Die Frauen von Grindr
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Dating

Die Frauen von Grindr

Wenn heterosexuelle Frauen bei Homo-Dating-Apps nach Sexpartnern suchen, dann steckt da viel mehr dahinter als nur reine Neugierde.
16.3.16

Für heterosexuelle Frauen kann sich Online-Dating oft als schwierig erweisen. Diese Tatsache wurde schon in vielen Artikeln, auf vielen Blogs und in vielen ziemlich beliebten Social-Media-Accounts festgehalten. Einige mehr oder weniger neue Dating-Apps haben auch schon versprochen, dieses Problem zu lösen—zum Beispiel Bumble oder Hinge. Für Adriana DiGennaro war die Lösung jedoch viel einfacher: Sie hat sich einfach Grindr runtergeladen.

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Grindr bezeichnet sich selbst als das „weltweit führende soziale Netzwerk für ausschließlich schwule, bisexuelle und neugierige Männer". Eigentlich ist die auf den Standort basierende App eher eine bequeme Möglichkeit für Männer, andere Männer für ein Schäferstündchen ausfindig zu machen. Auf dieser Grundlage könnte man natürlich meinen, dass die Sexsuche von Frauen dort eher zum Scheitern verurteilt ist, aber Adriana behauptet mit Nachdruck, dass ihre Zeit bei Grindr sehr erfüllend ist.

Dabei ist Online-Dating für Adriana nichts Neues, denn sie benutzt die Plattform OkCupid jetzt schon seit 12 Jahren und hat in diesem Zeitraum schätzungsweise über 300 Männer auch im echten Leben getroffen. „Mir ist aufgefallen, dass ich beim Durchschauen der Profile viel mehr an bisexuellen als an heterosexuellen Männern interessiert war", meinte sie gegenüber Broadly. „Ich bin nämlich selbst nicht ausschließlich heterosexuell und stehe deshalb auf so Zeug."

Irgendwann installierte Adriana schließlich Grindr auf ihrem Handy, nachdem eine genderqueere Freundin mit Hang zu Fetischen und Tattoos damit gute Erfahrungen gemacht hatte. Am Anfang schrieb sie noch selbst Männer an, die sie interessant fand (so nach dem Motto „Du bist echt heiß. Leider bin ich aber eine Frau"), entschied sich dann aber dazu, lieber potenziell interessierte Männer den ersten Schritt machen zu lassen. Laut eigener Aussage hat sie sich schon mit drei Leuten von Grindr richtig getroffen.

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Einer dieser Männer sieht sich als heterosexuell an, steht aber total darauf, Blowjobs zu geben. „Er schläft nicht mit anderen Männern, er küsst keine anderen Männer, im Grunde macht er gar nichts mit anderen Männern—einzige Ausnahme: Er bläst anderen Männern gerne einen, so richtig mit Deepthroating und allem drum und dran", erzählte Adriana und merkte dann noch an, dass sie das am Anfang doch etwas verwirrte. „Ich meinte nur so: ‚Ernsthaft? Du lässt dir gerne Schwänze in die Kehle rammen, du bist doch kein Hetero!'" Inzwischen betrachtet sie die Sexualität dieses Mannes jedoch etwas differenzierter: „Dann wurde mir jedoch bewusst, dass das mein Schubladendenken war. Das war hier jedoch total unangebracht. Der Typ ist heterosexuell."

Irgendwann lud der heterosexuelle Blowjob-Enthusiast dann einen Freund ein, der ebenfalls ein heterosexueller Blowjob-Enthusiast war. Adriana erinnerte sich für uns mit leuchtenden Augen an diesen Abend zurück: „Ich dachte mir nur: ‚Oh mein Gott, auf diesen Moment habe ich jetzt schon mein ganzes Leben lang gewartet.' Ich wollte schon immer mal einen Dreier mit zwei Männern haben. Er brachte den anderen Typen mit und ich sah dabei zu, wie sie sich gegenseitig oral befriedigten. Ich war zum ersten Mal dabei, wie sich zwei Männer sexuell miteinander vergnügten. Das Ganze war so heiß, dass ich wegsehen musste. Das war so, als würde ich in die Sonne schauen. Deshalb habe ich auch den Höhepunkt der Show verpasst. Aber ich konnte einfach nicht anders."

Eigentlich hat Adriana bei Grindr noch keine schlechten Erfahrungen machen müssen—auch wenn ihr Profil einmal wegen eines Verstoßes gegen die Grundregeln der App gelöscht wurde. Sie vermutet, dass der Grund dafür wohl ihr Geschlecht war. Jetzt umschreibt sie dieses Thema elegant mit Emojis und Abkürzungen.

