Radar Festival

Die R’n’B-Queen Naomi Lareine hebt ihr Zepter für Selbstakzeptanz

"Ich bin Männern eigentlich eher gleichgesinnt. Wir stehen auf dasselbe Geschlecht, deshalb sind wir wie Bros."
28.2.19
Naomi Lareine mit langen Haaren und Mantel über der Schulter

Mit ihrem Song "Issa Vibe" hat Naomi Lareine den musikalischen Zeitgeist auf die Note genau getroffen. Seit ihrem Durchbruch 2018 ist die R’n’B-Queen aus der Schweizer Musikszene nicht mehr wegzudenken. Wir treffen die Newcomerin mit ihrem Manager Ketelby James in einem kleinen Café in Zürich, wo sie mit uns über ihre Homosexualität, aufdringliche Männer und ihre Zeit in der Schweizer Fussballnationalmannschaft spricht.

"Sorry, ich war grad voll im Stress", sagt sie etwas zerzaust, rückt ihr hellgraues Baseballcap zurecht und wirft ihre langen, dunklen Haare elegant über die Schultern. Für Naomi gibt es nur selten eine Verschnaufpause, sie eilt von einem Termin zum nächsten. Schon als Kind zog sie von Stadt zu Stadt. Da ihr Vater Hockeyprofi war und geschäftlich viel umziehen musste, wurde sie durch eine ganze Palette Schweizer Städte geschleift.

Durch ihren Vater fand auch Naomi den Zugang zum Sport. Mit 12 Jahren fing sie an Fussball zu spielen und schaffte es in nur vier Jahren in die Schweizer Nationalmannschaft. Doch schon bald überrollte sie eine andere Leidenschaft und schubste den Sport vom Podest: "Als ich mit 16 Jahren anfing zu singen, wollte ich nichts anderes mehr machen", sagt sie.

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Sport, Musik und ihre kaufmännischen Ausbildung, mehr fand in ihrem Alltag kaum Platz. "Ich kam nach Hause, habe Klavier gespielt, gelernt und ging am Abend ins Training", erzählt Naomi. Damit sie auch noch spät in der Nacht spielen konnte, kaufte sie sich ein Keyboard mit Kopfhörern. Ihre Leidenschaft kannte schon damals keine Grenzen, sie hatte sich Ziele gesetzt, und zwar ganz oben.

Ihr Ehrgeiz forderte einen hohen Tribut. "Damals waren meine Teamkolleginnen meine Freunde. Ausserhalb hatte ich praktisch keine", erzählt Naomi. Doch davon liess sie sich nicht abschrecken. Bis heute bekommt sie ihre Freunde nur am Wochenende zu Gesicht. "Wenn ich etwas will, dann hole ich es mir. Ich arbeite so lange, bis ich da bin, wo ich sein will. Ich brauche Action."

Naomi Lareine wurde vom albanischen Rapper Noizy entdeckt. Ein Jahr später, im März 2018, veröffentlichte sie ihren ersten Song "Sweet Latina". In Naomis Musik ging’s schon von Anfang an hauptsächlich um Liebe. Dass sie diese zu Beginn nicht rausbringen wollte, hatte einen Grund: "Ich schrieb über Gefühle, die ich selbst nie erlebt hatte", sagt sie. "Ich hatte mich damals noch nicht geoutet. Auch nicht mir selbst gegenüber." Sie habe daher oft "Boy" statt "Girl" gesungen. "Ich war damals nicht ich selbst."

Doch seit Naomi voll und ganz zu sich steht, geht es richtig vorwärts. "Der Song war für meine erste grosse Liebe. Dieses öffentliche Outing war für mich ein riesiger Schritt. Von diesem Zeitpunkt an fühlte ich mich endlich wie eine richtige Künstlerin." Gleichzeitig lernte sie ihren jetzigen Manager James kennen.

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"James hatte mich mehrere Male auf Instagram angeschrieben, aber ich habe ihn immer ignoriert", sagt sie lachend, und legt James freundschaftlich den Arm um die Schultern. "Ich hatte am Anfang super Mühe damit, wenn mich Typen angeschrieben haben. Ich habe die Nachrichten kollektiv abgelehnt, weil ich nicht darüber diskutieren wollte, warum ich mich für Frauen interessiere und nicht für sie." Naomi kriege regelmässig Heiratsanträge. "Das ist schon funny", sagt sie. "Sie sollten echt mal auf meine Texte hören – es ist so offensichtlich." Trotzdem seien viele über ihre Homosexualität ganz erstaunt und sagen Dinge wie: "Oh wow, ja, ich habe eigentlich nichts gegen Lesben." Mit solchen Aussagen gehe Naomi locker um. "Ich kann es ihnen nicht übel nehmen. Die Leute sind manchmal voll geschockt und sagen Dinge, die sie nicht böse meinen."

Neun Monate nach ihrem ersten Release donnerte sie mit "Issa Vibe" durch die Decke. Dieser eine Track reichte aus, um ihrem Sound einen soliden Boden in der Schweizer Musikszene zu schaffen: Sie sicherte sich einen Platz auf der Noisey Lift Up Liste 2019 und wurde auf das Virus Bounce Cypher 2019 eingeladen, wo sie ihre neueste Single "Get It" performen durfte. "Ich war super nervös", gibt sie zu. "Es war eine riesige Ehre für mich, da aufzutreten, obwohl es ja nicht mal meine Szene ist." Dass sie eine der wenigen Frauen auf dem männerdominierten HipHop-Event war, schien sie nicht zu stören. "Ich habe viele männliche Freunde und bin Männern eigentlich eher gleichgesinnt. Wir stehen auf dasselbe Geschlecht, deshalb sind wir wie Bros."

Obwohl erst drei Songs draussen sind, gibt ihre Musik den Leuten einen tiefen Einblick in ihre Persönlichkeit. "Die Leute sollen mich als Menschen sehen und nicht als Frau, die einfach nur im Rampenlicht stehen will. Ich will tun, was ich liebe und Leute ermutigen, zu sich selbst zu stehen." Alles was sie sagt und schreibt komme wirklich von Innen – dass die Leute das wissen, ist ihr extrem wichtig. "Ich mache nichts, hinter dem ich nicht zu hundert Prozent stehen kann. Never."

Naomis erste EP erscheint im Mai 2019. Wer solange nicht warten kann, kann Naomi Lareine am 2. März 2019 auf dem Radar Festival in Zürich erleben. Eine Show, die ihr echt nicht verpassen wollt.

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