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Sex

Führt Sexentzug dazu, dass dich dein Partner umso mehr will?

„Willst du gelten, mach dich selten“ – wir haben einen Psychologen und eine Domina gefragt, was an dem Sinnspruch dran ist und ob dich das Sexembargo wirklich begehrenswerter macht.

von Diana Tourjée
14 Juli 2016, 7:00am

Photo by Cameron Whitman via Stocksy

Sexentzug ist eine klassisch passiv-aggressive Technik, die in vielen intimen Beziehungen praktiziert wird. Das Ganze kann von plötzlichen Migräneanfällen, die mysteriöserweise immer kurz vor dem Sex einsetzen, bis hin zu emotionaler Bestechung reichen, wobei sich Männer und Frauen weigern, Sex zu haben, um die Hingabe oder Unterwürfigkeit ihres Partners sicherzustellen. Wie auch immer sich der Sexentzug äußert, er ist in jedem Fall ein weit verbreitetes Phänomen—sowohl in der Popkultur als auch im wahren Leben.

James Giles ist Professor für Psychologie an der Roskilde Universität in Dänemark. Er ist spezialisiert auf die Themen Sex und Beziehungen, geschlechtsübergreifende Freundschaften und existenzielle Identitätssuche. Obwohl er keine Studie dazu zitieren kann, kann Giles bestätigen, dass Sexentzug in der westlichen Kultur eine gängige Praktik ist. „Es gibt sogar Beweise dafür, dass es dieses Verhalten schon in frühester Zeit gab", sagt er gegenüber Broadly. „In einem von Aristophanes' Stücken weigern sich die Frauen, Sex mit den Männern zu haben, bis diese aufhören zu kämpfen. Und auch im Kama Sutra (ungefähr 400 n. Chr.) wurde zu diesem Verhalten geraten, um das Interesse des Partners aufrechtzuerhalten." Giles sagt, was die beiden historischen Beispiele gemeinsam haben, ist die Absicht, „den Partner dazu zu zwingen ein bestimmtes Verhalten anzunehmen (beziehungsweise abzulegen)."

In einem von Aristophanes' Stücken weigern sich die Frauen, Sex mit den Männern zu haben, bis diese aufhören zu kämpfen.

Die Frage, ob Frauen eine sexuelle Macht über Männer haben, die Männer nicht über Frauen haben, verneint Giles klar. „Ich würde behaupten, dass Frauen das gleiche Interesse und dasselbe sexuelle Verlangen haben wie Männer", sagt er und meint weiter, dass der Unterschied nur darin liegt, dass Frauen in vielen Kulturen dazu erzogen werden, „ihrem sexuellen Verlangen nicht in gleichen Maße nachzugehen wie Männer." Giles bestätigt auch, was Frauen bereits seit Langem wissen: Selbst im Jahr 2016, dieser „angeblich so liberalen" Ära werden Frauen nach wie vor stigmatisiert, wenn sie aktiv nach Sex oder mehreren Sexpartnern suchen. „Bei Männern ist das nicht ganz so. Männer werden vielmehr dazu ermutigt, sexuell aktiv zu sein. Das versetzt unsere Gesellschaft in die Lage, dass Männer aktiv nach Sexpartnern suchen, während Frauen es eher vermeiden." Laut Giles ist es dieses Ungleichgewicht—und kein angeborener Unterschied zwischen den Geschlechtern—, das Frauen „die Macht verleiht zu entscheiden, ob und wann es zu Sex kommen wird."

Mehr lesen: Warum Männer in Beziehungen glauben, dass ihre Freundin keinen Sex haben will

Alanis ist Mitte 20 und passt nicht in das Klischee der sich zierenden Frau. Als sie ihren jetzigen Freund zum ersten Mal traf, war es er, der nicht direkt mit ihr ins Bett wollte. „Mein Freund hat zu Beginn unserer Beziehung versucht, mit dem Sex zu warten", erklärt Alanis. „Einmal haben wir draußen vor einer Bar wild rumgemacht. Weil es Minusgrade hatte, schlug ich irgendwann vor, dass wir zu ihm oder zu mir nach Hause gehen könnten, aber er sagte Nein. Er wollte warten, weil es schön wäre, diese Spannung noch etwas länger aufrechtzuerhalten." Sie war genervt und ging frustriert nach Hause. „Keine 24 Stunden später schrieb er mir eine Nachricht, in der er mich fragte, ob wir am nächsten Tag ‚rumhängen' wollten."

Oftmals ist es ein Zeichen dafür, dass Leuten bestimmte kommunikative Fähigkeiten fehlen.

Giles sagt, dass es etwas Grundsätzlicheres über die zwischenmenschliche Beziehung und die Geschlechterdynamik verrät, wenn jemand seinem Partner Sex entzieht. „Oftmals ist es ein Zeichen dafür, dass Leute etwas kurzsichtig sind, wenn es darum geht, gewisse Ziele zu erreichen und dass ihnen bestimmte kommunikative Fähigkeiten fehlen", erklärt er. „Im Hinblick auf die Geschlechterdynamik, wird dadurch oftmals deutlich, dass sich Männer und Frauen den stereotypen Geschlechterrollen noch immer bereitwillig fügen." Seiner Aussage nach gibt es allerdings noch einen anderen Grund, warum manche Menschen ihren Partner hinhalten: um den Eindruck zu vermitteln, sie wären schwer zu kriegen. „Auf diesem Weg versuchen Frauen oftmals ihr Angebot, Sex mit einem Mann zu haben, aufzuwerten", sagt er. Oder umgekehrt—wie im Fall von Alanis' Freund. „Leicht zu erreichenden Zielen wird oft kein so großer Wert beigemessen", meint Giles, sagt aber auch, dass es „ein Spiel sein kann—eine Art Vorspiel vor dem Sex—, das beide Partner genießen."

