Dank diesem Hashtag müssen arme Menschen einen Monat keine Miete zahlen

Die Aktion #EineMieteWeniger zeigt, wie einfach es ist, anderen zu helfen. Initiator Mark Müller erklärt uns, wie die Aktion funktioniert, und berichtet vom Hass, den er für sein Vorhaben erhielt.

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16 August 2018, 3:59pm

Mark Müller nutzt Twitter, um Gutes zu tun. Dafür hat er nicht nur Lob bekommen | Foto: imago | Jürgen Ritter

Es gibt Menschen, die haben auf Twitter über 53 Millionen Follower und nutzen ihren Account vor allem, um Hass zu verbreiten und sich einen Spießrutenlauf mit vermeintlichen "Fake-News-Medien" zu liefern. Und es gibt Mark Müller aus Mannheim. Ihm folgten Anfang August nur 140 Nutzerinnen und Nutzer, dennoch erreichte seine Botschaft Hunderte und er konnte innerhalb einer Woche mehreren Menschen in Deutschland den Sommer verschönern: alleinerziehenden Müttern und einem jungem Studentenpärchen etwa, die ihren Kindern normalerweise keinen Schwimmbadbesuch oder eine Kugel Eis spendieren können. Ihnen und anderen wurde dank seiner Aktion eine Monatsmiete überwiesen.

Auf seinem Twitter-Account @markmueller1979 hat der 38-jährige Softwareentwickler am Freitag vergangener Woche zur Aktion #EineMieteWeniger aufgerufen. Und bewiesen, dass man auch mit einer kleinen Twitter-Gefolgschaft Großes erreichen kann. Sein Tweet hat mittlerweile über 850 Likes und 460 Retweets bekommen – fünf Menschen haben sich als Spender und Spenderinnen der Aktion angeschlossen. Elf Familien und Einzelpersonen habe er bisher geholfen. Diese Menschen hatten ihn nach seinem Aufruf kontaktiert, einige wurden von anderen Usern vorgeschlagen. Jeder der Spender übernahm eine oder zwei Monatsmieten in Höhe von 500 bis 800 Euro.

Doch die Aktion hat auf Twitter nicht nur Zuspruch bekommen. Mark Müller wurde vielfach kritisiert und beleidigt, wolle jedoch weitermachen: "Ich brauche keinen Applaus", sagt Müller, "aber ich finde, es kann nie falsch sein, Richtiges zu tun."

Wir haben Fragen.

VICE: Warum hast du den Hashtag #EineMieteWeniger gestartet?
Mark Müller: Eigentlich wollte ich einfach drei Menschen oder Familien einen Urlaub ermöglichen. Mich hat es traurig gemacht, wie viele Leute sich das in Deutschland nicht leisten können. Aber ein Urlaub ist zu individuell, die Auswahl der Menschen hätte auf andere schnell ungerecht gewirkt. Wie kann man also sonst helfen, etwas abnehmen, was einfach jeden Monat vom Konto abgeht? Miete muss halt jeder zahlen, es gibt keinen Kompromiss. Man kann keine halbe Miete zahlen. Vielen Leuten hilft es daher, wenn sie gerade am Limit leben, einmal keine Miete zahlen zu müssen.

Wie hast du entscheiden können, wer die Unterstützung wirklich braucht?
Leute haben mir ungefragt Bilder von ihren Krankheiten zugeschickt und sehr lange, ausführliche Berichte. Ich habe Hinweise zu Leuten bekommen, die kein Twitter haben. Insgesamt landeten in drei Wochen über 500 Nachrichten bei mir – von alleinerziehende Müttern, Menschen mit Behinderung und schweren Krankheiten, ALG-II-Beziehern von Arbeitslosengeld. Letzteren können wir leider nicht helfen oder müssten das Geld direkt ans Jobcenter überweisen, das würden sie gar nicht merken.

Welche Fälle von Armut haben dich am meisten schockiert?
Die Grenzfälle, die keine staatliche Unterstützung bekommen, weil sie ein geregeltes Einkommen haben, bei denen es aber trotzdem vorne und hinten nicht zum Leben reicht. Die verschuldet sind, dann ist ihr Auto kaputt und sie verlieren sich in diesem Loch, in das sie gefallen sind. Und dann ist da ein körperlich Behinderter, der im Rollstuhl sitzt und bei seiner Mutter lebt. Der wollte die Miete seiner Mutter zurückgeben, die für ihn alles behindertengerecht eingerichtet hat. Aktuell sind noch vier Mieten offen und ich will selbst noch zwei Mieten zahlen.


