Ein positiver HIV-Test hat die europäische Pornobranche lahmgelegt

"Ohne Gummi verkauft sich besser" – wir haben mit Texas Patti, Aische Pervers und anderen Stars über den mehrwöchigen Drehstopp gesprochen.

|
22 Februar 2019, 3:57pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Darsteller und Darstellerinnen

"No Risk, no Fun" ist so ein Satz, den man vielleicht sagen kann, bevor man, bedudelt von einer Flasche Rotkäppchen, seinen Dozenten angräbt. Nicht aber, wenn es darum geht, ungeschützten Sex mit Leuten zu haben, die möglicherweise HIV-positiv sind. Deswegen haben sich die meisten Produktionsfirmen in Europa gerade dazu entschieden, ihre Drehs vorerst abzusagen.

Grund ist die HIV-Infizierung des spanischen Darstellers Nacho Vidal. Die europäische Pornobranche ist nämlich teilweise so abgefuckt, dass Vidal trotz regelmäßigen Tests mindestens neun Frauen angesteckt haben könnte, bevor er von seiner Diagnose erfahren hat. Damit sich der Virus nicht weiter ausbreitet, müssen sich alle Pornostars testen lassen, bevor weiter gevögelt werden kann. Das könnte bis zu acht Wochen dauern. Bis die Lage nicht geklärt ist, haben sich die meisten professionellen Pornoproduktionsfirmen am 14. Februar freiwillig dazu entschieden, ihre Drehs zu canceln.

Wir haben mit Darstellerinnen und Darstellern darüber gesprochen, wie die HIV-Infektion eines Kollegen jetzt ihren Arbeitsalltag und ihr Sicherheitsgefühl beeinflusst.

Luna Richter, 29

Luna Richter
Luna Richter hat einen ähnlichen Fall auch schon in Deutschland mitbekommen

VICE: Luna, du drehst regelmäßig eigene Amateurpornos. Wie wurdest du auf den Vorfall aufmerksam?
Luna Richter: Ich habe über Instagram schon vor ein paar Wochen mitbekommen, dass Kollegen und Kolleginnen von mir Probleme mit Buchungen hatten. Dass Drehs zum Beispiel kurzfristig abgesagt wurden. Nach und nach ist dann durchgesickert, dass bei einem Darsteller HIV diagnostiziert wurde.

Wie sicher fühlst du dich als Darstellerin nach einer solchen Nachricht?
Normalerweise drehe ich immer mit dem gleichen Darsteller meine eigenen Pornos. Ich kenne ihn gut und weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Er macht alle paar Wochen einen Volltest, bei dem alle Geschlechtskrankheiten getestet werden. Aber er dreht auch für professionelle Produktionen und hat somit auch mit anderen Menschen Sex. Dadurch bin ich teilweise verunsichert, weil ich nicht weiß, ob sich diese Menschen regelmäßig testen lassen.

Kann man solche Tests überhaupt umgehen, wenn man für eine Pornoproduktionsfirma arbeitet?
Ich denke schon, dass in manchen Firmen nicht so wirklich darauf geachtet wird, dass sich die Darsteller und Darstellerinnen testen lassen. Dann ist natürlich auch die Frage, wo die Tests gemacht werden – in manchen Laboren wird vielleicht geschlampt. Oder die Leute lassen sich testen und gehen trotzdem zu Drehs, obwohl das Ergebnis noch gar nicht da ist. Je nachdem, welche Erkrankung überprüft wird, kann das ja mehrere Wochen dauern.

Wirkt sich der Vorfall auf deine Arbeit aus?
Theoretisch kann ich meine Amateurpornos einfach weiter produzieren. Ich habe die letzte Zeit aber Material vorproduziert und drehe die nächsten Wochen erstmal nichts. Ich habe mich aber auch bei einer sehr namhaften Produktionsfirma beworben und befinde mich im Auswahlverfahren. Durch die HIV-Infektion des Darstellers wurde der Probedreh jetzt erstmal verschoben – ich weiß also nicht, wann und ob ich für die Firma arbeiten kann. Nach der Meldung bin ich mir selbst nicht mehr so sicher, ob ich das überhaupt will. Ich dachte eigentlich immer, dass in großen Produktionsfirmen ernsthaft darauf geachtet wird, dass sich die Darsteller regelmäßig testen lassen. Aber anscheinend ist das nicht der Fall.

