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DJing

Stems im Test: Dieses Format kann digitales DJing revolutionieren

Das neue Dateiformat Stems könnte das Auflegen radikal verändern. Wenn es sich durchsetzt, dürfte die Schallplatte endgültig aus dem Club verschwinden.

von Ayke Süthoff
03 August 2015, 7:15pm

NI

Die Revolution hat ein wenig auf sich warten lassen, denn der ursprünglich für Ende Juni geplante Start musste ein paar Mal verschoben werden. Aber wie es sich für eine Revolution gehört, geht jetzt doch alles ganz schnell. Die Rede ist von Stems. Ein kleines Wort, das nicht nach großem Umbruch klingt. Es könnte allerdings eine Revolution auslösen. Seit dem 3. August, 18 Uhr ist das Traktor-Update für Besitzer von Stems-fähigen Controllern über Native Instruments kostenlos verfügbar, gleichzeitig starteten mit Beatport, Bleep, Juno, Traxsource, whatpeopleplay und Wasabeat sechs der größten Downloadstores für elektronische Musik mit dem Verkauf von Stems-Dateien. Schon um 20.30 Uhr ist die Seite von Native Instruments zusammengebrochen – zu viele Leute wollten sich gleichzeitig die Updates besorgen. Viva la Revolución!

Aber fangen wir erstmal vorne an: Was ist Stems überhaupt? Der Name geistert schon ein paar Monate durch die Blogs für elektronische Musik und nicht selten zeigen sich Blogger, Musikkritiker und DJs begeistert bis euphorisch von der einfachen, aber genialen Idee. Stems ist zuerst einmal ein neues Dateiformat für Musik. Darin kommt ein Track jedoch nicht mehr in einer geschlossenen und komplett abgemischten Datei, sondern in vier einzelnen Spuren. Gebündelt werden die Spuren in einem Mp4-Container. Das heißt, du kannst zu Hause den Track wie gewohnt in einem Stück über ein Programm wie iTunes abspielen und hörst damit den kompletten Track. Für DJs allerdings ändert sich mit Stems alles.

Lädst du eine Stems-Datei nämlich in die neueste Version von Traktor, erkennt das Programm die vier Einzelspuren. Das ermöglicht dir beim Auflegen, jede der vier Spuren einzeln mit jeder der vier Spuren eines anderen Tracks zu mischen. Bisher hattest du als DJ die Möglichkeit, zwei ganze Tracks ineinander zu mischen. Damit dabei kein vollkommener Soundbrei entsteht, musst du über den Equalizer an deinem Mischpult Frequenzen rausfiltern, zum Beispiel die Bässe oder die Höhen. Das funktioniert, ist aber ungenau. Mit Stems hat sich dieses Problem erledigt. Jetzt kannst du einzelne Spuren aus Tracks mischen. Etwa die Gesangsspur. Oder die Drums. Und du kannst wie verrückt kombinieren: Zum Beispiel die Drums aus Track A mit den Vocals aus Track B mischen. Oder die Vocals und Synthesizer aus Track B mit den Drums aus Track C. Oder du nimmst nur den Basslauf aus Track C und legst ihn über Drums und Vocals aus Track A und kombinierst das mit dem Synthie aus Track D. Und so weiter und so fort.


Die Möglichkeiten sind beeindruckend, und bisher reden wir nur über das Mischen von vier Tracks á vier Spuren. Aber du kannst mit Stems ja noch viel mehr machen. Nämlich Effekte auf jede einzelne Spur legen. Oder die einzelnen Spuren durch einen Filter jagen. Statt nur noch aufzulegen, wirst du als DJ plötzlich ein Live-Remixer mit einer unglaublichen Bandbreite an Möglichkeiten. Mit zwei Controllern kannst du pro Controller zwei Tracks in je vier Stems miteinander kombinieren, das sind schon 256 Möglichkeiten, basierend auf nur vier Tracks. Wie viele Tracks legst du in einem durchschnittlichen Set auf? Eben.

Das Potenzial dieses Musikformats ist riesig. Und bisher reden wir nur von den Möglichkeiten der DJs. Aber nicht nur die können sich über das neue Format freuen. Natürlich profitieren auch Labels und Musiker, die für einen Track in Stems-Format mehr Geld verlangen können als für eine Mp3-, Wav- oder vergleichbare Audio-Datei. Sie können auch Tracks, die sie schon vor Jahren an den Mann gebracht haben, nun im Stem-Format ein zweites Mal verkaufen — der ganze Backkatalog ist plötzlich ein Vielfaches Wert. Davon profitieren wiederum Downloadstores wie Beatport, die Stems verkaufen.

