Popkultur

So sieht das einsame Leben eines Hells-Angels-Verräters aus

Dave Atwell ist der hochrangigste Aussteiger der Hells Angels. Er befindet sich momentan in einem Zeugenschutzprogramm. Wir haben mit ihm gesprochen.

von Mack Lamoureux
04 April 2017, 4:15am

Illustration: Ralph Damman

Paradoxerweise sind die einzigen Menschen, mit denen Atwell heute offen sprechen kann, genau diejenigen, die er früher wie die Pest gemieden hat: Journalisten und Polizisten. Fast zehn Jahre ist es her, dass Dave Atwell seinen Koffer richtig ausgepackt hat. Seit sich der ehemalige Hells Angel und Sergeant at Arms des Toronto-Charters gegen seinen Club gerichtet hat, hat er sich nie wieder irgendwo zu Hause gefühlt.

"Einfach so reden zu können, bedeutet mir die Welt", sagt Atwell zu mir, nachdem er mich mit unterdrückter Nummer angerufen hat.

Damit spricht er direkt etwas an, woran die meisten Menschen bei einem Zeugenschutzprogramm nur selten denken: die drückende Einsamkeit.

Seit Atwell sich Ende der 00er Jahre dazu entschieden hat, als Informant für die Polizei zu arbeiten und gegen seine Biker-Brüder auszusagen, befindet er sich in dem Programm. Er ist das hochrangigste Mitglied des berüchtigten Motorradclubs, das diesen Schritt je getan hat. Zusammen mit dem erfahrenen Journalisten Jerry Langton hat er gerade das Buch The Hard Way Out veröffentlicht. Darin spricht Atwell über den Kokainhandel, seinen Wechsel von einer anderen Bikergang – den Para-Dice Riders – zu den Hells Angels, wie er ein vollwertiges Mitglied wurde und wie und warum er sich schließlich gegen seinen Club gewandt hat.

Sieben Jahre war Atwell der sogenannte Sergeant at Arms des Toronto Charters – das heißt, er sorgte für Disziplin und für einen reibungslosen Cluballtag. Er war außerdem maßgeblich am Kokaingeschäft der Angels in und um Toronto beteiligt. Als der respektierte Rocker schließlich wegen diverser Drogenvergehen angeklagt wurde, wollte er aussteigen. So einfach geht das bei den Hells Angels allerdings nicht. Als die Verfahren gegen ihn eingestellt wurden, erwarteten seine Brüder von ihm, dass er sich wieder motiviert an seine Arbeit macht. Das war der Punkt, an dem Atwell begann, den Club und seine Brüder in einem anderen Licht zu sehen: Die Biker und die Hells Angels waren keine Familie, jeder dort "dachte nur an seinen eigenen Vorteil."

"Ich war gefangen – allerdings nicht hinter Gittern, sondern durch die Einschränkungen, die der Club mir und meinem Leben auferlegt hatte", heißt es an einer Stelle in seinem Buch.

Um sich aus dem Würgegriff des Clubs zu befreien, machte Atwell schließlich einen Deal mit der Polizei. Der Sicherheitsexperte dokumentierte heimlich die Vorkommnisse in seinem Charter und spielte damit eine Schlüsselrolle beim Aufdecken eines großen Drogengeschäfts. Nach 18 Monaten kamen die Ermittlungen jedoch zum Erliegen. Seine Rocker-Kollegen vermuteten eine Ratte in ihren Reihen und konfrontierten Atwell. Den zuständigen Beamten war klar, dass es zu gefährlich sein würde, einfach weiterzumachen.

"Ich war gefangen – allerdings nicht hinter Gittern, sondern durch die Einschränkungen, die der Club mir und meinem Leben auferlegt hatte."

Atwells Informationen halfen der kanadischen Polizei, 31 Personen im Umkreis der Hells Angels wegen 169 Straftaten anzuklagen, Drogen im Wert von umgerechnet über 2 Millionen Euro, 350.000 Euro Bargeld und noch einmal 350.000 Euro in Immobilien zu beschlagnahmen. Über die Jahre trat Atwell in zahlreichen Verfahren als Zeuge auf. Tagsüber saß er seinen ehemaligen Brüdern gegenüber, nachts gewöhnte er sich an sein neues Leben im Zeugenschutzprogramm.

