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Festivals lösen eine existenzielle Krise bei DJs aus—zumindest bei den Guten

Die Rolle von großen DJs hat sich durch die Festivalkultur verändert: hin zu mehr Aoki und weg von van Dyk.
21.4.15
Harrison Boyce/Facebook

Es ist kein Geheimnis, dass Festivals in der heutigen Dance-Musik-Kultur eine zentrale Rolle spielen. Die riesengroßen Events bieten nicht nur einen Einstieg für neue Fans, sie sind auch eine mächtige Plattform, um neue Ideen und Klänge zu verbreiten und bieten einen Einblick, wohin die Kultur sich bewegt. Außerdem bringen sie sowohl unabhängigen Veranstaltern als auch großen Firmen zuverlässige Gewinne ein.

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Aber während die Festivals an Größe und Wichtigkeit gewinnen, erlebt ihre wesentlichste Attraktion—berühmte DJs—eine existentielle Krise. Besonders bezüglich der Frage, was sie tun sollen, wenn sie auf der Bühne stehen. In aktuellen Interviews mit der New York Times, MTV und anderen Medien scheinen sich einige Top-DJs uneinig zu sein, oder zumindest verschiedene Sichtweisen zu haben, was ihre Rolle bei einem Dance-Festival angeht.

Axwell und Ingrosso Backstage beim Ultra Miami 2015 (Foto via Harrison Boyce/Facebook)

In einem Artikel der New York Times, der Anfang des Monats erschienen ist, haben die ehemaligen Swedish House Mafia-Mitglieder Axwell und Sebastian Ingrosso etliche Fun Facts aus ihrer Karriere nach SHM als Duo Axwell /\ Ingrosso zum Besten gegeben. (Mein persönlicher Favorit: dass Axwell gerne „turnt up, turnt up" zu sich selbst murmelt, bevor er auf die Bühne geht.) Auch wenn sich die Dance-Musik-Medien auf Axwells Kommentar gestürzt haben, dass „Underground-Dance-Musik amateurhaft [ist]", hat das Interview sich eigentlich auf die Liveshow des schwedischen Duos konzentriert.

„Am wichtigsten ist nicht, was wir spielen, sondern wie wir unsere Persönlichkeit rüberbringen und mit dem Publikum interagieren", sagt Ingrosso. Er hat damit in einem Satz die Mentalität von DJs wie Avicii und Steve Aoki zusammengefasst, die dafür kritisiert wurden, dass sie vorhersehbare oder vorher aufgenommene Sets spielen, um sich ausreichend mit Pyrotechnik und Torten beschäftigen zu können.

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Axwell und Ingrosso erklären, dass ihre begehrten 90 Minuten auf einer Main Stage, umgeben von Feuerwerk, Lasern und LEDs, wie eine „Ehrenrunde" nach Jahren harter Arbeit im Studio sind. Also was soll's, wenn ihre Mühen nur darin bestehen, dass sie die Hände in die Luft recken und an ein paar Knöpfen drehen? „Die Leute wissen nicht, was wir vor der Show machen", sagt Axwell. „Ein Typ mit Gitarre weiß vielleicht, wie man Gitarre spielt, aber weiß er auch, wie man einen ganzen Song produziert?"

Das ist vielleicht die offizielle Bekanntmachung, dass sich die Rolle eines DJs vom geschickten Track-Auswähler zum geschmeichelten Abspieler von großen Hits verändert hat, der die Improvisation und Überraschung zugunsten von Vertrautheit und Spektakel aufgibt.

John Digweed (Foto via Mick Collins/Facebook)

Es ist einfach, sich vorzustellen, wie erfahrene DJs wie Paul Van Dyk und John Digweed bei diesen Kommentaren mit den Zähnen knirschen. Letzte Woche haben sich beide gegen die derzeitige Kultur der Top-DJs ausgesprochen, die bei Festivals immer und immer wieder dieselben müden Hits spielen.

„Wenn du der größte DJ auf der Welt bist, dann bist du in einer Position, in der du Sachen spielen kannst, die die Leute nicht kennen und mit denen du sie beeindrucken kannst", hat Digweed MTV gesagt. „Aber wenn du dich entscheidest, ausschließlich das Zeug zu spielen, das sie schon kennen, um eine Reaktion zu provozieren, dann ist das einfach nur faul."

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Digweed hat nicht ganz ohne Stolz verraten, dass sein Set beim Ultra, bei dem er auf der Carl Cox-Bühne gespielt hat, auf Tracks basierte, die er am selben Nachmittag heruntergeladen hatte. Ein Platte zu spielen, die niemand kennt, und zu hören, wie sie durchdrehen, ist „die bessere Begeisterung", fügt er hinzu.