Hast du in Deutschland schon mal einem ähnlichen Fall mitbekommen?
Einen Darsteller habe ich auf der Venus letzten Herbst kennengelernt. Er hat mich dort gefragt, ob ich an einem seiner Projekte teilnehmen will. Ich habe abgelehnt, weil ich damals keine Lust auf eine Profiproduktion hatte – ich wollte nicht, dass andere darüber bestimmen, was ich drehe. Ein paar Monate später kam heraus, dass er Syphilis hat und drei Monate nicht mehr drehen durfte. Ich bin verdammt froh, dass ich damals nein gesagt habe, sonst hätte ich mich vielleicht angesteckt.

Aische Pervers, 32

Aische Pervers
Aische Pervers' Pornos kommen auch mit Kondom gut an

VICE: Welche Auswirkungen hat Nacho Vidals HIV-Infektion auf deine Arbeit?
Aische Pervers: Auf meine gar keine. Ich drehe keine Profipornos. Ich vertraue diesen Gesundheitszeugnissen nicht und könnte meinen Kopf nicht ausschalten. Ich würde nur safe, also mit Kondom drehen, und das wollen die Produktionsfirmen nicht. Ich mach mein Amateurding und da drehe ich größtenteils mit meinem Mann. Er dreht auch mit anderen Darstellerinnen, aber da haben wir eine Regel. Wir machen immer zur Absicherung einen HIV-Schnelltest und danach wird trotzdem safe gedreht. So ein Test ist natürlich nicht hundertprozentig sicher, aber dann bist du auf der sicheren Seite, falls am Set mal was passiert.

Ihr produziert auch selbst Amateurpornos. Wie oft müssen sich eure Darsteller und Darstellerinnen testen lassen?
Das Gesundheitszeugnis muss aktuell sein. Wenn es schon ein paar Monate alt ist, machen wir am Set nochmal einen Schnelltest. Und trotzdem drehen wir immer safe. Ich könnte einfach nicht damit leben, wenn was passiert. Bei mir gibt es deshalb auch keinen Drehstop, wie bei den Profi-Produktionsfirmen. Ich finde es wirklich schlimm, dass dort kaum auf die Sicherheit geachtet wird. Ein Bekannter, der ebenfalls Darsteller ist, hat sich mal am Set mit Syphilis angesteckt, obwohl mit Gesundheitszeugnis gearbeitet wurde. Da wird behauptet, es gäbe einen Test und dann sollen die Darsteller ohne Gummi drehen. Und das, obwohl du da teilweise mit Fremden drehst. Jeder, der nicht ganz doof ist, kann die Tests fälschen. Wenn du mal keine 120 Euro hast, aber drehen willst, dann änderst du vielleicht mal das Datum von deinem Test, der eigentlich schon sechs Monate alt ist. Ich könnte den Leuten einfach nicht vertrauen.

Wie fändest du eine Kondompflicht?
Ich hätte kein Problem damit. Ich verkaufe ja auch Filme mit Kondom. Und die Darstellerinnen mit denen ich drehe verdienen ja auch ihr Geld. Ich weiß nicht, ob die Kunden bei Profi-Produktionen erwarten, dass die Darsteller ohne Kondom drehen. Ich weiß aber, dass sich Filme mit Gummi bei mir genauso gut verkaufen, wie Filme ohne Gummi.


Auch bei VICE: Avatar Sex: Scanning Pornstars Into Virtual Reality


Kennst du Leute, die von dem Produktionsstop betroffen sind?
Ja, das sind teilweise die Darsteller, mit denen ich jetzt auch Amateurpornos drehe. Die sind jetzt froh, wenn ich die buche und sie mit einen Amateurclip ein bisschen was dazu verdienen können.

