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Dieser Performance-Gruppe scheinen die Laser aus dem Arsch

Mit ihren Auftritten will die Young Boy Dancing Group Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität herausfordern.

von Ali Gitlow
03 März 2017, 3:19pm

Young Boy Dancing Group with Tomislav Feller, Nils Amadeus Lange, Ofelia Jarl Ortega, Vincent Riebeek, Nicolas Roses, Manuel Scheiwiller at "The Curves of the World" curated by Mette Woller, Chart Art Fair, Copenhagen, 2016. (Photo by David Stjernholm)

Im letzten Oktober machte ich mich eines Samstagabends auf den Weg in den Londoner Club Bloc in Hackney Wick im Osten der Stadt. In dieser Gegend findest du sowohl Fabriken und Künstlerstudios als auch das Olympiastadion von 2012 und Raves in schäbigen Fabriketagen. Ich war wegen Chapter 10 dort, einer Schwulenparty mit Techno, House und Disco, bei der Honey Dijon Headliner sein sollte. Viele Leute, so auch ich, waren jedoch bereits etwas früher gekommen, um sich eine Performance der Young Boy Dancing Group anzusehen – einem Kollektiv aus zeitgenössischen Tänzern aus ganz Europa, deren Auftritte eine Mischung aus Queerness und Techno-Futurismus sind, wie du sie nur in unserem digitalen Zeitalter findest.

Als ich den Hauptraum des Clubs betrat, hatte ich das Gefühl, als würde gleich eine Art Wicca-Ritual vollzogen: In der Mitte des Dancefloors formten Kerzen einen großen Kreis. Ein männlicher Tänzer mit einem Suspensorium mitten im Gesicht, eine blonde Frau mit Haar-Extensions als Gürtel und andere Performer in Bondage-ähnlichen kurzen Hosen schritten langsam durch den Raum. Zu einem Track aus dem Ghost in the Shell-Soundtrack mit viel Gesang schwenkten sie Amulette aus Metall in der Luft, die an Räuchergefässe von Geistlichen erinnerten. Anschließend krochen sie in einer Art weiterentwickelter Form von Twister übereinander.

Die Young Boy Dancing Group bei Chapter 10. Foto vom Autor

Dann verzogen sie sich hastig in verschiedene Ecken des Raumes und jeder steckte sich einen grünen Laser in den Hintern. Schnell glich die Performance einem großen Durcheinander, bei dem Mitglieder der Gruppe wild herumfuchtelten, einen Moshpit initiierten und in blinder Wut zu einem runtergepitchten, nervösen Dance-Remix von Enyas "Only Time" umherliefen.

Die Young Boy Dancing Group tritt aber nicht nur im Clubkontext auf. Diese Performance fiel mit der Frieze Art Fair zusammen und seit 2014 haben sie diverse Shows im Kunstkontext aufgeführt. So sind sie zum Beispiel im litauischen Pavillon der Biennale in Venedig aufgetreten, bei der Manifesta – der nomadischen Biennale für zeitgenössische Kunst in Zürich – der Arti et Amicitae in Amsterdam und bei MAMA in Rotterdam.

Die Young Boy Dancing Group bei der Chart Art Fair

Mit einem Laser im Hintern in Galerien herumzustolzieren könnte als dämlich angesehen werden oder als billiger Trick, um die Aufmerksamkeit der Besucher zu erhaschen. Doch die Kuratorin Mette Woller – die die Young Boy Dancing Group letzten Sommer in eine Ausstellung namens "The Curves of the World" mit einbezog – erklärte mir, dass dieser scheinbar überspannte Akt gewollt ist. "Sie fordern die Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität heraus und hinterfragen immer wieder institutionalisierte Settings", versichert sie. "Entweder bringt es dich zum Weinen oder es stößt dich vor den Kopf."

Um mehr über die Konzepte von Queerness und Sexualität hinter der Arbeit der Young Boy Dancing Group zu erfahren, sprach ich vor Kurzem mit einem der Mitbegründer der Gruppe, dem gebürtigen Schweizer Manuel Scheiwiller. Zur Zeit des Interviews weilte er in Puerto Rico und Kuba, um "dem Winter zu entfliehen". Auf der Facebookseite der YBDG kannst du dich über anstehende Performances informieren. Und glaub mir, du hast nicht gelebt, bevor du nicht gesehen hast, wie sich das fluoreszierende Licht eines Lasers eine Million Mal in einer Diskokugel bricht – und dabei aus dem Arschloch eines Typen scheint.

Die Young Boy Dancing Group bei einer Performance in Paris. Video hochgeladen von YouTube-Nutzer contemporary cruising

THUMP: Haben die meisten Mitglieder der Young Boy Dancing Group eine formale Ausbildung? Und gibt es feste Kernmitglieder?
Manuel Scheiwiller: Ja. Die meisten Leute haben sich in Tanzakademien rund um Amsterdam getroffen. Ich habe in Rotterdam und Amsterdam Tanz studiert und dann visuelle Künste in Wien und Stuttgart. Die witzige Sache an der Gruppe ist, dass die Mitglieder von überall herkommen: Kroatien, Estland, Holland, Deutschland. Aber eigentlich ist die Young Boy Dancing Group nicht wirklich eine feste Gruppe, wir versuchen es recht fließend zu gestalten. Es gibt einen Kern aus ungefähr fünf Leuten, die die Auftritte organisieren und Sachen machen. Und dann gibt es insgesamt ungefähr 15 Leute, mit denen wir arbeiten. Dass wir Freunde sind, ist wichtig, aber da alle von uns recht ähnliche ästhetische Ansätze und Interessen verfolgen, verbindet die Arbeit. Die ganze Show ist wie ein Pool für Menschen, die dazu kommen können. Und dann arbeitest du vielleicht mit jemandem an seinem eigenen Projekt. Es gibt immer Überschneidungen.

