Gesundheit

Ein Lebensmittelreport nimmt Coca-Cola komplett auseinander

Die drei heftigsten Anschuldigungen – und was der Getränkekonzern dazu sagt.

von Katinka Oppeck
07 Mai 2018, 5:49am

Foto: Pixabay | CC0

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

"Taste the Feeling" ist der Claim, mit dem Coca-Cola derzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz wirbt. Früher war es "Mach dir Freude auf". In Werbungen und Fernsehspots trinken glückliche und gesund wirkende Menschen gemeinsam die Limo. Cola macht glücklich, will der Konzern suggerieren – Zucker kann das ja unter bestimmten Umständen auch. Wer Cola trinkt, geniesst ein Stück Lebensfreude, sollen wir glauben.

"Der wahre Kern der Marke Coca-Cola ist das Gegenteil von Lebensfreude, es ist Krankheit." Mit diesen Worten beginnt der grosse Coca-Cola-Report von foodwatch. Der gemeinnützigen Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, "die verbraucherfeindlichen Praktiken der Lebensmittelindustrie zu entlarven". Und laut dem 108 Seiten umfassenden Report gibt es bei Coca-Cola viele davon.


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Von den vielen Anschuldigungen seitens foodwatch haben wir uns die drei heftigsten herausgepickt, und diese an die Medienstellen von Coca-Cola in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich für eine Stellungnahme geschickt. Lediglich Coca-Cola Deutschland wollte sich zu den Vorwürfen äussern.

"Mittels Kooperationen und Werbespots mit Fussballspielern, YouTube-Stars und Influencern wird Coca-Cola bei Kindern beworben"

Das sagt foodwatch:

Mit dem eigenen YouTube-Account werbe Coca-Cola gezielt auch bei Kindern: "9 der 20 bekanntesten YouTuber Deutschlands traten bereits auf 'Coke TV' auf." Diese Influencer seien vor allem bei einer jüngeren Zielgruppe beliebt, darunter auch bekannte Accounts wie Bibi's Beauty Palace, die mit ihren Videos derzeit fast fünf Millionen Abonnenten erreicht. Ausserdem sei das Sportsponsoring laut foodwatch eine der wesentlichen Marketingsäulen. Auch hier wären Kinder und Jugendliche eine wichtige Zielgruppe: "Gerade Kinder identifizieren sich besonders stark mit Fussballstars und wollen ihnen nacheifern."

Das sagt Coca-Cola:

"Coca-Cola wirbt nicht in einem Medienumfeld, dass sich primär an Kinder unter zwölf Jahren richtet", sagt Brinja Brehm, Presseverantwortliche für Coca-Cola in Deutschland, zu MUNCHIES. Es werde beispielsweise darauf geachtet, dass keine Moderatoren von Kindersendungen für Kooperationen angeheuert würden. Auch gebe es keine Verkostungsaktionen für Kinder, und auch an Grundschulen würden keine Produkte der Firma vertrieben.

Dass Coca-Cola aber mit YouTube-Stars zusammenarbeitet, deren Inhalte sich primär an Jugendlichen orientieren, erkläre sich dadurch, dass "wir nach unserer freiwilligen Selbstverpflichtung nicht in Medien werben, bei denen mehr als 35 Prozent des Publikums jünger als zwölf Jahre sind". Solange also nur 34.9 Prozent des Zielpublikums solcher Influencer unter zwölf Jahren sind, kann sich Coca-Cola offenbar entspannt zurücklehnen.

Aber kann mit Werbung via Influencer oder beliebten Fussballern überhaupt gewährleistet werden, dass sich nicht auch Kinder angesprochen fühlen? Coca-Cola: "Werbung in sozialen Medien ist heute Teil unserer Lebenswirklichkeit. Genauso wie Werbung im Fernsehen, auf Plakaten, in Zeitungen oder Zeitschriften. Auch die Werbung mit Markenbotschaftern ist nicht Neues – über alle Branchen hinweg."

"Coca-Cola fördert die weltweite Adipositas- und Diabetes-Epidemie wie kaum ein anderes Unternehmen"

Das sagt foodwatch:

Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht zuckerhaltige Erfrischungsgetränke als "grossen Faktor für die Verbreitung von Adipositas und Diabetes". Ihre Empfehlung, um diese Epidemie zu stoppen: Eine Steuer auf Getränke, denen Zucker zugefügt wird. Eine solche Softdrink-Steuer wurde kürzlich in England angenommen und auch vom beliebten Fernsehkoch Jamie Oliver öffentlich unterstützt.

Klar, dass foodwatch sich der WHO-Empfehlung direkt anschliesst – und noch einen Schritt weiter geht: "Auch süssstoffgesüsste Getränke stehen im dringenden Verdacht, Übergewicht und Typ-2-Diabetes fördern zu können, denn eine zu starke Süssgewöhnung bedingt eine zuckerreiche, ungesunde Ernährung." Ausserdem heisst es in dem Report, dass auch Light- und Stevia-Produkte noch mit herkömmlichem Zucker nachgesüsst werden würden.

Das sagt Coca-Cola:

"Zu viel Zucker ist für niemanden gut. Fakt ist jedoch: Übergewicht ist komplex und hat viele Ursachen", sagt Brehm. "Der moderate Genuss von alkoholfreien Getränken – ob mit oder ohne Zucker – ist dabei absolut unbedenklich." Letztlich nehme man ja zu, "wenn man mehr Kalorien zu sich nimmt, als man verbraucht. Kalorien sind dabei Kalorien – unabhängig davon, in welchen Lebensmitteln oder Getränken sie enthalten sind."

Dass es genügend Publikationen gibt, die den täglichen Konsum von Cola kritischer sehen, scheint bei Coca-Cola niemanden zu beunruhigen. Darunter ist auch eine Studie der Harvard University, der zufolge bereits eine Dose Cola am Tag das Risiko für Typ-2-Diabetes um 26 Prozent erhöhen kann.

"Durch gekaufte Forschung wurden Zweifel an der Schädlichkeit der eigenen Produkte gesät"

Das sagt foodwatch:

Auf dem Cover des foodwatch-Reports prangt der Marlboro-Mann. Statt der Zigarette hält er eine Cola in der Hand, darunter steht: "Wie einst die Tabakindustrie torpediert Coca-Cola weltweit gesundheitspolitische Initiativen und versucht die Gesundheitsgefahren von Zuckergetränken zu verschleiern." Coca-Cola engagiere sich auch "auf politischer Ebene, um Zweifel an der gesundheitsschädlichen Wirkung von Zuckergetränken zu säen und eine effektive Regulierung der Produkte zu verhindern", heisst es weiter.

Als Beispiel werden Studien von "vermeintlich unabhängigen Forschungsinstitutionen" genannt, die von Coca-Cola finanziert würden. Diese zeigten, dass nicht ungesunde Ernährung sondern Bewegungsmangel zu Übergewicht führe, "während 80 Prozent der unabhängig finanzierten Studien zu dem gegenteiligen Ergebnis kommen".

Das sagt Coca-Cola:

"Coca-Cola berichtet transparent über alle Partnerschaften und Forschungsprojekte zum Thema Gesundheit und Wohlbefinden", sagt Brehm. Sie fügt hinzu: "In Deutschland engagieren wir uns beispielsweise vor allem für die Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport, die Integration von Geflüchteten und Migranten in unsere Gesellschaft sowie für die Erneuerung von Spielplätzen." Super. Aber was das mit den Anschuldigungen zu gekauften Studien zu tun hat, wissen wir jetzt auch nicht.

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