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'6 Mütter' zeigt, dass Promi-Eltern wie Verona Pooth in einer absurden Parallelwelt leben

"Ich habe dich doch nicht gekriegt, damit du nur Fahrrad fährst und YouTube guckst. Du bist meine Kreatur!"

Lisa Ludwig

Lisa Ludwig

Verona Pooth und ihr Sohn San Diego | Foto: MG RTL D | Endemol Shine

Die Kindheit. Eine Zeit voller Wunder, Staunen und der Möglichkeit, die schönen Dinge des Lebens zum allerersten Mal erleben zu können. Der erste Gucci-Gürtel, das erste professionelle Fotoshooting mit der eigenen Mutter. Promi-Kinder sind auch Menschen. Nur eben anders als wir. Und VOX, unser absoluter Lieblingssender, wenn es um Reality-Formate mit gutangezogenen Frauen geht, ist gekommen, um uns diese Unterschiede wie Salz in die Wunde unserer Daddy- und Mommy-Issues zu reiben.

In 6 Mütter treffen sich sechs prominente Frauen, um mit ihren perfekten Familien anzugeben. In jeder Folge werden Szenen aus dem Leben einer anderen Teilnehmerin gezeigt, die anschließend von den anwesenden Damen wahlweise als "rührend" empfunden oder als Anlass genutzt werden, um über sich selbst zu sprechen. Und zum Start der zweiten Staffel fahren die Produzenten direkt mit der einzigen Person auf, die man in den letzten Jahren auch abseits der "Deutsche Stars"-Rubrik von Promiflash.de schon mal gesehen hat: Verona Pooth. Unternehmerin, Model, TV-Persönlichkeit und Mutter von San Diego (14) und Rocco (6).


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Musicaldarstellerin Ute Lemper empfängt die anderen fünf Frauen in ihrem Heim und wirkt über große Teile der Sendung, als wäre sie vom Sender als Undercover-Moderatorin eingeschleust worden. Immer wieder ordnet sie ein oder leitet zum nächsten Thema über, wenn ihr eine Diskussion zu lange dauert. Erst einmal macht sie aber die Sektflaschen auf, denn es wäre kein Frauenformat eines Privatsenders, wenn nicht euphorisch mit sprudelndem Alkohol angestoßen wird. "Verona ist natürlich der Paradiesvogel", hören wir Lempers Stimme aus dem Off und können nur mutmaßen, was genau sie damit sagen möchte. Tatsächlich sitzen neben der rothaarigen Gastgeberin und der gebürtigen Bolivianerin ausschließlich sehr hellhäutige Blondinen auf den pastellfarbenen Sofas: Schauspielerin Anne-Sophie Briest, Moderatorin Caroline Beil, Model Mirja du Mont und Sängerin Patricia Kelly (ja, von DER Kelly Family).

Insbesondere du Mont gefriert das Gesicht schon direkt zu Anfang, als Verona am frühen Morgen ungeschminkt Pausenbrote für ihre Kinder schmiert – und dabei trotzdem aussieht wie das blühende Leben. "Um die Uhrzeit ist mir einfach alles egal", erklärt die zweifache Mutter und packt Brotboxen in Rucksäcke. Sie finde es "albern, geschminkt im Haus rumzurennen", wenn man schon 17 Jahre verheiratet sei. (Als wenig später ihr Personal Trainer im Porsche vorfährt, hat sie trotzdem etwas Make-up aufgetragen. Vielleicht auch, weil der einfach ein bisschen knackiger und energetischer aussieht als der stets wurstig bis schmierig wirkende Franjo.)

Franjo und Verona Pooth | Foto: MG RTL D | Endemol Shine

Ob nun aus Neid über so viel Entspanntheit oder einfach, weil sie Pooth nicht ausstehen kann, Mirja du Mont scheint genau in diesem Moment einen Entschluss zu fassen: Egal was Verona tut oder in Sachen Kindererziehung für richtig hält, die Ex-Frau von Schauspieler Sky du Mont wird das genaue Gegenteil behaupten. Pooth erklärt ihrem Sohn "Du hast keine Privatsphäre. Du bist mein Kind"? Mirja schiebt hastig ein, bei ihren Kindern immer zuerst anzuklopfen, bevor sie die Zimmer betritt. Verona hat panische Angst davor, dass ihre Kinder im Urlaub in den Pool fallen und ertrinken könnten? Du Monts Kinder hätten "ganz früh" schwimmen gelernt, erklärt das Model und zeigt für eine Situation, in der sich über ganz reale Ängste unterhalten wird, irritierend viel Stolz. "Ich bin eine ganz andere Mutter. Ich habe keine Angst."