Am meisten profitiert allerdings die Firma, die all das entwickelt hat und jetzt zum Start gleich mit einer breiten Palette der passenden Hard- und Software auf dem Markt ist: Native Instruments.

Grund genug, sich in den weiträumigen Büros von Native Instruments in den Hinterhöfen in der Schlesischen Straße in Kreuzberg mal umzusehen. Nächstes Jahr feiert NI sein 20-jähriges Bestehen. Mittlerweile arbeiten allein in Berlin mehr als 300 Menschen für das Soft- und Hardware-Unternehmen. Weitere Büros gibt es in Los Angeles, London und Tokyo. Lange war Wirtschaftsmotor Kreativität in Berlin eine eher hohle Floskel, inzwischen zeigen Firmen wie NI, dass es funktioniert: tief verankert in der kreativen Szene der Stadt, eng verwoben mit der Techno-Geschichte und deren Protagonisten und dabei ein großer Arbeitgeber für junge coole Menschen. Stems soll diese Erfolgsgeschichte fortschreiben.

Am Empfang holt mich der Presse-Mann Johannes ab und bringt mich in die Artist Lounge, einen Raum mit großer Sofa-Ecke, dem obligatorischen Red Bull-Kühlschrank und einem großen DJ Booth. Ausgestattet mit dem Kontrol S8, einem Hybrid aus Mischpult und Software-Kontroller für Traktor, Technics 1210er, Pioneer CDJs, der Maschine, Kontrol D2 und jeder Menge anderem Schnick-Schnack. Hier kann man als Artist jede Menge Spaß haben.

Chad Carrier steht schon hinter dem Pult bereit, um mir die Funktionsweise von Stems zu zeigen. Chad ist einer der Entwickler bei Native Instruments — oder wie das hier heißt: Senior Product Designer — und arbeitet seit Jahren an Stems. Er begrüßt mich überschwänglich, man merkt, dass er sich freut, dass sein Baby nun endlich auf die Welt kommen wird. Sein Baby, das ist die neueste, Stem-fähige Version von Traktor und der neue Kontrol S8, der uns ermöglicht, Traktor einzusetzen, ohne mit Maus oder Trackpad am Computer rumzufummeln.

Im Grunde spielen wir nun ein Video nach, das Chad schon vor einer Weile exklusiv für den Youtube-Channel DJ Worx gemacht hat und das bei der Veröffentlichung schon mal für jede Menge Euphorie unter Bloggern und DJs gesorgt hat. Denn darin erklärt Chad anschaulich, zu was Stems kombiniert mit einem NI-Kontroller fähig ist. All die Theorie wird beeindruckende Praxis.

Und natürlich lässt er mich auch selbst Dinge ausprobieren. Mein erster Eindruck: Das geht aber einfach. Das Handling des Kontrol S8 (zumindest der Basis-Funktionen) ist so einleuchtend und intuitiv, dass man wirklich nicht viel mehr benötigt als etwas Ahnung von der Musik, die man auflegen will, und einen Hauch von Taktgefühl, um ziemlich schnell ein vollkommen akzeptables Set zusammenzumixen. Traktor ordnet die Tracks, wenn man das so will, auf den großen Displays des Controllers nicht nur nach Geschwindigkeit an, sondern auch noch nach Tonart — du weißt damit selbst bei Tracks, die du gar nicht kennst, ob sie klanglich ungefähr zusammenpassen. Du kannst damit also ein stimmiges Set kreieren oder auch genau das Gegenteil provozieren: Einen klanglich möglichst großen Bruch in dein Set einbauen.

So weit die Tracks. Wenn du etwas passendes in dein Deck geladen hast, kannst du nun einzelne Stems picken oder alle vier gleichzeitig laufen lassen. Dann hast du den normalen, vom Produzenten in dieser Form gemischten Track. Du kannst aber auch nur einzelne Stems mischen. Du kannst sie syncen, damit sie in exakt der derselben Geschwindigkeit laufen und im Takt sind und du kannst sie loopen.

Wie die vier Spuren belegt werden, entscheidet der Produzent des Originals. Da ein normaler Track natürlich auf viel mehr Spuren basiert als nur vier, muss er reduzieren. Dabei hat sich die Zahl von vier Spuren allerdings aus mehreren Gründen als praktisch erwiesen. Zum Beispiel zeigt es sich, dass die Unterteilung in Drums, Bass, Vocals und X bei den meisten Tracks schlichtweg gut funktioniert. Mehr Spuren braucht man zum reinen Auflegen eher nicht, das macht die Sache nur unnötig kompliziert. Auf eine andere Sache weist mich Chad lachend hin: „Du hast nur vier Finger, um die Fader zu benutzen. Vier Fader kannst du mit einer Hand gleichzeitig bedienen. Je mehr Spuren du jedoch hast, desto komplizierter wird das Handling."

