Für dein Lokalradio kann 'No Billag' den Untergang bedeuten

Ist die No-Billag-Initiative ein kultureller Kahlschlag? 7 Radiobetreiber geben Auskunft.

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05 Februar 2018, 3:57pm

Foto Collage Noisey: Fotos links & rechts,  zvg | Foto mitte, Flickr, Martin Krolikowski, CC BY 2.0

Seit Monaten beherrscht die No-Billag-Initiative den Schweizer Medien-Diskurs: Ob die obligatorischen Gebühren abgeschafft werden sollen, die du zahlen musst, wenn du ein Gerät besitzt, mit dem sich Radio hören oder fernsehen lässt. Zu grossen Teilen drehen sich die Diskussionen zu No-Billag jedoch nur um den Hauptabnehmer der Rundfunkgebühren, die SRG – die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft bildet die Trägerschaft aller gesamtsprachregional agierenden staatlichen Radio- und Fernsehsender.

Grafik: ZVG Edito

Was dabei oft untergeht: Auch dutzende kleinere Radiostationen neben den SRF-Programmen sind von der No-Billag-Initiative betroffen. Viele dieser nicht-profitorientierten Lokalradio- und Fernsehsender erhalten einen Grossteil ihrer Einnahmen aus den Rundfunkgebühren. Für viele Nischenkünstler und solche, die noch vor dem Sprung in den Mainstream stehen, wie Odd Beholder, Dachs und Pablo Nouvelle, sind sie eine wichtige Anlaufstelle. Für viele würde die Annahme der Initiative das Aus oder drastische Kürzungen bedeuten. Doch wie genau jeder Radiosender von der Annahme der No-Billag-Initiative betroffen wäre, lassen wir die Leute von den Radiosendern gleich selber erzählen.

Martin Schneider, Musikredaktion von Radio RaBe

zvg

Empfangsgebiet: Bern
Angestellte: 10 (Teilzeit)
Anteil Gebührenfinanzierung: 60%

Martin: "Bei einer Annahme der No-Billag-Initiative müsste ich einen neuen Job suchen. Auch unzählige andere Bereiche wie Film, Musik, Sport, Dienstleister oder Gastrobetriebe wären betroffen. Das Programm von Radio RaBe wird seit 22 Jahren von über 200 Freiwilligen mit viel Engagement gemacht. Ganz ohne Geld geht das leider trotzdem nicht. Eine Annahme der No Billag würde für uns wohl das Aus bedeuten. Schon nur, weil wir bei den geforderten Versteigerungen der Konzessionen als mittelloser Kleinbetrieb gar nicht gross mitbieten können. Es gibt also auch bei uns keinen Plan B. Würde die Initiative tatsächlich angenommen, käme dies einem Kahlschlag gleich. Heute schauen viele unabhängige Medien Politik und Wirtschaft auf die Finger. Klar auch, dass das nicht jedem passt."

Jürg Morgenegg, Geschäftsführer von Kanal K

zvg

Empfangsgebiet: Aarau, Basel, Bern, Berner Oberland, Biel-Solothurn, Luzern, Zug, Nidwalden, Winterthur,Schaffhausen und Zürich
Angestellte: 10
Anteil Gebührenfinanzierung: 67%

Jürg: "Wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird, gibt es Kanal K nicht mehr. 130 freiwillige Sendungsmachende würden keine Plattform mehr vorfinden, um ihre Sendungen auszustrahlen, zwölf Jugendliche pro Jahr könnten nicht mehr mit einem radiojournalistischen Praktikum ausgebildet werden. Wir müssten sämtliche Verträge auflösen und wären am selben Punkt angelangt wie vor 30 Jahren, als ein paar Idealisten angefangen haben, Radio zu machen. Die Einnahmen werden durch Empfangsgebühren, Radioprojekte und Medienpartnerschaften reingeholt."

