Tennis ist noch immer eine weiße Angelegenheit
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Tennis ist noch immer eine weiße Angelegenheit

Selbst heute noch gibt es kaum nicht-weiße SpielerInnen auf der Tour. Wenn mal jemand den Durchbruch schafft, dann wird ihm oder ihr ein „natürlicher Vorteil" angedichtet. Hat Tennis ein Rassismus-Problem?
24.6.15

2014 stand ich am ersten Wimbledon-Mittwoch in der Schlange für einen Ground Pass an, vor mir unterhielt sich eine amerikanische Familie gerade über eine Spielerin. Jedes Jahr besuchen 500.000 Leute das Turnier, ungefähr 40.000 Leute pro Tag. Für zwei Wochen im Jahr ist es die am dichtesten mit Tennis-Fans besiedelte Gegend der Welt.

Wenn dir das Ticket-System von Wimbledon nicht vertraut ist, es ist ungefähr so: du stehst um 5.30 Uhr auf, bahnst dir deinen Weg bis auf ein oder zwei U-Bahn-Stationen an den Turnier-Komplex heran, stellst dich fünf Stunden lang in einer unglaublich langen und langsam voranschreitenden Schlange an und wartest dort mit Leuten, die wahrscheinlich die gleiche Leidenschaft für den Sport aufbringen wie du und nichts Dämliches sagen werden.

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Diese Annahme spiegelt sich in den Outfits der Leuten wider. Fast alle sind uniformiert: porzellanweiße Socken, die bis über die Waden hochgezogen werden, weit sitzende Poloshirts, die in Baggy-Hosen gesteckt werden, gelegentlich ein paar glatte, rote Hosen. Der Geruch von Sonnenschutzfaktor 30 entströmt der leicht geröteten Haut.

Briten bei ihrer absoluten Lieblingsbeschäftigung: in einer langen, geordneten Schlange stehen.

Auf den ersten Blick schien die Familie wirklich nett zu sein. Sie waren jung und ihre Haut glänzte durch die Jahre, die sie draußen in der Sonne verbracht hatten, um Bälle auf Tennisplätzen hin und her zu schlagen. Oft erkennt man die Amerikaner in einer Schlange durch die Farbe ihrer Haut; sie ist wie fleckiger Reis. Sie waren von Kopf bis Fuß mit Sportkleidung gekleidet, Adidas, Nike, US Open 2013; so wie ich es sah, geblendet durch die Morgensonne, schienen sie nicht dafür angezogen zu sein, zuzuschauen, sondern mitzuspielen.

Dann haben sie den Mund aufgemacht.

„Wir müssen uns dieses kleine schwarze Mädchen ansehen", sagte die Mutter zu ihren Kindern und suchte nach dem Namen. „Serena?", fragte eines. „Venus? Sloane? Madison? Taylor?"

„Oh, nicht Taylor", antwortete die Mutter. „Die ist kein kleines schwarzes Mädchen. Sie ist eher ein -" Und dann sagte das Kind das Wort, das ihre Mutter im Kopf hatte und alle fingen an, nervös mit den Füßen zu scharren, wahrscheinlich beschämt, weil ihr privates Familienspiel der Bigotterie vielleicht von ihren Nachbarn mitgehört wurde.

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Der erste Eindruck kann täuschen. Der Rassismus war nicht überraschend, trotzdem irritierend. Tennis ist ein einfarbiger Sport, vielleicht das letzte globale Ereignis, deren Empfindungen und Teilnehmer durch und durch weiß sind. Ein paar Monate vor Wimbledon 2014 wurde bekannt, dass ein junger, dunkelhäutiger, britischer Tennisspieler namens Isaac Stoute beschlossen hat, den britischen Tennis-Dachverband LTA aufgrund von Diskriminierung in Bezug auf Förderung und Unterstützung zu verklagen. Das passierte acht Jahre nachdem Yasmin Clarke etwas Ähnliches versucht hatte.

Bei den letzten 28 Grand Slams hat nur ein nicht-weißer Spieler in einem Finale mitgewirkt—Jo-Wilfried Tsonga bei den Australian Open 2008. Im Moment gibt es nur zwei dunkelhäutige Spieler in den Top-50 der Männer und einen aus Asien. Seit die ATP-Tour im Jahr 1990 gegründet wurde, haben nur Michael Chang und Tsonga eines der ATP World Tour Masters 1000-Turniere gewonnen.

Dieses Verhältnis spiegelt sich auch in der längeren Geschichte wider. Seit vor 91 Jahren die vier Majors ins Leben gerufen wurden, haben nur zwei schwarze und ein asiatischer Spieler ein Grand Slam gewonnen: Der Amerikaner Arthur Ashe (der in sieben Jahren einmal Wimbledon, einmal die Australian Open und einmal die US Open gewonnen hat), der Franzose Yannick Noah (der 1983 die French Open gewonnen hat) und der Amerikaner Michael Chang (die French Open 1989). Das sind insgesamt fünf Grand Slams von 364, die seit 1924 ausgespielt wurden, was einer Quote von 1,37% entspricht.