Texas Patti, 37

Texas Patti
Texas Patti hält Schnelltests für keine gute Option

VICE: Wie beeinflusst die HIV-Infektion von Nacho Vidal eure Arbeit?
Texas Patti: Aus Produzentensicht ist jetzt erstmal bis Mitte März Drehstop, dann schauen wir weiter. Wir drehen also aktuell gar nicht, weder in Deutschland noch in Europa. Als Darstellerin betrifft es mich nicht wirklich, weil ich nur noch in den Staaten drehe.

Der Vorteil ist, dass die ein komplett anderes Testsystem haben. Wir sind dort verpflichtet, alle zwei Wochen einen Test zu machen. Die Agenturen können per Log-in auf die Testergebnisse zugreifen, nachdem die Darsteller und Darstellerinnen eine Freigabe erteilt haben. Ausgedruckte Tests werden am Set nicht anerkannt, weil die gefälscht sein können. Außerdem wird genau protokolliert, wer wann mit wem gedreht hat, sodass im Extremfall alle benachrichtigt werden können.

Was ist der Unterschied zu deutschen Produktionen?
Das Datenschutzsystem in Deutschland ist Fluch und Segen zugleich. Ich muss mit meinem Ausweis zum Labor gehen und mir meine Testergebnisse dort abholen. Gerade neue Darstellerinnen fragen sich oft, woher sie wissen sollen, ob ein Test wirklich echt ist. Die Amerikaner lachen sich über unsere Tests tot. Den könnte sich jeder selber an seinem Computer erstellen.

Sind eure Darsteller und Darstellerinnen ängstlicher, seit die HIV-Infektion bekannt ist?
Ja, es ist Vorsicht geboten. Mein Mann Patrick und ich sind schon länger in der Branche und ich habe schon einige Tests gesehen. Wenn mir irgendetwas unklar ist, dann schnappe ich mir den Darsteller und rufe mit ihm gemeinsam im Labor oder beim Arzt an.

Wie oft müssen sich eure Darsteller testen lassen?
Es gibt in Deutschland leider Gottes keine Regelung dafür. Rein theoretisch muss ein Darsteller in Deutschland einen Test machen, bevor er zum Dreh geht. Bei uns darf ein Test auf gar keinen Fall älter als zwei Wochen sein. Es gibt aber auch definitiv Produktionsfirmen die mit Tests drehen, die vier Wochen alt sind. Ich sehe das immer von zwei Seiten. Für mich gehören Tests zum Berufsbild dazu. Die muss man einfach machen. Ich verstehe aber auch, dass die Auftragslage in Deutschland nicht so hoch ist. Ich lasse meinen Test beim Gynäkologen machen und zahle jedes Mal um die 250 Euro dafür.

Arbeitet ihr auch mit Schnelltests?
Ich halte da überhaupt nichts von. Da kann ich auch einmal in ein Töpfchen pinkeln, es meinem Mann geben und der spielt Orakel. Gehört für mich überhaupt nicht in diese Branche. Mit Schnelltests zu arbeiten und danach ohne Gummi zu vögeln, ist für mich lebensmüde.

Benutzt ihr beim Dreh Kondome?
In der Regel nicht. Wenn eine Darstellerin zum Beispiel nicht hormonell verhütet oder sich unwohl fühlt, habe ich grundsätzlich nichts gegen Kondome. Man muss aber immer gucken, wie es ins Setting passt. Testen lassen müssen sie sich trotzdem. Ich glaube für die Männer ist es teilweise echt schwieriger mit Kondom zu drehen und bei manchen Praktiken ist es auch einfach kompliziert, weil das Kondom auf jeden Fall reißen würde. Wenn wir nur Pornos mit Gummi hätten, würde das glaube ich niemanden stören. Es gibt aber noch genügend Produktionen, inklusive uns natürlich, die marktorientiert sind. Ohne Gummi verkauft sich besser. Wir müssen ja auch finanziell denken. Ich glaube, selbst wenn es eine Kondompflicht geben würde, würde sie sich nicht durchsetzen.