Philipp Kröger, Geschäftsleitung von Toxic.fm

zvg

Empfangsgebiet: St.Gallen
Angestellte: 10
Anteil Gebührenfinanzierung: 60%

Philipp: "Mit der Annahme der No-Billag-Initiative würden rund 60% unserer Einnahmen wegbrechen. Das ist, wie wenn du einem Auto 60% der Teile wegnehmen würdest. Mag sein, dass es vielleicht noch fahren würde, aber die Qualität ist nicht mehr dieselbe. Als Ausbildungssender gestalten hauptsächlich die Absolventen unserer Medienlehrgänge das Programm. Viele von ihnen arbeiten später bei der SRG oder privaten Medien. Ohne finanzielle Unterstützung wäre eine solch professionelle und praxisorientierte Ausbildung gefährdet, was wir ausserordentlich bedauern würden. Eine rein kommerzielle Finanzierung eines Ausbildungssenders erachten wir als sehr schwierig. Radio und Ausbildung im bisherigen Umfang weiterzuführen, ist mit der Annahme der Initiative kaum möglich. Alternativen haben wir noch keine, da der künftige gesetzliche Rahmen völlig unklar ist."

Danielle Bürgin, Head Of Music von Radio X

Foto: zvg, gemacht von Andreas Forcart

Empfangsgebiet: Basel, Aarau, Bern, Winterthur, Schaffhausen, Luzern, Zug, Nidwalden, Zürich
Angestellte: 10 Mitarbeiter und 8 Auszubildende
Anteil Gebührenfinanzierung: 55%

Danielle: "Ich kann heute nicht mit Bestimmtheit sagen, was eine Annahme der No-Billag-Initiative für mich persönlich bedeuten würde, ausser dass sich die Bedingungen für mich als Musikchefin eines nicht kommerziellen Radiosenders komplett verändern würden. Radio X ist eine unabhängige Plattform mit Schwerpunkt Musik und Kultur, Integration und Soziales – diese Vielfalt wäre bedroht. Was die Mitarbeitenden betrifft, sind 700 Stellenprozente betroffen – verteilt auf Mitarbeiter, Auszubildende und nicht vergessen darf man die rund 200 Freiwilligen, die bei uns das Programm mitgestalten. Einen konkreten Plan B, sollte die No Billag angenommen werden, haben wir nicht. Aber wir müssen auch realistisch sein: Vieles, was Radio X in den letzten 20 Jahren ausgemacht hat, könnten wir uns nicht mehr leisten. Nach langem Kampf hat Radio X seit diesem Jahr einen Gebührenanspruch von 600.000 Franken. Der Rest der Einnahmen kommt aus Spenden und aus den Projekt-Kooperationen im Bereich Integration, Soziales, Bildung und Stadtentwicklung. Wenn alle bisherigen Strukturen zerstört würden – personeller Natur aber auch in Sachen Infrastruktur – würden auch solche Kooperationen auf der Kippe stehen."

Alice Reinhard, Vorsitzende Geschäftsleitung von Radio 3FACH

zvg

Empfangsgebiet: Luzern, Zug, Ob-, Nidwalden, Zürich, Aarau, Olten, Winterthur, Schaffhausen, Basel, Bern, Biel, Solothurn, Chur, Sarganserland, St. Gallen, Fribourg
Angestellte: 40
Anteil Gebührenfinanzierung: 85-90%

Alice: "Eine Annahme der No-Billag-Initiative hätte für uns zur Folge, dass unsere Konzession und dementsprechend der Anteil an Gebührengeldern wegfallen würde. Als nicht gewinnorientiertes, werbefreies Radio wird 3FACH nicht länger in der Lage sein, seinen Betrieb aufrecht zu halten. Somit fällt ein grosser Kulturvermittler und Kulturförderer des regionalen sowie nationalen Musikschaffens weg.

