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Die längsten Techno-Tracks a.k.a. ist es immer noch nicht vorbei?

Die besten Tracks entstehen, wenn Ricardo Villalobos und Radio Slave wieder einmal den Off-Schalter nicht finden.
25.11.14
Wie lange geht das denn noch?

Auch ohne Musikwissenschafts-Studium weiß jeder, dass Songs in der elektronischen Musik etwas länger sind—sie wurden für den Club produziert, nicht fürs Radio und deshalb haben die Songs mehr Zeit sich zu entwickeln. Die kommerzielleren EDM-Tracks dauern etwa 4-6 Minuten. Klar gibt es auch Radio-Edits von Flying Lotus oder anderen Künstlern, aber der wirklichen Großteil der Produktionen bewegt sich weit fernab von der kleinen Pop-Nummer.

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In manchen Fällen wird diese Sache jedoch über diese Norm hinaus strapaziert. Willkommen beim Techno. Juan Atkins, Richie Hawtin und andere sind bekannt dafür geworden, die alten Grenzen von Arrangement und Sound-Design zu überschreiten und auf dem schmalen Grad zwischen episch und unerträglich zu wandeln. Viele der einflussreichsten Songs des Genres ziehen ihren Zauber erst aus der Länge; die Tracks entfalten und entwickeln sich, fallen in sich zusammen und erstarken wieder, was uns staunen lässt und die Frage in den soundüberflteten Raum wirft: Was ist es eigentlich, das wir da hören?

Dies hier sind die längsten, manchmal leicht unangenehmen, immer aber brillanten Techno-Tunes der neueren Musikgeschichte:

Ricardo Villalobos—„Fizheuer Zieheuer"

Vielleicht ist er manchmal auch einfach zu dicht und weiß nicht wann er das Off-Knöpfchen zu drücken hat, aber egal. Villalobos ist der unangefochtene König des Unendlichkeits-Techno. Seine preisgekrönte Produktion „Fizheuer Zieheuer" dauert ganze 37 Minuten und umgarnt in dieser Zeit ein Bläser-Sample des Zigeunerliedes „Pobjednicki Cocek" vom Blehorkestar Bakija Bakic aus Serbien (kleiner Tipp: Ricardo wird weiter unten noch einmal auftauchen).

Michael Hoenig & Manuel Göttsching—„Early Water"

„Early Water" haben Manuel Göttsching (Ash Ra Tempel) und Michael Hoenig produziert. Das Stück lässt die Grenzen zwischen einem „Song" und einer modernen Symphonie verschwimmen. Jedenfalls ist es ein faszinierendes und komplexes Werk, das Elemente von Techno und Ambient enthält und stark von der Berliner Schule beeinflusst wurde. Diese Berliner Schule entstand als eigenständiges Subgenre elektronischer Musik und entwickelte sich schon in den 1970ern als Seitenast von Krautrock. Die leichte und psychedelische Natur dieses Stückes wird von einigen als Grundstein von Elektronischer Musik, New Age und sogar Trance betrachtet.

Luciano—„Rise Of Angel"

Rise of an Ange" von Luciano geht schon ein bisschen in die Tech-House-Richtung, aber es ist immer noch so lang und atemberaubend, dass es seine Nennung hier hochverdient hat. Diese emotionale Offenbarung dauert über sechzehn Minuten und wird von einer Synthspur getragen, die sich sanft über den gesamten Track hin entwickelt und ausdehnt. Nach etwa fünf Minuten kommen ein paar schöne Klavier-Akkorde dazu und erst nach neun Minuten hörst du einen Hauch von Streicherklängen. Der Song stellt auch eine Hommage an den jungsten Sohn von Luciano dar, der inzwischen „bei den Engeln wohnt". Wie viele andere Songs dieser Länge kann man auch diesen Song erst richtig im Club verstehen, meist ist er dann das Highlight des DJ-Sets.

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Manuel Göttsching—„E2-E4"

Richtig, Göttsching hat nicht einen, sondern zwei der längsten Elektrosongs auf diesem Planeten produziert. Das Stück wurde erstmals im Jahr 1984 veröffentlicht und ist nach einer der bekanntesten Schacheröffnungen benannt: „

1. e2-e4". Die Gitarre ist in diesem Stück auch umgestimmt zu E2 (tiefste Saite) und E4 (höchste Saite). Viele Musikwissenschaftler schreiben diesem Stück eine wichtige Rolle für die Entwicklung von House und Techno Ende der 80er und Anfang der 90er zu.