Ganz allgemein entsteht der Eindruck, dass es hier gar nicht um echte "Einblicke" in den Alltag halbwegs prominenter Frauen geht – viel mehr ist 6 Mütter ein Wettbewerb darum, wer beim Pausenbrotschmieren um 6 Uhr morgens am wenigsten beschissen aussieht. Und wessen Kinder trotz allem Reichtum und den vielen Kameras in vermeintlich intimen Situationen am "normalsten" aufwachsen. "Ich habe dich doch nicht gekriegt, damit du nur Fahrrad fährst und YouTube guckst. Du bist meine Kreatur!", sagt Verona, als sie erklärt, warum es ihr so wichtig ist, dass ihre Söhne nach dem Schulabschluss erstmal studieren. In Promi-Familien muss man den Kindern nicht einreden, dass es sich lohnt, seine Träume zu verfolgen. Stattdessen werden erst einmal die Flügel gestutzt, damit sich der privilegierte Nachwuchs nicht zu egozentrischen Monstern entwickelt.

Deswegen gibt es neben sehr vielen Küssen, Umarmungen und Kosenamen im Hause Pooth vor allem ein großes Thema: Wie schafft man es als erfolgreiche Businessfrau, dass die absurd schönen Kinder trotz großem Medieninteresse und gutbezahlten Modeljobs auf dem Boden bleiben? Die Antwort auf diese Frage lautet wahrscheinlich: gar nicht. Aber man kann es zumindest versuchen. Und wenn man dafür den Teenager-Sohn nach seinem ersten Shooting höchstselbst im Maserati-SUV zum Ferienpraktikum fahren muss.

"Ich finde es wichtig, dass er auch das wahre Leben kennenlernt. Und das wahre Leben findet im Tierheim statt", erklärt die 49-Jährige, während sie San Diego zu der Einrichtung chauffiert, die ihn Demut lehren soll. "Meine Mutter will, dass ich das hier mache", erklärt der Teenager wenig später, als er mit einer Gabel Katzenfutter im Napf zerdrückt. "Sie will, dass ich sehe, wie es nicht nur den besten Tieren, sondern auch den schlechten Tieren geht." Als er nach drei Stunden wieder abgeholt wird, wirkt er aber vor allem müde. Nein, süße Geschichten aus der harten, echten Arbeit mit hilfsbedürftigen Tieren will er jetzt nicht erzählen. Er fühle sich wie eine "Schlaftablette in der Badewanne", was ein so spezifisches Bild ist, dass es womöglich mehr über den echten Alltag der Pooths verrät als alle glücklichen Familienszenen zuvor.

Gerade zum Schluss hin wird 6 Mütter sehr menschlich. Was auch daran liegt, dass Verona Pooth nicht nur ununterbrochen redet, sondern dabei eben auch immer wieder echte Ängste und Schwächen durchscheinen lässt. Vor allem dann, als sie anfängt, über ihre verstorbene Mutter zu sprechen. Darüber, wie man erst dann wirklich gezwungen ist, "erwachsen" zu sein, wenn die Eltern nicht mehr da sind. Als Pooth erzählt, wie sie ihre demenzkranke Mutter gebeten hat, zu ihr und ihrer Familie zu ziehen, bricht sie schließlich in Tränen aus. "Was für ein Mensch wäre ich, wenn ich mir das jetzt ausdenken würde?", schiebt sie hinterher, so als würde sie bereits die Schlagzeilen der Klatschpresse antizipieren. Einen Moment später hat sie sich allerdings wieder gefangen. Mit dem neuen Familienhund wartet schließlich der nächste Themenblock auf die versammelten Promi-Mütter. Und zum Thema Tiere fällt nicht einmal Mirja du Mont ein verbaler Seitenhieb ein.

Am Schluss bleibt neben dem Wunsch, umgehend von Verona Pooth adoptiert zu werden, vor allem eine Szene im Gedächtnis: die, in der San Diego das öffentliche Bild seiner Mutter überraschend treffsicher auf den Punkt bringt. "Die meisten Leute haben schon Vorurteile. Die sagen dann: 'Ey, deine Mutter ist dumm!', obwohl das ja gar nicht stimmt", sagt er nachdenklich in die Kamera und wirkt dabei zum ersten Mal wie ein richtiger Teenager und nicht wie ein Menschenroboter aus derselben Perfekte-Medienpersonen-Fabrik, in der auch die Kardashians produziert werden. "Die macht das ja nur, um die Leute zu unterhalten."

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