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Ich habe dank Konzerten gelernt, alleine zu sein – und ihr solltet das auch

Goldene Regel: Ihr seid den anderen eh egal, also verschwendet keine Gedanken daran, ob euch jemand für einsam und verzweifelt hält.

von Livia Kozma
23 April 2018, 10:51am

Foto: imago | Stefan M Prager

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Züricher Redaktion.

Als Jeans for Jesus früher "Kannst du gut allein sein??" aus meinen Kopfhörern sangen, dachte ich immer: Nein, ihr Ficker! Alleine zu sein ist anstrengend. Man fühlt sich schnell einsam und ist dann auch bald verzweifelt. Es erfordert Mut, Unabhängigkeit und Selbstsicherheit, sich selbst genug zu sein, und das ist alles so mühsam. Wer traut sich das und wie bitte soll das funktionieren? Diese Fragen kann ich heute beantworten und aus eigener Erfahrung sagen: Jeder kann das, aber ihr müsst es leider üben. Zum Beispiel auf Konzerten.

Warum tu ich mir das an?

Wie bei Alkoholikern, die den ersten Schritt machen, indem sie sich zu ihrer Sucht bekennen, musste ich zugeben, dass ich ein Problem hatte. Ich bekannte mich zu meiner Abhängigkeit von anderen Menschen und meiner Angst vor dem Alleinsein. Wenn da niemand anderes ist, seid ihr allein mit euren Gefühlen und Gedanken. Wer sich vor allem darauf konzentriert, was andere denken, wird schnell von seiner Umgebung abhängig. Auf Konzerten heißt das konkret: Der Abend ist davon abhängig, wie die andere Person das Konzert findet oder ob ihr zusammen eine schöne Zeit habt. Die Musik und der Moment werden zweitrangig.

Ohne die passende Begleitung ging ich früher gar nicht erst auf ein Konzert. Bloß nicht aus der Komfortzone bewegen – alles ist besser, als vor Ort allein zu verzweifeln. Aber irgendwann hatte ich so viele Bands verpasst, dass meine Reue grösser wurde als meine Angst. Mir sind Künstler entgangen, für die ich jetzt meine ungeboren Kinder opfern würde.


Noisey-Video: "The British Masters: Liam Gallagher"


Das "erste Mal"

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging zum ersten Mal solo auf ein Konzert. Heisskalt hieß die Gruppe, die passenderweise in ihrem Song "Angst hab" singt: "Ob ich Angst hab? Natürlich hab ich Angst. Wir alle haben Angst. Die Angst beherrscht uns und wenn du keine Angst hast, siehst du nicht genau genug hin."

Für mein "erstes Mal" wählte ich eine mir vertraute Venue in meiner Heimatstadt Winterthur. Natürlich auch ein bisschen mit der Hoffnung, dass ich dort jemanden treffen würde, den ich bereits kenne. Tat ich aber nicht. Da waren lauter Leute, die ich noch nie gesehen hatte.

Es ist schon komisch, wenn man ganz allein rumstehst. Normalerweise hat man jemanden, um sich auszutauschen und – ganz wichtig – anzustoßen. Und irgendjemand muss ja euer Bier halten, wenn ihr ins Zigarette-rausnehmen-wo-ist-jetzt-mein-verdammtes-Feuerzeug-Dilemma kommt. Dann erinnere ich mich: Eigentlich bin ich ja wegen der Musik hier.

Sobald das Konzert beginnt, war ich nicht mehr allein. Da waren plötzlich diese schönen Wesen auf der Bühne und heizten den Raum auf. Die Musik flutete mich und ich vergaß für einen kurzen Moment meine einsame Existenz. Da waren nur noch ich, die Musik und das Publikum. Plötzlich hatte das Alleinsein nur noch Vorteile: Ich musste auf niemanden Rücksicht nehmen, der lieber nicht so weit vorne steht wie ich. Ich musste niemanden suchen, telefonieren oder Nachrichten verschicken. Es sprach niemand mit mir, wenn die Bassistin gerade ihr Solo spielte. Da war nur ich und mich kannte hier niemand. Also ist es auch egal, ob und wie ich tanzte.

Den anderen bist du (meistens) egal

Wenn ihr irgendwo alleine seid, werden eure eigenen Gedanken plötzlich ganz laut – von eurer Angst und Unsicherheit verstärkt – und ihr überlegt: Was denken die anderen über mich? Denken sie, ich bin einsam und verzweifelt? Verurteilen sie mich dafür, dass ich keine Freunde dabei habe? Wie komisch wirke ich auf einer Skala von eins bis zehn?

Solange ihr niemandem diese Fragen stellt, gebt ihr euch die Antworten selber. Ja, die anderen halten euch für einsam, sie verurteilen euch und finden euch komisch. Aber ihr vergesst eine wichtige Sache. Die anderen denken auch so. Alle sind nur mit sich beschäftigt. Ihr seid ihnen ziemlich egal. Wahrscheinlich bemerken sie euch nicht einmal.

Wenn ihr das akzeptiert habt, könnt ihr vielleicht die Perspektive wechseln und euch stattdessen überlegen, was ihr über die anderen denkt. Auf einem Konzert merkt ihr schnell, dass eigentlich alle hier potenzielle Freunde sind. Alle hier haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind wegen der gleichen Sache hier. Klar, das heißt erstmal noch nichts, aber es ist schon mal ein Anfang. "Wie findest du die Band?" oder "Hat dir das Konzert gefallen?" hat Bezug zum Moment und ist trotzdem persönlich. Und diese Fragen sind um einiges interessanter als ein "Und, was machst du so?". Wenn das Gesprächsthema so offensichtlich ist, brauchst du nicht mehr so viel Mut, um Fremde anzusprechen.

Alle fühlen sich mal verzweifelt und einsam

Konzerte sind für mich nicht nur Beschäftigung, sondern Therapie. "This is where I heal my hurts", wie es bei Faithless so schön heißt. Egal in welcher Stimmung ich bin, Musik hilft mir, mich selbst auszuhalten. Auf der Bühne stehen Menschen, die zum Ausdruck bringen können, was für mich sonst nur Eindruck ist. Ich kann in Selbstmitleid baden, bis ich schrumpelige Finger habe. Ich kann schreien, stampfen und völlig eskalieren – weil endlich jemand laut genug ist, um meine Wut und Frustration zum Ausdruck zu bringen. Musik hilft, mich selbst zu vergessen, weil Bass und Melodie den Körper so fluten, sodass da keine Zeit mehr ist, um überhaupt zu denken.

Und das Wichtigste: Musik hilft mir dabei, mich zu erinnern. An alles, was ich schon erlebt habe, und daran, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin. Liebeskummer, Angst, Sehnsucht, Hoffnung, Wut, Frustration und Trauer – egal wie sehr wir uns wehren, wir fühlen diese Dinge alle. Und auf Konzerten können wir das dann alle einsam gemeinsam rauslassen.

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