Was ist beim tödlichen Vorfall am Wiener Gürtel wirklich passiert?
Verbrechen

Was ist beim tödlichen Vorfall am Wiener Gürtel wirklich passiert?

Eine Auseinandersetzung in einem Shisha-Club endete mit einem Todesfall. Der Bruder des Getöteten vermutet dahinter eine "regelrechte Mafia."
31.3.17

Die Blutspur ist auch drei Tage, nachdem der 21-Jährige Mustafa H. tödlich verletzt wurde, nicht weggewaschen und nach wie vor dezent sichtbar. Passanten bemerken jedoch höchstens die gelben Markierungen der Spurensicherung, die sich etwa 100 Meter den Lerchenfelder Gürtel hinauf ziehen. Der Schwerverletzte schleppte sich diese Strecke in den frühen Morgenstunden des 26. März entlang, bevor er kurz vor der Kreuzung Burggasse ein zweites Mal zusammenbrach und liegen blieb. Eine Autofahrerin wurde auf ihn aufmerksam, leistete Erste Hilfe und verständigte die Einsatzkräfte. Mustafa H. hatte jedoch schon zu viel Blut verloren, er verstarb im Spital.

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In einigen Medien wurde daraufhin etwa von einer "wüsten Massenrauferei" berichtet, bei der "ein Iraker von seinem Widersacher mit einem Messer in den Rücken gestochen wurde". Zuvor sei in einer Shisha-Bar unter den "arabischstämmigen Gästen" ein Streit ausgebrochen. Der 21-Jährige Iraker habe sich mit dem Besitzer angelegt, worauf er hinausgeworfen und von einer Überzahl an Kontrahenten verprügelt und schließlich tödlich verletzt wurde.

Die Polizei forschte tags darauf einen 33-jährigen gebürtigen Syrer als Tatverdächtigen aus. Dieser ist jedoch nach wie vor flüchtig. Unter den "Top-Kommentaren" zu den Meldungen ging der Tenor auf Facebook bald in eine ganz bestimmte Richtung: "Wen juckt's", "Die gläubigen Flüchtlinge saufen sich mit Steuergeldern an und stechen aufeinander ein", "Die Krankenhauskosten darf dann die Allgemeinheit zahlen" oder auch: "Das bittere Ende einer Facharbeiter-Diskussion mit goldenem Ausgang."

In einem Café in der Lugner City, nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt, sitzt Mezer, ein älterer Bruder des Verstorbenen. Es wirkt doch leicht verstörend, dass er sich gleich zu Beginn des Gesprächs, fast schon rechtfertigend auf oben genannte Kommentare in den sozialen Netzwerken äußert: "Wenn die Täter nicht gefasst werden, dann könnte das ja bald auch einem Österreicher passieren. 'Die' haben dieses Programm ja schon öfters abgezogen. Dahinter steckt eine regelrechte Mafia."

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Den ganzen Tag hatte Mezer vor einem kleinen Gebetsraum im 10. Bezirk ausgeharrt. Immer wieder erschienen kleine Gruppen von Männern und Frauen, die er selbst gar nicht kannte, die aber kamen, um zu kondolieren. Die irakische Community in Wien ist in diesen Tagen geschockt und aufgebracht über den Tod des 21-Jährigen Mustafa. In einem offenen Brief an das österreichische Außenministerium hat sich mittlerweile auch die irakische Botschaft eingeschaltet und ersucht um "Informationen über den letzten Stand der Ermittlungen." Die Aufbahrung des Sarges wurde live auf Facebook gestreamt; auch arabische Medien interessieren sich für den Vorfall.

Der getötete Mustafa H. in einem Park in Wien

Die tödliche Auseinandersetzung im Rotana Shisha-Club hatte möglicherweise eine Art Vorspiel. "Mustafa war anscheinend zwei Tage vorher mit einem Freund zum ersten Mal in diesem Club. Sie sind dort zufällig vorbei gekommen, sahen die arabischen Schriftzeichen und gingen hinein. Sie bestellten Essen und rauchten Shisha." Mit dem Personal habe es da bereits erste Unstimmigkeiten gegeben.

"Mustafas Begleiter hat mir erzählt, dass sie dort gemustert und über sie gesprochen wurde", meint der Bruder. Beim Gehen hätte sich Mustafa dann erkundigt, ob es denn ein Problem gäbe. Es sei jedoch friedlich verblieben, ein später angeblich Involvierter habe ihm gesagt, dass er weiterhin im Club willkommen sei. "Ich frage mich die ganze Zeit, wieso er dort noch einmal landen konnte."