Arthur Ashe war 1975 der erste schwarze Wimbledon-Sieger

Das ist eine überraschende Tatsache, weil Tennis gleichzeitig der viertbeliebteste Sport der Welt ist, nach Fußball, Cricket und Feldhockey.

Bei den Frauen scheint es etwas besser auszusehen, aufgrund der Präsenz der vielleicht besten Spielerin aller Zeiten, Serena Williams, sowie ihrer älteren Schwester Venus, die in den letzten 20 Jahren zusammen 113 Einzeltitel gesammelt haben. Die Chinesin Li Na hat 2011 die French Open und 2014 die Australian Open gewonnen.

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Aber den großen Erfolgen der Williams-Schwestern wurde nicht überall mit der Begeisterung begegnet, die man erwarten könnte und die sie verdient hätten. Manche deuten an, dass ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe der Grund dafür sind. Serena hat sich 14 Jahre lang geweigert, in Indian Wells zu spielen, nachdem sie dort im Finale gegen Kim Clijsters von einem überwiegend weißen, überwiegend amerikanischen Publikum Opfer rassistischer Zwischenrufe geworden war. Ein Mann wird mit den Worten zitiert: „Ich wünschte, es wäre '75; wir würden dich lebendig häuten."

Das ist weder ein alter noch ein neuer Trend, sondern eine immer wiederkehrende Beleidigung einer der besten Athletinnen des Planeten, geschlechterübergreifend. Es ist ein institutionalisiertes Problem—das durch alle von den Fans über lautstarke ehemalige Spieler bis zu denen, die den Betrieb schmeißen, verbreitet wird.

In Bezug auf die Williams-Schwestern hat Martina Hingis mal gesagt, dass „schwarz zu sein ihnen nur hilft", was wie die Worte einer Person klingt, die nie Rassismus begegnet ist und versucht zu erklären, warum sie etwas Rassistisches sagt. Erst letztes Jahr hat Shamil Tarpischev, der russische Tennispräsident, Venus und Serena als „die Williams-Brüder" bezeichnet, eine Aussage, die sowohl widerwärtig als auch leider allzu bekannt ist.

Das ist die Art von Problemen, mit denen Serena und alle anderen nicht-weißen Tennisspieler und -spielerinnen den größten Teil ihrer Karrieren fertig werden mussten, da der Sport immer noch voll von rassistischer Sprache ist. Sieh dir irgendein Match von Tsonga oder Gael Monfils an und du wirst ohne Zweifel hören, wie ihr Spiel als „athletisch" oder „unvorhersehbar" beschrieben wird, Worte die dem Bereich reduktiver, rassistischer Sprache entspringen.

Serena Williams hat 20 Grand Slam-Titel gewonnen. Trotzdem wird ihr Erfolg manchmal als Resultat eines „natürlichen Vorteils" erklärt.

Ein Grund dafür ist vielleicht, dass Tennis im Moment davon besessen ist, so langweilig wie möglich zu erscheinen. Nie dürfen die Emotionen Überhand nehmen; im wichtigsten Moment muss immer bestmöglich gespielt werden. Die meisten Spitzenspieler strahlen absichtlich so viel Persönlichkeit aus wie eine 404-Internetseite.

Historisch gesehen geht die Sprache, mit der schwarze Athleten bezeichnet werden, diesem Trend genau entgegen. Die immense Kreativität auf dem Platz von Monfils wird zum Beispiel oft auf das reduziert, was Ben Carrington in seinem Essay über die mediale Repräsentation schwarzer Athleten als das Produkt des „nicht denkenden schwarzen Körpers" bezeichnet—„schwarze Athleten", so schreibt er weiter, „werden stets als stark, kraftvoll und schnell beschrieben, aber mit unvorhersehbaren und ‚wilden' Momenten, wenn ihnen—anders als ihren weißen Kollegen—angeblich die kognitiven Fähigkeiten fehlen, um in kritischen Momenten die Fassung zu bewahren." Roger Federers ähnliche Art der Spontaneität wird als genial bezeichnet.

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Tsonga, der Persönlichkeit ausstrahlt und zu Recht dafür geliebt wird, wird immer wieder mit Muhammad Ali verglichen, obwohl er ihn nicht als sportliches Idol bezeichnet oder so Tennis spielt als wäre es Boxen. Es ist nicht unbedingt ein beleidigender Vergleich, aber es fühlt sich gedankenlos, faul und potentiell schädigend an.