Foto: andreawilla | Flickr | CC BY 2.0

Madame Rebecca hat andere Gründe für den Sexentzug: Sie verdient ihr Geld damit, Männer zu kontrollieren. „Ich arbeite als Online-Domina und habe mehrere Sklaven", sagt sie. „Wir kommunizieren über Skype. Jeder von ihnen hat andere Schwächen, die wir gemeinsam entdecken." Die meisten ihrer Sklaven sind weiße Männer aus der Mittelschicht. Außerdem sind sie „alle anders, aber meistens wohlhabend und gelangweilt." Sexentzug ist ein fundamentaler Bestandteil von Madame Rebeccas Herrin-Sklaven-Beziehungen. „Sie werden niemals mit mir Sex haben können. Das steht völlig außer Frage." Sie sagt, dass ihre Sklaven sich danach sehnen, ihr zu dienen und es genießen, dass ihnen ihre Herrin Sex verweigert. „Sie können so viel betteln, wie sie wollen, aber zu wissen, dass sie niemals Sex mit mir haben können werden, regt ihre Fantasien an."

Sie können so viel betteln, wie sie wollen, aber zu wissen, dass sie niemals Sex mit mir haben können werden, regt ihre Fantasien an.

Sexentzug ist nach Madame Rebeccas Erfahrung eine mehr als erotische Erfahrung. „Ich persönlich glaube, dass Sex etwas sein sollte, woraus Frauen so viel Spaß wie möglich ziehen können sollten." Dem Partner das, was er sich wünscht, nicht direkt zu geben, kann ihrer Meinung nach einen durchaus positiven Effekt haben. „Es hat mich sexuell selbstbewusster gemacht, weil ich noch viel mehr das Gefühl habe, dass es meine Entscheidung ist, ob ich mit jemandem Sex habe und es nicht nur um das Vergnügen des Mannes geht."

„Sexuelles Verlangen ist eines der mächtigsten Bedürfnisse", sagt Giles. „Oft ist es die größte Motivation, um eine Person dazu zu bringen, das zu tun, was man möchte." Obwohl es zwar auf kurze Sicht äußerst effektiv sein kann, wie er sagt, hat es auf längere Sicht generell keinen Effekt, jemanden etwas vorzuenthalten, da es eine Form von Zwang darstellt. „Kein Mensch wird gern zu etwas gezwungen und obwohl es vielleicht funktioniert, um in einem bestimmten Moment ein bestimmtes Verhalten beim anderen zu erreichen, wird der regelmäßige Einsatz von Zwang dazu führen, dass die Beziehung mit der Zeit zerbricht." Giles spricht von einem unumgänglichen Szenario: „Ein Mann, der regelmäßig dazu gezwungen wird, gewisse Dinge zu tun, um Sex haben zu können, kann auch anfangen seinen Partner dafür abzulehnen, dass er das tut oder er fängt ebenfalls an, Zwang auf seinen Partner auszuüben. Oder er sucht sich einen neuen Partner, der Sex nicht dazu nutzt, um ihn zu irgendetwas zu zwingen." Er sagt, dass ein offenes Gespräch ein sehr viel gesünderes Mittel ist, um seine Wünsche zu kommunizieren und dafür zu sorgen, dass beide Seiten in der Beziehung zufrieden sind.

Madame Rebecca sagt, dass die extreme Variante des Sexentzugs, die sie praktiziert, in anderer Form auch unter Normalopärchen existiert und so eingesetzt wird, dass sie kriegen, was sie wollen. „Womit ich es zu tun habe, ist nur die übersteigerte Form einer normalen Macht- und Kontrolldynamik, der man so jeden Tag begegnet", erklärt Madame Rebecca. „Meine Sklaven fantasieren von dominanten Frauen. Es kehrt alles um, was ihnen die patriarchale Gesellschaft zu bieten hat."

Männer müssen ständig das Gefühl haben, dass sie alles unter Kontrolle haben—das Patriarchat ist kein natürlicher Lebenszustand.

Giles kann dem nicht zustimmen. Er ist der festen Überzeugung, dass Menschen letztlich zu nichts gezwungen werden wollen. Seiner Meinung nach wollen Madame Rebeccas Sklaven, dass man sich ihnen sexuell verweigert. „In der fetischierten Form sehnt sich der Mann nach dem Sexentzug, weil er daraus einen erotischen Lustgewinn zieht. Das ist eine ganz andere Situation."

„Männer müssen ständig das Gefühl haben, dass sie alles unter Kontrolle haben—das Patriarchat ist kein natürlicher Lebenszustand", sagt Madame Rebecca und ist der festen Ansicht, dass ihre Arbeit unsere Kultur im Ganzen widerspiegelt. „Unsere Sexualität verleiht uns Frauen jede Menge Macht. Das ist, was Männer die ganze Zeit über wollen. Und die Macht entzogen zu bekommen, kann eine extrem sinnliche Erfahrung für sie sein."


Foto: Chiara Cremaschi | Flickr | CC BY-ND 2.0

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