung. Die Polizei sagt, sie kenne die Details der Streitursache nicht. Nur soviel: Es habe mit der Zucht des Niedersachsen zu tun gehabt.

Die Bild-Zeitung berichtet, der Sachse sei an dessen Stand gekommen und habe sich über die ausgestellten Rammler lustig gemacht. Daraufhin sollen sich die beiden so gestritten haben, dass der Sache den Niedersachsen gegen einen Käfig geschubst habe und dieser zu Boden gegangen sei. The disrespect is real! Und weil zwei andere Männer das anscheinend auch so sahen, griffen sie Berichten zufolge ein. Den mokierenden Sachsen hielt das aber nicht auf, im Gegenteil. Er soll einen der Hinzugekommenen mit einem Faustschlag niedergeboxt und auf ihn eingetreten haben, als dieser schon am Boden lag. Der Verprügelte kam ins Krankenhaus, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

War die Prügelei das Highlight der Bundes-Rammlerschau?

Nein! Die Bundes-Rammlerschau mag für viele so spannend klingen wie ein Besuch in Horst Seehofers ominösen Modelleisenbahn-Zimmer oder ein Spaziergang durch Berlin-Spandau. Aber nein. Hier die weiteren Schlagzeilen vom Rammler-Wochenende: Ein Kaninchen der Rasse "Castor Rex" wurde für seine Schönheit ausgezeichnet (Kommentar der Preisrichtenden: "außergewöhnlich vorzüglich!"), es gab Fachvorträge über Kaninchengesundheit und sogar über die neue Datenschutz-Grundverordnung. Fun!

Die deutsche Medienlandschaft aber scheint all diese Heiterkeiten heute übersehen zu haben, oder warum beschäftigen sie sich ausschließlich mit der Prügelei, und nicht mit mit den flauschigsten Schwänzen, den längsten Schlappohren oder den am produktivsten rammelnden Männchen? Das zeigt vielleicht, wie wenig wir überzüchtete Kaninchengene schätzen. Wir sind verroht. Wir mögen menschliche Abgründe.

Und ihr habt diesen Artikel angeklickt, weil ihr Schlägereien mögt oder weil ihr euch von den Rammlern etwas Anderes erwartet habt. Damit seid ihr mitverantwortlich für diesen Text, und für den schleichenden Untergang der Kleintierzüchtervereine, ihr Banausen.

Sind wir nirgendwo mehr in Sicherheit?

Sicher, im ersten Moment klingt der Rammler-Showdown lustig. Aber die Prügelei ist auch ein Symbol für gesellschaftsrelevante Probleme, die viel tiefer liegen, als es das lustige Wortspiel vermuten lässt: Offenbar sind wir chronisch so gereizt, dass wir nicht einmal mehr diese eine harmonische Hasen-Versammlung genießen können. Vielleicht zeigt der Käfig-Kampf auch, dass sich Proll-Prügler nicht einmal durch herzerweichende Nagetiere von ihrer toxischen Männlichkeit abbringen lassen. Und vielleicht ist er auch ein Zeichen dafür, dass wir soziale Netzwerke gar nicht brauchen, um uns in irrationale Neid-Fehden zu stürzen.

Am Ende lässt sich sicherlich viel in die Hasen-Schlägerei hineininterpretieren. Unterm Strich zeigt sie aber: Es gibt immer ein paar Typen, die weder Wut noch Brut unter Kontrolle haben. Und daran können auch süße Rammler nichts ändern.

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