Gas—„Königsforst 5"

Dieser Track ist Teil vom gleichnamigen Album

Königsforst,

dem dritten Gas-Album des deutschen Produzenten Wolfgang Voigt. Das Stück wurde 1999 bei Mille Plateaux veröffentlicht, und nach dem Waldstück in der Nähe von Voigts Heimatstadt Köln benannt. Es gibt Leute, die behaupten, das gesamte Gas-Projekt beruhe auf Experimenten mit LSD. Ach! Echt?

Shackleton—„Blood On My Hands (Ricardo Villalobos' Apocalypse Version)"

Hallo nochmal, Rick! Diesmal schenkt uns Villalobos eine zwanzigminütige Monsterversion des Shackleton-Tracks „Blood on My Hands". Dieser Remix ist gespickt mit düsteren, verklärten Höhen. So fühlt es sich wohl an, wenn du in ein schwarzes Loch gezogen wirst—oder eine Nacht lang Ketamin nimmst.

DJ Hell Feat. P Diddy—„The DJ (Radio Slave Remix)"

2009 hat sich DJ Hell mit keinem Geringeren als P. Diddy für seinen Track „The DJ" zusammengetan. Nicht lange danach bekam das Duo Gesellschaft vom britischen DJ und Rekids-Gründer Radio Slave. Er macht aus dem Song eine halbstündige Komposition, in der verfremdete Teile von Diddys Rant (passenderweise über das Fehlen von langen Songs bei elektronischer Musik), psychedelisches Gezwirbel und schließlich ein Klaviersolo übereinandergelegt werden. Dass Diddy in diesem Track vorkommt, wirkt wie eine göttliche Fügung. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass der berühmte Rapper, Produzent und Unternehmer gerne mit der Techno Family ein bisschen durchdreht. Hör dir einfach mal seine Kollabo mit

Guy Gerber

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an.

Steve Roach—„Arc of Passion"

Sehr wahrscheinlich hast du noch nichts von Roach gehört, aber der Typ dreht schon länger an Knöpfen und Hirnwindungen, als du tanzen kannst. Sein Sound war damals ein Gemenge aus Tribal-Ambient, Techno und Drone. Er war auch einer der Ersten, die ein Didgeridoo in die elektronische Musik brachten. Während viele seiner Produktionen typischerweise ohne durchgehenden Beat auskommen, enthält „Arc of Passion" vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2008 ein paar heilsame Alientechno-Sounds die einfach nicht aufhören wollen. Und sie hören auch nicht auf… Der Track hat sogar noch einen zweiten Teil, der weitere 30 Minuten durch die Gegend mäandert.

DJ Pierre—„

What Is House Muzik (Ricardo Villalobos What Is Remix)"

Ricardo wieder. Gerade hat der Halb-Chilene einen Track frisch

bei Get Physical

veröffentlicht, der die Sounds von „What ist House Muzik" breiter werden lässt als den Äquator von Kim Kardashians Hinterteil. Das Gerät erhält von Ricardo den Titel „What is"-Remix. What is was, Lobos? Eine angemessene Songlänge? Dein Zustand? Der Plot von

Interstellar

? Wir haben keinen blassen Schimme, aber genau so mögen wir das.

Kraftwerk—„Autobahn"

Womit muss es aufhören, wenn nicht mit dem Stück, das der Ursprung von allem ist? Das Original. Der Song, der die Geschichte eingeleitet hat von, na ja, von langen Technosongs eben. „Autobahn", der Titeltrack ihres 1974er-Albums, hat Generationen von Knöpfchedrehern beeinflusst—beispielsweise

The Belleville Three (Atkins, May, Saunderson), die den Techno erfunden haben. 22 Minuten, reines Computergeklimper! Ohne diesen Song gäbe es diesen ganzen Artikel hier nicht.

Nachdem David einen Tag lang damit verbracht hat, diese ganzen Songs anzuhören, nimmt er jetzt psychologischen Rat zuhilfe @DLGarber

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