Hat der Produktionsstop für euch finanzielle Konsequenzen?
Wir haben ziemlich Glück, weil wir gerade Drehpause haben. Deswegen betrifft es uns nicht. Für andere Produktionsfirmen ist das aber schon scheiße. Man muss ja auch Anzahlungen für die Locations machen, die man gebucht hat. Das ist ein berufliches Risiko, das jeder hat. Aber die Gesundheit geht vor.

Kennst du den betroffenen Darsteller persönlich?
Nein. Ich habe mal bei Twitter geschaut, was er so gemacht hat. Ich habe schon ein paar deutsche Darsteller im Auge, die in Spanien gedreht haben, die buchen wir jetzt erstmal nicht. Ich kenne aber niemanden, der direkt mit ihm gedreht hat. Über dritte oder vierte Wege könnte es aber schon sein, dass Bekannte betroffen sind. Ich würde im Zweifelsfall immer sagen: Scheiß auf das Geld. Meine Gesundheit ist mir da echt wichtiger.

Max White, 28

Max White
Max White will erstmal keine professionellen Pornos mehr drehen

VICE: Wie ging es dir, als du von der HIV-Infektion des spanisches Pornodarstellers erfahren hast?
Max White: Als ich das auf Twitter bei einem Kollegen von mir gesehen habe, war ich richtig schockiert und am Boden zerstört. Er hatte die Infektion ja schon längere Zeit, also wurde irgendwo gepfuscht. Ich habe zwar keine Ahnung, ob Darsteller, Firma oder Ärzte daran Schuld sind – aber so oder so ist es einfach verantwortungslos. Es geht immer nur um das Geld, sodass man sogar das Risiko einer ernsthaften Erkrankung eingeht.

Müsst ihr euch regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen lassen?
Ja. Wenn ich für professionelle Pornoproduktionen gedreht habe, musste ich mich alle zwei bis drei Wochen auf alle möglichen Krankheiten testen lassen – zum Beispiel auf HIV und Syphilis. Wenn man einen Auftrag bekommt, wird überprüft, wann der letzte Test gemacht wurde. Aber in meinen Verträgen stand bisher auch immer, dass die Firma nicht dafür belangt werden kann, wenn man sich mit Krankheiten ansteckt. Die Verantwortung und Schuld tragen also meistens die Darsteller und Darstellerinnen.

Wie wirkt sich die Meldung auf deine Arbeit aus?
Als ich die Nachricht bekommen habe, habe ich für mich beschlossen, erstmal die Finger von neuen Aufträgen zu lassen. Erst vor ein paar Monaten habe ich davon erfahren, dass bei einem anderen Darsteller Syphilis diagnostiziert wurde – seitdem habe ich nicht mehr gedreht und habe es in der nahen Zukunft auch nicht vor. Ich werde das alles erstmal beobachten und dann entscheiden, ob ich irgendwann wieder Aufträge annehme. Das Risiko, mich irgendwo anzustecken, werde ich auf keinen Fall eingehen. Ich bin auf den Job zum Glück nicht angewiesen, da ich mir über die letzten Jahre relativ viel Geld gespart habe.

Falls du dich dazu entschließt, doch wieder Pornos zu drehen – auf was würdest du besonders achten?
Ich glaube, ich würde nur noch Amateurpornos mit meiner festen Partnerin drehen. Sie kenne ich und ich weiß, dass sie nicht mit anderen Menschen schläft und sich somit nirgends anstecken kann. Ich werde in Zukunft nie wieder mit fremden Personen arbeiten, von denen ich nicht sicher weiß, dass sie keine Erkrankungen haben. Und falls ich die Personen nicht gut kenne, würde ich das höchsten mit Kondom machen.

Was hältst du von einer allgemeinen Kondompflicht?
Für die Sicherheit der Pornodarsteller wäre das super. Aber ich befürchte, dass sich das nicht durchsetzen würde. Ein Bekannter von mir meinte sogar mal zu mir, dass es ihm scheißegal sei, was sich die Leute bei ihrer Arbeit für Krankheiten einfangen. Ihm ist nur wichtig, dass er Spaß an den Pornos hat – und das hat er anscheinend nicht, wenn Kondome zu sehen sind.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat

Mehr VICE
VICE-Kanäle