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Außerdem haben sie auch schon ein paar Männer angeschrieben, die etwas gegen ihr Profil hatten, von einer Erklärung ihrerseits aber beschwichtigt werden konnten. „Ich sage dann immer so, dass Gender und Sexualität komplizierte Themen sind und ich bei Grindr keinen schwulen besten Freund finden will, sondern nur dort bin, weil ich eben auf das stehe, auf das sie auch stehen. Danach entschuldigen sich die meisten Typen." Viele Grindr-Nutzer unterstützen Adriana aber auch. So zeigte sie uns einen Ordner voller Screenshots, auf denen Nachrichten zu sehen sind, in denen ihr Lifestyle und ihr Nonkonformismus gelobt werden.

Screenshots: bereitgestellt von Adriana DiGennaro

Anfangs hielten wir Adriana noch für eine Art Ausnahme, denn die wenigenArtikel über Grindr nutzende Frauen beschränken sich meistens auf ahnungslose Userinnen, die nur auf der Suche nach einem „schwulen besten Freund" sind. Als wir einige von Adrianas Aussagen und Screenshots später in der Redaktion besprachen, stellte sich allerdings heraus, dass eine heterosexuelle Kollegin (wir nennen sie hier mal Laura) ebenfalls auf Grindr angemeldet ist.

Ihr Grund, Grindr zu downloaden, war jedoch bei Weitem nicht so sexy wie der von Adriana: Einer von Lauras Bekannten, der schwul ist, wollte eine Anthropologie-Abhandlung über die App schreiben. Laura hat sich dann eines Tages dazu entschieden, mit ihm zusammen ein eigenes Profil zu erstellen. Laut eigener Aussage faszinierte sie dabei vor allem der Ortungsaspekt, weil sie früher mal Geographie studiert hat. „Mein Bekannter und ich sind dann total abgegangen und haben das Ganze aus anthropologischen und geographischen Sichtweisen analysiert", meinte Laura. „Da vergisst man schnell, wer man ist und was man da eigentlich macht. Das Ganze fühlte sich aber auch irgendwie verboten an, weil ich ja eine App nutzte, die eigentlich gar nicht für mich bestimmt ist."

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„Im Grunde wollte ich nur etwas über die Entwicklung des Cruisensherausfinden und bin dann wegen der heißen Bilder geblieben", fügte Laura noch hinzu.

Andere heterosexuelle Frauen legen sich aus weniger akademischen Gründen einen Grindr-Account zu. In einem Artikel der Zeitung San Francisco Examinervom letzten Jahr heißt es, dass sich manche Frauen durch unechte Grindr-Profile nur ein wenig Zeit mit Schwulen vertreiben und die „lockeren Umgangsformen der Homosexuellen-Kultur" erforschen wollen. Dabei übt Grindr aus zwei Gründen einen so großen Reiz aus: Zum einen ist das ganze ein Tabu, weil es auch nie zu einem richtigen Treffen kommen kann, und zum anderen geht es bei Sex-Apps für Homosexuelle deutlich ehrlicher und direkter zu als bei Dating-Apps für Heterosexuelle.

„Auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, aber irgendwie hat mir das Ganze auch etwas gegeben", erklärte uns Laura. „Mich durch Grindr zu scrollen, macht mir viel mehr Spaß und ist auch ein viel größerer Turn-On als jetzt zum Beispiel Tinder.

Ich finde es nicht schlimm, wenn sich Grindr und Scruff zu Plattformen entwickeln, wo alle möglichen LGBT-Menschen Sexpartner finden können.

Heterosexuelle Menschen neigen dazu, Verabredungen als Vorwand zu nehmen, obwohl sie sich Tinder eigentlich nur zugelegt haben, um Sexpartner zu finden. Bei Grindr hingegen geht die ganze Sache doch etwas direkter zu: Normalerweise schreiben sich die Männer dort an, beschreiben ihre sexuellen Vorlieben, tauschen dann noch Fotos aus und vereinbaren schließlich die Zeit und den Ort ihres Schäferstündchens.