Novak Djokovic wird nicht mit Beaker aus der Muppet Show verglichen, obwohl er sich genauso verhält wie er. Er wird mit dem Terminator verglichen, trotz der Tatsache, dass er Verletzungen simuliert und bei fast jedem Spiel in Richtung Box meckert. Es ist ein merkwürdiger und beunruhigender Mix aus jahrelangem Rassismus innerhalb eines Sports, der leere Gesichter dem Lachen vorzieht.

Außerdem ist weder das Spiel von Tsonga noch das von Monfils wirklich unvorhersehbar, beide Spieler waren in den letzten fünf Jahren immer in den Top-20 zu finden (wenn sie nicht gerade operiert wurden). Du weißt genau, was du bekommst, wenn einer der beiden Männer den Platz betritt. Außer du findest dauerhafte Brillanz unvorhersehbar. Tsonga, das darf nicht vergessen werden, hat mehrere Titel gewonnen und ein Grand Slam-Finale erreicht, in einer Ära, die von vier Spielern dominiert wurde.

Tsonga in Wimbledon 2014

Diese Darstellungen implizieren auch, dass die besten Spieler bei den Männern—Novak Djokovic, Rafa Nadal, Andy Murray, Stan Wawrinka—die alle weiß sind, aufgrund anderer, anspruchsvollerer Prozesse, dorthin gelangt sind. Die Sache ist, dass alle Spitzensportler athletisch sind. Wenn du nicht athletisch wärst, dann wärst du kein Athlet. Nomen est omen.

Das ist auch der Grund, warum Serena soviel Prügel einstecken muss—sie wird immer wieder für ihren Arbeitsethos kritisiert, ihren „natürlichen Vorteil", als würden ihre unglaublichen Fähigkeiten den osteuropäischen Blondinen mit Porzellan-Haut, die hinter ihr in der Weltrangliste stehen, im Weg sein. Nach ihrem Sieg gegen Lucie Šafářová bei den French Open dieses Jahr hat ein Idiot sie in den sozialen Medien (unter anderem) als „Gorilla" bezeichnet.

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Das beschränkt sich im Frauentennis nicht nur auf Serena. Als die Amerikanerin Madison Keys auf der Bildfläche erschien, indem sie mit sensationellem Angriffstennis Venus Williams bei den diesjährigen Australian Open aus dem Turnier geworfen hat, wurde sie sofort zu ihrer Ethnie befragt, worauf sie geantwortet hat: „Ich denke nicht wirklich darüber nach. Ich bezeichne mich nicht wirklich als weiß oder afroamerikanisch. Ich bin einfach ich. Ich bin Madison."

In einem Artikel, der 2011 im The Telegraph erschien, wird folgendes über Heather Watsons Spiel geschrieben: „Watsons Spiel wurde aufgrund ihres Aufschlags und ihrer Athletik als dem des Franzosen Jo-Wilfried Tsonga ähnlich beschrieben und ihr Fortschritt führt sie vielleicht in die Top 100 der WTA."

Ich muss nicht erwähnen, welcher Ethnie Heather angehört. Heather Watson spielt grundlegend anders als Tsonga. Wir haben bereits festgestellt, dass Tsonga nicht so spielt wie Tsonga angeblich spielt, also ist es ziemlich schwer für Watson, so zu spielen.

Watson ist im Moment die Nummer 47 der Welt, was sie zur besten britischen Spielerin macht.

Sie ist eine sehr ausgeglichene, viel laufende Spielerin mit einem brillanten Return, aber weil sie beide dunkelhäutig sind, werden sie mit den gleichen Worten beschrieben. In ihrem Wikipedia-Artikel steht, dass sie diesen Vergleich selbst geäußert hat—aber die einzige Quelle für dieses Zitat ist der Artikel im Telegraph.

Die Argumente dafür, dass der Tennissport immer noch fast ausschließlich von Weißen dominiert wird, reichen von einem Mangel an bezahlbaren Plätzen bis zu seinem Ruf als vornehmer Sport. Das trifft besonders in Großbritannien zu, wo unsere großen Turniere traditionellerweise in reicheren Gegenden wie Wimbledon, Kensington und Edgbaston stattfinden.

Am anderen Ende des Spektrums steht die Tatsache, dass die Geschichte von großen afroamerikanischen Spielern durch die Adern der US Open fließt, eines der vier Grand Slam-Turniere, das jedes Jahr im Billie Jean King National Tennis Center ausgetragen wird. Wenn du weit genug kommst, werden deine Matches im Scheinwerferlicht des Arthur Ashe Stadiums ausgetragen.

Die Leute können auf Amerika oder Frankreich—zwei Nationen, die den Sport traditionell allen möglichen jungen Menschen mit verschiedenen Hintergründen näher bringen—als Beispiele für Nationen verweisen, die vielfältige Starspieler hervorgebracht haben. Aber solange der Sport nicht die Art verändert, mit der er seine derzeitige ungleiche Riege an Weltklasse-Athleten behandelt und diskutiert, wird er weiterhin ein rassistisches Umfeld bleiben.