Von dem Augenblick an, an dem Dave Atwell die Seiten wechselte, war der Mann, der er fast 50 Jahre lang gewesen war, tot. Sein Wechsel in das Zeugenschutzprogramm war alles andere als leicht. Sein ganzes Leben hatte sich um die Patches auf seiner Weste gedreht. Diese waren jetzt alle weg.

Andere kanadische Hells Angels | Foto: Imago | ZUMA Press

Atwell kann natürlich nicht komplett frei über seine aktuelle Lage oder seinen Wege in ein "neues Leben" sprechen. Er sagt mir allerdings, dass er überraschend viel Papierkram auszufüllen hatte und das ganze Prozedere insgesamt furchtbar zeitfressend sei. Das alles soll natürlich den betroffenen Zeugen schützen, aber es sichert auch ab, dass das Programm nicht dafür haftbar gemacht werden kann, wenn der Zeuge es versaut oder wieder straffällig wird. Atwell sagt, dass es "komisch ist, über das Programm zu sprechen. Es gibt da so viel spannende Aspekte, aber zu viele Details würden meine Sicherheit gefährden." 

Sobald du in den Zeugenschutz einsteigst, verlierst du jedes Mitspracherecht über dein Leben. "Die Typen vom Zeugenschutz bitten dich nicht um etwas, die befehlen es dir", erklärt Atwell. "Du hast nichts zu melden. Sie sagen: 'Wenn du willst, dass wir dich beschützen, dann halt die Klappe und hör zu. Dein Urteilsvermögen hat dich hierher gebracht, also überlass das Denken jetzt lieber uns.'"

"Es ist einsames Leben. Du ziehst ständig um und hast keine Stabilität."

Atwell kann mir nichts über seinen üblichen Tagesablauf oder irgendetwas in der Art berichten. Wovon er mir allerdings erzählt, ist die Einsamkeit, die seine Situation zwangsläufig mit sich bringt. Atwell muss entweder alle anlügen oder seine Vergangenheit komplett verschweigen.

"Was soll ich machen? Ich kann höchstens davon träumen, jemandem nahezukommen", klagt Atwell. "Wenn dir jemand etwas bedeutet – sei es freundschaftlich, platonisch oder in einer intimen Beziehung mit dem anderen Geschlecht –, dann kannst du nur bis zu einem gewissen Punkt gehen, bevor diese Person fragt: 'Und was ist davor passiert? Wo kommst du her?' Ich kann nichts davon mit irgendjemandem teilen."

"Wenn mir jemand etwas bedeuten würde, würde ich so etwas gerne wissen wollen. Nicht weil ich neugierig bin, sondern weil es einfach dazugehört, jemanden kennenlernen, wenn man eine Person mag", sagt er.

Abgesehen davon, dass er seine Lebensgeschichte vor anderen geheim halten muss, gibt es da noch diese Sache, die Atwell die "Mute ich jemandem dieses Leben zu"-Frage nennt. Das Schutzprogramm ist nämlich nicht nur dazu gedacht, den Zeugen selbst zu schützen, sondern auch die Menschen in seinem engen Umfeld. Diese Sorge um andere zwingt die Betroffenen dazu, niemanden richtig in ihr Leben zu lassen. Aus diesem Grund lebt Atwell eine selbstauferlegte Abstinenz von jeglicher Intimität.

Polizisten entfernen nach einer Razzia das Logo aus dem Hells-Angels-Clubhaus in Toronto, 2007. Atwells Informationen hatten bei der Polizeiaktion eine wichtige Rolle gespielt | Foto: Imago | ZUMA Press

Atwell selbst hat natürlich auch keine weiße Weste. In einem der vielen Gerichtsverfahren, sagte er aus, dass er sich mit einem anderen Angel getroffen hatte, um die Ermordung eines Polizisten zu besprechen. Das war nur wenige Wochen, bevor er selbst zum Polizeiinformanten wurde. Trotz seiner zweifelhaften Vergangenheit wurde Atwell für seine Zusammenarbeit mit der Polizei reich entlohnt. Insgesamt verdiente er mit seiner Hilfe umgerechnet über 300.000 Euro.