Vyn Dyk hat MTV ähnliches erzählt: „Ich denke, es ist unsere Verantwortung als DJs, uns durch diese abertausende Tracks zu arbeiten, die jede Woche erscheinen, und die auszuwählen, die wirklich etwas bedeuten."

Sowohl Digweed als auch Van Dyk sind eine halbe Generation älter als Axwell und Ingrosso, haben ihre ersten Erfolge in den 90ern gefeiert und den Mainstream-Zenit ihrer Karrieren während der ersten Welle der elektronischen Musik in den frühen 00ern erreicht, ein Jahrzehnt bevor der EDM-Wahn die USA überrollt und auch in Europa immer mehr Anklang gefunden hat. In den letzten fünf Jahren hat sich Van Dyk größtenteils aus dem Festival-Geschäft zurückgezogen, während Digweed weiterhin gelegentlich auf Nebenbühnen auftritt. Mit anderen Worten, beide haben sich quasi vom EDM-Festival-Goldregen verabschiedet, für den Axwell und Ingrosso die Verantwortung übernommen haben.

Die Kommentare von Digweed und Van Dyk stehen sinnbildlich für die alte Schule des DJings—eine, die die Dynamik auf dem Dancefloor als oberste Priorität ansieht. Die Explosion von Dance-Musik in den Mainstream hat die Natur der Performance verändert. Die Festivals nehmen mittlerweile ungeniert die Charakteristik von Pop- und und Rock-Shows an. Während Digweed und Van Dyk früher Sets gespielt haben, die sich über Stunden erstreckt haben, dauern die Sets von Axwell und Ingrosso normalerweise eineinhalb Stunden. Der Dance-Musik-Akademiker und Kulturkritiker Luis-Manuel Garcia hat diesen Prozess als „Konzertisierung" der elektronischen Musik bezeichnet.

Paul Van Dyk beim Ultra Miami 2013 (Foto via Facebook)

„Eine neuere Sorte EDM-Musiker hat das DJ-Pult weitestgehend hinter sich gelassen, um das Verhaltensmuster von Künstlern auf Pop- oder Rock-Bühnen anzunehmen: kurze, hochintensive Musik-Sets, die die Geschwindigkeit eines Rockkonzerts haben, überlebensgroße Bühnenpersönlichkeiten und scheinbar endlose Investitionen in ein visuelles Spektakel, um die sensorische Überlastung eines Brainfuck-Sounds zu begleiten", hat Garcia in einem Feature für Resident Advisor geschrieben. Man hätte meinen können, dass er über die Show von Axwell /\ Ingrosso auf der Main Stage beim Ultra redet.

Seth Troxler—der sich in beiden Welten bewegt, indem er für Underground-Dance-Musik eintritt und gleichzeitig im Lineup des Ultra auftaucht—hat sich offensiv gegen die derzeitige Kultur der Superstar-DJs und ihr Rockstar-Gehabe ausgesprochen. „Ich habe Steve Aoki bei diesen Festivals spielen sehen und er hat immer wieder die Musik runtergedreht und ist auf der Bühne herumgesprungen und hat gesagt: ‚Das ist meine neue Single! Sie erscheint nächste Woche!' und dann den nächsten Song gespielt", sagte er THUMP. „Du bist kein verdammter DJ. Du bist ein überbezahlter, untalentierter, kuchenwerfender Idiot."

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„Es gibt Musik, aber es geht nicht nur um die Musik", hat Troxler geschlussfolgert. „Es geht um das Experimentieren und die Umgebung, in der du Musik erlebst."

Er hat Recht. Unabhängig vom Ort liegt viel vom Geist der Dance-Musik im Experimentieren und in der Spontanität. Vor Kurzem haben Skrillex und Four Tet ein Back-to-Back-Set in einem verschwitzten Londoner Pub gespielt, mit dem sie sowohl das Publikum als auch die zuschauenden DJs (Ben UFO, Pearson Sound, Floating Points, Caribou und Pangea waren alle anwesend) verzückt haben, als sie EDM-Hits mit Grime-Klassikern gemixt haben. Auf gewisse Weise wurde die Kunst des Experimentierens dazu genutzt, den Spalt zwischen Underground und Mainstream zu überbrücken.

In einem Zeitalter, in dem du online jeden „Underground"Sound findest und es bei Mainstream-Festivals Bühnen gibt, auf denen Vertreter des Undergrounds auftreten, sind diese Grenzen vielleicht nicht so existent, wie wir dachten. Schließlich haben Skrillex und Four Tet denselben Song genutzt, um ihre Show zu beenden, den auch Axwell /\ Ingrosso in ihr Set aufgenommen haben—Totos Softrock-Klassiker von 1982, „Africa".

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