Das eigentlich Beeindruckendste am Launch von Stems ist der doppelte Spagat von NI. Spagat Nummer eins bezieht sich aufs Auflegen selbst. Native Instruments führt etwas fort, was es schon mit der ersten Version von Traktor vor 14 Jahren gemacht hat: Es vereinfacht das DJing. Aber gleichzeitig führt es auch so viele Möglichkeiten zum Live-Mixen und -Remixen ein, dass das Auflegen zu einer vollkommen neuen Kunstform erhoben wird. Wenn du vier Spuren pro Song beeinflussen kannst, wird DJing kreativer und komplizierter, Stems macht Auflegen aber zugleich einfacher. Es ermöglicht, schnell und einfach annehmbare Sets zu mischen und es ermöglicht gleichzeitig, völlig abgefahrene DJ-Sets, die mit dem, was wir bisher aus dem Club gewohnt sind, nicht viel zu tun haben dürften. Hier tut sich eine neue Welt auf und es wird spannend sein zu sehen, was kreative Menschen daraus machen. „Ich bin sehr gespannt, wie Leute dieses System nutzen", sag Chad. „Vermutlich werden Dinge passieren, die selbst wir uns so nicht vorgestellt haben!"

Der andere Spagat ist wirtschaftlich äußerst interessant: Stems ist ein offenes File-Format. Jeder kann Programme und Hardware entwickeln, die mit dem Format arbeiten. Native Instruments stellt großzügig Informationen für Entwickler zur Verfügung und ermutigt sogar Konkurrenten wie Serato, eigene Produkte für das Format zu entwickeln. „Wir wünschen uns, dass möglichst viele mit dem Format arbeiten, auch Konkurrenten", bekräftigt Chad. „Ein Wunschtraum wäre, wenn Ableton einen Button „Export to Stems" einführt."

Native Instruments hat viel Zeit und noch mehr Geld in die Entwicklung gesteckt, nun soll sich das Format auch durchsetzen und zwar auf notfalls auch mit Hilfe der Konkurrenz. Ein interessantes Projekt, denn obwohl Stems wirklich viel Spaß macht und allein die Idee schon auf Anhieb viele Leute in den Bann zieht, gibt es Hürden. Zum einen ist da die finanzielle Hürde: Ein Kontrol D2 kostet 500 Euro. Man benötigt davon zwei, um das System wirklich sinnvoll nutzen zu können. Ein externes Audio-Interface und ein gutes Mischpult sollte man da schon besitzen. Alternativ kann man sich auch einen Kontrol S8 kaufen. Beim S8, dem „Flagship-All-In-One-System" sind Mischpult und Audio-Interface schon eingebaut und neben zahllosen analogen Anschlüssen besteht hier auch die Möglichkeit, Drumcomputer und Synthies via MIDI zu synchronisieren—klingt nach ziemlich viel Spaß, kostet dann allerdings auch 1200 Euro.

Native Instruments hofft natürlich, dass diese Technik irgendwann zum Standard im Club wird, so wie heute ein Pioneer CDJ oder die Technics 1210er. Denn kaum ein DJ wird, selbst wenn er die Technik besitzt, Lust haben, mit einen Kontrol S8 um die Welt zu fliegen. Überhaupt dürfte die größte Schwierigkeit darin bestehen, Produzenten und DJs von Stems zu überzeugen, die sich seit Jahren auf ein anderes System eingestimmt haben. „Viele haben Angst, dass die Stems nicht den gleichen Klang haben, wie die fertig gemasterten kompletten Tracks", erzählt Chad. Da muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Aber am Ende hofft NI einfach darauf, dass die Vorteile überzeugen. Die unendlichen Möglichkeiten des Auflegens und Live-Remixens, die Möglichkeiten für Labels und Shops, Tracks zu verkaufen, die Möglichkeiten, Soft- und Hardware zu verkaufen für Firmen wie Native Instruments. Eventuell geht die Entwicklung ganz schnell, wenn Early Adopters wie NGHT DRPS demnächst Sets spielen, gegen die ein DJ, der noch immer mit Vinyl auflegt, schlicht und einfach abstinkt. Denn am Ende entscheidet bei einer Revolution die Masse — wenn das Feiervolk Stems fordert, werden DJs und Produzenten liefern müssen.