Radio 3FACH ist nebst den Gebührengeldern seit Jahren auf Diversifikation angewiesen: Memberclub, diverse Veranstaltungen, einen Plattenladen und die Sommerbar Volière. Diese Einnahmequellen reichen aber nicht, um den teuren Radiobetrieb zu finanzieren. 3FACH ist eine Ausbildungsstätte und bewährtes Sprungbrett für junge, talentierte RadiojournalistInnen. Am Beispiel 3FACH zeigt sich, dass die Medienlandschaft durch die Annahme der Initiative tatsächlich an Vielfalt verliert – eine wichtige Plattform für Kultur und Musik, eine Ausbildungsstätte, eine Alternative zum kommerziellen Programm und ein Sprachrohr für junge Leute ist gefährdet."

Julia Toggenburger, Musikredaktion von Radio Stadtfilter

zvg

Empfangsgebiet: Winterthur, Schaffhausen, Luzern, Zug, Aarau Zürich
Angestellte: 13
Anteil Gebührenfinanzierung: 80%

Julia: "Ich arbeite in der Musikredaktion beim Radio Stadtfilter in Winterthur und bin der Meinung, den tollsten Job des Universums zu haben. Ich liebe alles an meiner Arbeit. Würde die No-Billag-Initiative angenommen, müsste diese Liebe 2018 enden. Ich würde einsam in den Weiten des Schweizer Arbeits- und Musikdschungels umherdümpeln und könnte kein Radio mehr hören, weil ich weder Charthits noch Werbegeballere aushalte. Würde die Initiative angenommen, müsste Radio Stadtfilter bis Ende Jahr dicht machen. Denn unser Sender wird massgeblich vom Bund finanziert, wir können also nicht überleben ohne die Gebührengelder. Und ich bin nicht der Meinung, dass nur die Stärksten überleben sollen – also die, die sich selber finanzieren können. Dass nur die Medien, die sich zusammenrotten und ihre Seele für Werbung verkaufen den Ton angeben dürfen. Ich finde, dass es die Kleinen, Alternativen genauso braucht.

Viel mehr, als der Verlust meines Jobs, zählt für mich jedoch derjenige, der beinahe 200 freiwilligen Sendungsmachenden. Menschen allen Alters können, dürfen und wollen ihre Musik, ihre Witze oder was sie beschäftigt, der Welt zu Ohren kommen lassen. Da hört man Sounds, die keine Datenbank, auch nicht die unseres eigenen Radios, je erfasst hätte – weil von dieser afrikanischen Band in den 70ern nur 200 Schallplatten gepresst wurden. Oder dann reden Senior*innen am Sonntag Nachmittag über Sex im Alter. Oder Jugendliche über Verschwörungstheorien oder Extremsportarten. Ich will, dass diese Menschen all das weiterhin tun können. Ich will, dass solche Stimmen einen Weg in die Wohnzimmer und Küchen unserer Stadt finden. Dass die Lieder, die nicht fünf Mal am Tag laufen und Musik, die nicht jedermenschs Sache ist, weiterhin aus den Lautsprechern der Winterthurer Autos klingen – und aus den Lautsprechern in der ganzen Schweiz."

Judith Grosse, Öffentlichkeitsarbeit & Mittelbeschaffung von Radio LoRa

zvg

Empfangsgebiet: Zürich, Winterthur, Zug
Angestellte: 8
Anteil Gebührenfinanzierung: 70-80%

Judith: "Bei der Annahme der No-Billag-Initiative könnte Radio LoRa nicht weiter in dieser Form existieren. Wir könnten keine Ausbildungskurse mehr durchführen. Radio LoRa müsste Werbung machen oder Programmzeit an einen kommerziellen Radioveranstalter verkaufen. Der niederschwellige Zugang zu Sendeplätzen und nicht-kommerzielle Charakter wäre nicht mehr garantiert.

Die Annahme der Initiative würde zudem bedeuten, dass die neoliberale Marktlogik des: "Ich zahle nur das, was ich selbst benutze", einen weiteren Sieg errungen hätte. Das wäre nicht nur fatal für die Schweiz – die rechtspopulistischen Parteien im europäischen Ausland stehen schon in den Startlöchern."


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