In Bushwick und anderen Teilen Brooklyns, wo viele liberale Kunstakademiker wohnen, die sich dem Kult um den gesellschaftlichen Konstruktionismusangeschlossen haben, erwarten homosexuelle Männer schon fast, bei Grindr auch auf Frauen zu treffen. Craig, ein 24-jähriger Copy Editor, gehört zu diesen Männern. Wenn er sich durch seine etwas jugendfreieren Apps wie etwaFacebook, Twitter, Instagram oder Snapchat scrollt, checkt er auch gleich noch Grindr und andere Sex-Apps wie Scruff. Zu wirklichen Treffen kommt es aber nur ein paar mal im Monat. Obwohl sich Craig als homosexuell ansieht, lässt er sich doch auf die Frauen ein, die ihn anschreiben—für den seltenen Fall, dass er sich zu ihnen hingezogen fühlen sollte. Für ihn sind Frauen bei Grindr keine Überraschung mehr.

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„Ein Schwarz-Weiß-Denken á ala ‚Grindr und Scruff sind ausschließlich für Männer' ist meiner Meinung nach nicht mehr angebracht", erklärte er uns. „Die meisten Mädels, mit denen ich dort in Kontakt komme, sind entweder bi- oder transsexuell. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich Grindr und Scruff zu Plattformen entwickeln, wo alle möglichen LGBT-Menschen Sexpartner finden können—vor allem mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ähnliche, auf Frauen zugeschnittene Apps von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren."

Craigs Beobachtungen deuten auf ein größeres Phänomen hin: Frauen verlieren sich durch eine Art sexuellen Befreiungsschlag in der Welt der homosexuellen Männer. So haben sich Frauen in den vergangenen fünf Jahren auch einen ganzen Haufen an Schwulen-Erotikliteratur gekauft. Crackdoubt—die ehemalige Marketingchefin von einem der führenden LGBT-Literatur-Verlage—zufolge lassen sich die Leser von Male/Male (oder M/M)-Erotikbüchern allen Altersgruppen zuordnen. Es sind jedoch vor allem Frauen, die solche Bücher lesen und auch schreiben.

„Selbst Omas lieben Schwule!", meinte Crackdoubt. „Wenn ein nackter Mann für viele Frauen gut klingt, dann können zwei nackte Männer ja eigentlich nur noch besser sein. In anderen Worten: heiß heiß heiß!!"

Crackdoubt machte außerdem noch auf einen triftigeren soziologischen Grund aufmerksam, warum Frauen so an Homo-Erotikliteratur interessiert sind. M/M-Romanzen trotzen ihr zufolge den Stereotypen, die in heterosexuellen Erotikromanen immer noch aufrecht erhalten werden. Sie erklärte das folgendermaßen: „In M/M-Geschichten werden viele der typischen Tropen und Geschlechterrollen aufgebrochen, mit denen uns der Mainstream quasi totschlägt. Beispiele hierfür wären der Alpha-Mann oder der sexy Bad Boy. Gleichzeitig wird die Sexualität des männlichen Charakters viel gründlicher erforscht."

Solche etwas komplizierteren Beweggründe gehen auch Hand in Hand mit den jungen Teenagerinnen, die sich Schwulen-Pornos anschauen und Tumblr-Blogs zum Thema Schwulensex betreiben. Dieses Phänomen haben wir schon einmal untersucht und dabei herausgefunden, dass junge Frauen so auf Schwulen-Pornos stehen, weil dabei—im Gegensatz zu vielen normalen Erotikfilmen—keine Frauen schlecht behandelt werden. „Ich schaue gerne dabei zu, wie Leute wirklich Spaß am Sex haben", meinte eine Teenagerin. „Schmerzen sind da für mich fehl am Platz—sofern es sich nicht um die lustvolle Art handelt."

Adriana ist durch ihre Zeit bei Grindr klargeworden, dass Gender und Sexualität unglaublich komplexe Themen sind und sich nur schwer klar definieren lassen. „Wenn man schon alles irgendwo einordnen muss, dann würde es bei mir wohl gerade heißen, dass ich auf schwule Männer stehe", meinte sie.

Im Allgemeinen wird die Schwulen-Kultur als etwas von und für Schwule betrachtet, aber aktuelle Trends zeigen uns, dass damit viel mehr Gesellschaftsgruppen bedient werden und dass die Definition dieser Schwulen-Kultur und sogar der sexuelle Identität der Schwulen an sich viel komplizierter ist, als man vielleicht denkt. Allerdings ist hier auch festzuhalten, dass Schwule sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn Frauen am Schwulen-Sex interessiert sind und daran teilnehmen wollen. Craig drückt das Ganze folgendermaßen aus: „Nicht alle Typen, die diese einschlägigen Apps nutzen, sind ausschließlich homosexuell. Deshalb ist es falsch zu sagen, dass Frauen auf Grindr nichts verloren haben.