Alkohol

So betrinkt man sich mit Essen

Was kann ich dafür? Meine Freunde laden mich vermehrt zu Spiele-Abenden ein. Es ist Notwehr.
8.5.17
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Es dürfte wohl kein Geheimnis sein, dass ich gerne mal einen über den Durst trinke. Die Worte "Happy Hour" sind wie Musik in meinen Ohren und lösen ähnliche Glücksgefühle bei mir aus – wie das Erklingen einer Glocke bei einem pawlowschen Hund.

Nun ist es leider so, dass ich langsam in ein Alter gerate, in dem meine Freunde meinen Enthusiasmus für Alkohol nicht mehr teilen. Immer öfter laden sie mich zu "verrückten Spieleabenden" ein und bieten mir nach meiner Ankunft allen Ernstes ein Glas Saft an.

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"Wir haben viele verschiedene Säfte, Michael!", sagt meine Freundin Bärbel etwa, als wäre das etwas, womit man prahlen sollte. "Multivitamin, Grapefruit, Ananas usw. Die Liste ist endlos!" Ich erinnere mich an Zeiten, als Bärbel im Austausch für Hochprozentiges mit schmierigen Typen herummachte; nun schlägt ihr Herz ausschließlich für Fruchtsaft. Traurig!

Angesichts der Tatsache, dass ich ans andere Ende der Stadt gefahren bin und Brownies mitgebracht habe, nur um vollkommen nüchtern eine Runde "Mensch ärgere dich nicht" über mich ergehen lassen zu müssen, hege ich oft den Gedanken, Freundschaften wie diese aufgrund "unüberbrückbarer Differenzen" zu beenden.

Ich verfasste gedanklich bereits eine Freundschaftsanzeige mit dem Titel "Alkoholiker bevorzugt", als mir eine grenzgeniale Idee kam, bei der sowohl meine Freundschaften als auch meine Trunkenheit bestehen bleiben würden.


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Da es zugegeben ein bisschen komisch ist, als Einziger in einer größeren Runde Alkohol zu trinken, könnte ich doch einfach anfangen, Hochprozentiges in Speisen, wie etwa meine Brownies, einzubauen und mir ein großes Stück davon zu genehmigen, um jedem Spieleabend dieses gewisse je ne sais quoi zu geben.

Bei alkoholhaltigen Gerichten denke ich nicht etwa an die verheerende, mit Wodka getränkte Wassermelone aus den grusligeren Nächten unserer kollektiven Jugend, sondern einfach an köstliche Speisen, von denen man (im Idealfall) auch gut angetrunken wird.

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Topp, die Wette gilt!

Schokolikör-Brownies

Zu Beginn meines Experiments kaufe ich an der Supermarktkasse unfassbar viele kleine Alkoholflaschen; so auch Schokoladenlikör, der dort wohl mit Vorliebe von alten Damen als "süße Sünde" erstanden wird. Diesen kippe ich bei meiner nächsten Brownie-Back-Session frivol in den Teig.

"Aber Michael, Alkohol verdampft doch im Ofen!", denkt ihr bestimmt, weil ihr einmal einen Galileo-Beitrag darüber gesehen habt, und damit habt ihr vermutlich Recht, doch aus genau diesem Grund kippe ich auch nach dem Backen noch ein kleines Fläschchen über die Brownies, was sie in eine toffeeartige Köstlichkeit verwandelt.

Mein Dessert schmeckt so, wie sich eine zu lange Umarmung von einem entfernten Onkel anfühlt: ein bisschen falsch, aber doch oh-so-richtig.

Bei der nächsten Party esse ich drei Stück davon. Obwohl ich ihre Wirkung anfangs nicht bemerke, tanze ich bereits eine halbe Stunde später äußerst peinlich (und alleine) zu einer Playlist namens "Dolly Parton – Pure and Simple!".

Doch warum bei Brownies aufhören? Mit dem Wind der Dolly-Playlist in meinen Segeln beschließe ich, in den kommenden Tagen weitere alkoholhaltige Speisen auszuprobieren. Die erste Regel: Es gibt keine Regeln! Die zweite Regel: Für die optimale Wirkung sollte man darauf achten, den Alkohol nicht zu erhitzen.

Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf widme ich mich also der rohsten aller Speisen – Salat.

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Avocado-Nuss-Salat mit Weißweindressing

Ich kaufe den trockensten Wein, den ich finden kann und verteile den Inhalt der Flasche mit einer Handbewegung, die ich rückblickend betrachtet als "äußerst freizügig" bezeichnen würde, über meinem Avocado-Nuss-Salat, bis sich dieser von einem "Salat mit Weindressing" in "Wein, in dem ein bisschen Salat schwimmt" verwandelt.

Entzückt darüber, nach all den Jahren endlich eine Methode gefunden zu haben, um mir Salat schmackhaft zu machen, nehme ich gierig einen Happen nach dem nächsten, muss jedoch feststellen, dass der erwartete Rausch ausbleibt: Nach dem Verzehr meines Salates fühle ich mich zwar beschwingt, aber noch immer nüchtern genug, um problemlos eine Boeing 747 in Betrieb nehmen zu können. Schade.

Die Whisky-Tabasco-Sauce
Zu diesem Zeitpunkt meines Experiments habe ich mich bereits in eine kauzige Schnapsnase verwandelt, in deren Rucksack es bei hastigerem Gehen aufgrund der unfassbar vielen Mini-Alkoholflaschen laut klimpert.

Auf Rat eines Freundes habe ich eine DIY-Tabasco-Sauce mit Whisky präpariert, obwohl Whisky der einzige Alkohol ist, den ich nicht mal riechen kann, da ich einmal mit 15 davon gekotzt habe.

Doch nun zeige ich mich versöhnlich mit dem Hass-Getränk meiner Jugend. Mit einem diebischen Blick zücke ich in Restaurants klammheimlich meine mitgebrachte Tabasco-Flasche und verstreue ihren alkoholhaltigen Inhalt grinsend auf Pizzen, Burger und Steaks. So gelingt es mir, selbst die köstlichste Speise in ein ekelhaftes Fiasko zu verwandeln, von dem ich würgen muss.

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Lernt aus meinen Fehlern und seht gewisse Alkoholsorten und euren Körper wie Paris Hilton und Nicole Richie: Haben sie sich einmal gegeneinander entschieden, so versucht bitte niemals, die beiden wieder zu versöhnen.

Nach dieser Pleite beschließe ich, mein Experiment mit einem altbekannten Alkohol-Favoriten ausklingen zu lassen.

Gazpacho mit Wodka
Ich bereite eine Gazpacho zu und spicke sie mit etwas Wodka. Klar: Böse Zungen mögen behaupten, dass es so viel Wodka ist, dass diese "Suppe" nun als Bloody Mary zu klassifizieren und eigentlich aus einem Glas – nicht aus einer Schale – zu trinken sei, doch diese Menschen sind bestimmt nur neidisch, weil ich tagsüber Cocktails genieße, während sie an frigiden Multivitamin-Säften nippen.

Diese altbewährte Kombi ist ein absoluter Hit-Garant. Nach dem Verzehr gehe ich – trotz unzähliger Termine – mit einer unbeschreiblichen joie de vivre durch den Tag, welche mir gleich zu zwei Erkenntnissen verhilft:

1. Es kann sein, dass Day Drinking tatsächlich die Lösung all meiner Probleme ist
2. Alkohol ist meistens leider nur dann gut, wenn er getrunken (oder, im Fall meiner "Gazpacho", geschlürft) werden kann

Denn sämtliche feste Mahlzeiten, in denen ich Likör, Wein und Whiskey untergebracht habe, waren leider nicht wirklich lecker und erinnerten nur leise an die Sache, an der ich eigentlich interessiert bin: Alkohol.

Fortan werde ich also auf vereinzelte Salatblätter in meinem Wein verzichten müssen und auch keine heimtückischen Likör-Brownies mehr auf langatmige Spieleabende mitnehmen.

Stattdessen werde ich dankend mein Glas Multivitamin-Saft annehmen, diskret in meinen Rucksack greifen und mein Getränk einfach mit einer meiner Miniaturflaschen von der Supermarktkasse spicken. Schließlich habe ich ja jetzt so viele davon.