Denkst du, es gibt eine zentrale Idee, die ihr versucht rüberzubringen? Oder ist es eher verspielt und experimentell?
Es gibt gewisse Themen, die absolut präsent sind. Eines ist sicherlich Queerness. Andere sind Tanz, Bewegung, Körper und natürlich Sexualität. Ich weiß nicht, ob du uns in London gesehen hast, aber Nico, [eines unserer Mitglieder], hat sich einen Dildo eingeführt. Es gibt diesen Aspekt der Sexualität – in Paris haben wir einen Workshop zum Rummachen abgehalten. Wir haben das Publikum gebeten, Händchen zu halten und miteinander rumzumachen. Manche von ihnen haben es getan. Als wir das in Zürich gemacht haben, funktionierte es. Alle standen so aufeinander.

Die Young Boy Dancing Group auf der Chart Art Fair in Kopenhagen. Foto von David Stjernholm

Wie entscheidet ihr über den Inhalt der Performance?
Anfangs wollten wir uns das erst am Tag zuvor ausdenken. Du denkst darüber nach, was du tun wirst und sagst dann: "Wir machen es" und jeder, der mitmacht, kann Dinge vorschlagen. Dann schauen wir einfach, was passt und was sich für alle gut anfühlt. Aber mittlerweile interessieren sich so viele Leute für die Laser-Szenen, dass manchmal Leute fragen: "Könnt ihr nur die Laser-Szene machen?"

Ist es euch wichtig, dass eure Show nicht nur aus der Laserperformance besteht?
Ich denke, das ist auch eine Sache, die es irgendwie einzigartig macht: Es gibt keine Gebundenheit. Es ist in Ordnung, es zu zeigen oder es nicht zu zeigen, neue Sache auszuprobieren, alte Sachen zu verwenden, eine Szene zu überspringen. Es kann individuell angepasst sein. Wie in London. Kennst du die Arbeit Kiss von Tino Sehgal? Einige von uns haben bei diesem Stück mitgewirkt, als es in ein paar Museen in Amsterdam aufgeführt wurde. Sie kannten also die Choreografie – und haben das Stück einfach als Szene aufgeführt.

makeout4ultimate,Young Boy Dancing Group mit Maria Metsalu, Manuel Scheiwiller, Vincent Riebeek, Nicolas Roses, Estéfano Romani und Juan Pablo Cámara bei MAMA Rotterdam, 2014. Foto von Young Boy Dancing Group

Wie kamt ihr auf die Idee mit den Lasern?
Die Laser-Sache kommt von einer Frau in Ibiza. Sie tritt in Clubs auf; ich kenne ihren Namen nicht. (Anm. d. Red.: Der Name der Performerin ist Empress Stah). Wir haben mal ein GIF von ihr gesehen. Aber es ist nicht klar, ob sie ihn sich eingeführt hat (Anm. d. Red.: Hat sie) oder ob er nur befestigt ist. Wir sagen auch, dass die Urheberschaft eigentlich zwischen all den Leuten, die mitmachen, geteilt wird. Wenn also jemand dazu stößt, kann diese Person die Sachen, die wir in der Gruppe machen, für ihre eigene Arbeit weiterentwickeln. Wir versuchen, mit dem Thema Urheberschaft sehr liberal umzugehen.

Musstet ihr ein wenig herumprobieren, um die perfekten Laser zu finden?
Wir haben nicht recherchiert. Wir haben verschiedene [Laser]. Einige von ihnen musst du festkleben, damit sie stecken bleiben und das ist sehr nervig. Aber wir haben welche gefunden, die einfach stecken bleiben. Sie haben allerdings alle dieselbe Helligkeit. Bei einer Show in Berlin hat einmal dieser Typ mit einem riesigen Laser mitgemacht. Ich habe gesehen, wie er ihn rausgenommen hat – wir ziehen immer ein Kondom über den Laser, wegen der Sauberkeit – und sein Kondom war einfach blutig. Es war ekelhaft. Ich habe gesagt: "Er geht viel zu zweit, er ist zu groß!"

Die Young Boy Dancing Group bei der Chart Art Fair in Kopenhagen 2016. Foto von David Stjernholm

Ist es für alle Performer in Ordnung, sie zu benutzen?
Anfangs hatten die Leute teilweise ein paar Zweifel, aber jetzt ist es in Ordnung. Manchmal ist es ein wenig schmerzhaft. Alle müssen zur gleichen Zeit anfangen und wir sagen uns dann sowas wie: "Los, lass es uns tun." Ein Typ hatte auch mal Hämorriden und konnte es daher nicht machen.

Ihr seid in Kunstgalerien aufgetreten, aber auch im Kontext des Nachtlebens wie bei Chapter 10 und in David Lynchs Club Silencio. Fühlt sich eine bestimmte Art von Umfeld "richtiger" an für das Projekt?
Das ist ein guter Punkt. Wir haben in Wien eine Show im Clubkontext gemacht. Dort schob ein Fremder Tommys Laser wieder in seinen Arsch. Und das war viel zu viel. Danach haben wir gesagt: "Hey, wir wollen nicht mehr in einem Partykontext auftreten." Weil Leute es dort anders bewerten – manchmal betrachten es Leute aus einer betrunkenen Perspektive. Darum machen wir es seitdem lieber im Kunstkontext. Aber bei Chapter 10 hatten wir eine sehr gute Erfahrung.

Die Young Boy Dancing Group bei MAMA Rotterdam. Foto von Young Boy Dancing Group

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