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Wer sind die Leute, die diesen Menschen helfen wollen?
Die kommen aus ganz Deutschland. Ich habe fünf Unterstützer gefunden, die sofort eine oder zwei Mieten übernommen haben. Das sind zwei selbstständige ITler, die ich nicht kannte, ein älterer Herr, eine junge Frau aus Heidelberg, die alle anonym bleiben wollen. Die Leute haben zum Teil Angst, an den Pranger gestellt zu werden. Das hab ich ja selbst erlebt. Zum anderen hat den Leuten die Tat gereicht. Die brauchten nicht ihre fünf Minuten Fame. Ende der Geschichte.

Ist es OK, die auszuschließen, die vielleicht am dringendsten Geld brauchen – Leute, die auf der Straße leben oder Empfänger von Hartz IV?
Mir ging es hier nicht um die politische Reichweite der Aktion, ich will keine Missstände öffentlich anklagen. Für mich ist wichtig zu zeigen, wie leicht man anderen über Social Media helfen kann. Denn diese Einfachheit ist für einige Unterstützer der Grund gewesen, sich zu beteiligen. Die mussten nichts anderes tun, als auf meine Nachricht zu warten und eine Überweisung zu machen. Ich hab diesen winzigen Account mit 140 Followern, null Reichweite, und schaffe es in ein paar Tagen, zehn Mieten zu zahlen. Aber: Ich fand es auch krass, wie viele Menschen dem nicht getraut haben, gefragt haben: Gibt es dich wirklich? Viele können sich nicht vorstellen, dass es da draußen Leute gibt, die anderen helfen wollen, wenn sie ihre nächste Miete nicht zahlen können. Und die es nicht glauben konnten, dann tatsächlich den Betrag auf ihrem Konto zu sehen.

Das klingt einfach. Aber haben Menschen auch versucht, dich und die Aktion auszunutzen?
Ja, damit hatte ich gerechnet. Doch viele dieser traurigen Lügen-Geschichten zerfielen schon bei ein paar Nachfragen. Es waren auch viele Leute dabei, die mich für die Aktion beschimpft haben. Das reicht von "Wegen Arschlöchern wie dir gehen Hartzer nicht mehr arbeiten", bis hin zu "Du machst das doch nur, um die alleinerziehenden Mütter anzumachen". Auf sowas habe ich nicht reagiert, da helfen keine Argumente.

Andere schrieben, dass sie bei solchen Aktionen nicht mehr mitmachen würden, weil ihre Hilfe bereits ausgenutzt worden sei. Leute sind vorsichtig geworden, wenn es darum geht, auf einfachem Weg Menschen zu helfen. Die Einfachheit von Twitter macht Leute skeptisch. Mich hat das aber nicht abgehalten.

Steckt dahinter auch ein gewisser Egoismus, gibt dir das selbst ein gutes Gefühl, Menschen zu helfen?
Ehrlich gesagt hatte ich viel Angst vor dem, was da auf mich einprasseln würde, nachdem ich die Aktion gestartet hatte. Von wegen: Der Angeber will sein Geld verschenken. Was mich motiviert, ist keine höhere Philosophie: Ich freue mich, wenn andere Menschen sich freuen. Ich komme selbst aus sehr armen Verhältnissen. Bei uns früher gab es keinen Kinobesuch, keine Urlaube mit der Familie. Seit 20 Jahren bin ich selbstständig, es läuft gut, ich hab alles, was ich brauch, und will seitdem immer etwas von meinem Wohlstand zurückgeben – ohne dafür einen Pokal zu verlangen.

Was tue ich, wenn ich keine 800 Euro im Monat übrig habe, um jemand anderem die Miete zu zahlen, und trotzdem Gutes tun will?
Ich war am Anfang auch naiv, wollte einfach Geld sammeln für einen Kinderwagen für Alleinerziehende oder sowas. Aber da kamen einfach keine Reaktionen auf Twitter. Deswegen habe ich diesen Hashtag gestartet. Viele Leute haben mich gefragt, was sie tun können, ohne gleich eine ganze Miete zu übernehmen. Deswegen will ich als Nächstes ein Konto einrichten, auf das Leute einen kleinen Betrag einzahlen können, aus dem dann die Miete eines Menschen finanziert wird.

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