Allerdings kann ein Mensch auch von so viel Geld nur eine begrenzte Zeit leben – insbesondere, wenn er ständig umziehen muss. Du musst arbeiten, allerdings nicht zu lange am gleichen Ort. Du musst ständig deine Routine ändern und auf der Hut sein. Und das alles ohne Lebenslauf, ohne Ausbildung, ohne Abschluss, ohne Referenzen und so weiter. Für Menschen, die ein vernünftiges Arbeits- und Privatleben möchten, ist das ein verdammter Albtraum.

"Egal was, du fällst in der Masse immer auf oder fühlst dich zumindest so – ob du es tatsächlich tust oder nicht."

"Schauen wir uns die Zeit nach dem Verfahren und nach der Festnahme an – sagen wir zehn Jahre nach dem Verfahren, oder sogar zwanzig", sagt Atwell. "Was hast du? Du hast keine Vergangenheit, du hast keinen Lebenslauf, du hast keine Identität, keinen sozialen Stand, keine Bezugsgruppe. Du kannst nicht über deine Verwandten oder Freunde sprechen. Egal was, du fällst in der Masse immer auf oder fühlst dich so – ob du es tatsächlich tust oder nicht."

Und da ist natürlich auch der ständige Kampf mit der Angst und Paranoia – du bist schließlich nicht grundlos im Zeugenschutzprogramm. Du weißt, dass auf deinen Kopf ein Preis ausgesetzt ist, aber du weißt nicht, ob die Person oder Gruppierung, die ihn ausgesetzt hat, sich überhaupt noch dafür interessiert. Zu Atwells Glück hat er einige Erfahrung im Sicherheitsgeschäft und ist dementsprechend aufmerksamer als der Durchschnittsbürger. Er sagt mir, dass sich seine täglichen Vorkehrungen vor allem um zwei Bedrohungen drehen würden: die Gefahr, dass jemand aktiv nach ihm sucht, und die unmittelbaren Gefahr, dass ihn jemand erkennt.

Je mehr Zeit verstreicht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Atwell zufällig von jemandem erkannt wird. Dennoch ist die Gefahr immer noch da. Atwell weiß, dass die Personen, die er verraten hat, wahrscheinlich noch immer ein Auge nach ihm aufhalten. Der Club als Ganzes ist aber sehr wahrscheinlich schon über die Angelegenheit mit ihm hinweg und konzentriert sich wieder aufs Geschäft.


Die alternden Biker-Gangs von Japan:


"Der Club selbst hat Wichtigeres zu tun – sich nicht erwischen zu lassen zum Beispiel", so Atwell. "Die werden sich meine Geschichte angeschaut und daraus gelernt haben. Jetzt werden sie versuchen sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert."

Aber die Angst bleibt.

Trotz allem sagt Atwell, dass er heute glücklicher ist als zu seiner Zeit als Angel. Er muss sein Leben nicht länger am Club ausrichten. Und auch wenn er das eine oder andere bereut, ist er davon überzeugt, die richtige Entscheidung aus den richtigen Gründen getroffen zu haben. Blöderweise belohnt dich das Leben nicht immer für die richtige Entscheidung.

"Die Ironie des Lebens ist, dass ich immer nach einer gewissen Geborgenheit und Akzeptanz gesucht habe – egal, ob beim Eis-Hockey, beim Club oder mit einer Lady – ein gewisses Maß an Geborgenheit. Die Ironie bei der ganzen Sache ist, dass das alles war, was ich immer wollte. Und ich werde es niemals haben."

Einige Details in den Zitaten wurden geändert, um keine Informationen über Atwells aktuellen Wohnort preiszugeben.

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