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In der Nacht des Vorfalls habe Mezer zuletzt gegen 2 Uhr mit Mustafa telefoniert. "Er war in der Gegend rund um den Schwedenplatz unterwegs. Wie es bei ihm weiterging, wissen wir, von der Familie bisher noch nicht genau." Soweit man weiß, sei bereits kurz nach der Ankunft von Mustafa und seiner zwei Begleiter, in dem Shisha-Club ein Streit ausgebrochen. "Da waren bis zu 12 Personen gegen sie. Mustafas Freunde wurden hauptsächlich festgehalten, sie blieben unverletzt."

Der 21-Jährige habe schon im Club Schläge abbekommen, dann habe man die drei jungen Männer über die Hintertür hinausgeworfen. Nach weiteren verbalen Auseinandersetzungen sei es dann in der Überzahl und gegen Mustafa weitergegangen. "Da war alles dabei. Fußtritte, Schläge, Schläuche, Gürtel, selbst eine Grillzange." Schließlich sei dann der Haupttäter hinzugekommen und habe ihm ein Messer in die Seite gerammt, wobei wohl ein Organ oder wichtige Blutgefäße getroffen wurden.

Der Bruder scrollt durch sein Telefon und zeigt mir ein Bild eines Mannes mit kräftiger Statur, Glatze und Schnauzbart. Er sei der 33-Jährige, nach dem derzeit gefahndet wird.

Der Nachtclub am Gürtel bleibt offenbar dauerhaft geschlossen. Foto vom Autor

Weder der besagte Club, noch die Personen dahinter, wären Mezer bis zu dem Vorfall ein Begriff gewesen. Nach und nach traten in den letzten Tagen aber immer mehr Menschen an ihn heran, die von ähnlichen Vorfällen und sogar einem "brutalen Programm" der Betreiber berichteten. Wenn es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen in dem Shisha-Club kam, sei das Metallgitter der Eingangstür heruntergefahren – und die unliebsamen Gäste eingeschlossen worden. Oft wären die Betroffenen dann in einen Gang im WC-Bereich verprügelt und über eine Hintertür hinausgeworfen worden. Bei Mustafa hätte es sich ähnlich abgespielt.

"Die Polizei hat mir bestätigt, dass es schon öfter Beschwerden und Anzeigen gegen den Club gab." Es soll sich bei den Betreibern um syrische Kurden handeln, die laut dem Bruder auch mit Drogen und anderen kriminellen Aktivitäten zu tun haben, sich den Ruf "einer Mafia" aufbauen hätten wollen. Eine angeblich in die Schlägerei involvierte Person sei von der Polizei verhört, aber wieder freigelassen worden. Der Hauptverdächtige sei wiederum von Bekannten des Bruders noch am Tag des Vorfalls bereits 75 Kilometer von Wien entfernt über Facebook getrackt worden. Über ein Netzwerk von Bekannten und Kontakten habe er schnell Schutz bekommen. Es gibt Gerüchte, dass er sich über Ungarn nach Serbien abgesetzt hätte.

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Der Rotana Club bleibt seit den Ereignissen vom Wochenende dauerhaft geschlossen. An den herabgelassenen Metallgittern wurde ein Zettel angebracht: "Wir haben ANGST – Die Mieter Lokal schließen" steht da über einem beigefügten Zeitungsartikel. Auch aus dem Firmenverzeichnis der Wirtschaftskammer wurde der Betrieb mittlerweile entfernt. Der offizielle Inhaber war für VICE nicht zu erreichen.

"Ich kann nur für mich sprechen, aber um sowas wie Rache geht es mir nicht. Dass der Täter frei rumläuft ist jedoch eine riesige psychische Belastung für die ganze Familie." Die Mutter, so Mezer, sei nach der Nachricht "in ein Koma gefallen".

Die Familie, die ursprünglich aus dem Irak stammt, sei aufgrund der Arbeit des Vaters früh nach Libyen gezogen. Sie wird von Mezer als wohlhabend und gebildet beschrieben. Der Vater, ein Doktor der Pharmazie, verdiente gut. Mit den Umbrüchen des Arabischen Frühlings sei es aber schlagartig schwieriger geworden. Eine Schwester arbeite daheim als Steuerberaterin, ein Bruder, der mit seiner Familie in Wien lebe und zusammen mit Mustafa im Sommer 2014 gekommen sei, habe mit Immobilien zu tun. Mezer selbst arbeite in einer Apotheke; er bemühe sich um Anerkennung eines Zertifikats. Mustafa besaß die Matura, arbeitete zeitweise in einer Trafik und interessierte sich für Photoshop und Grafik. Er hätte gern "im Medienbereich gearbeitet." In Österreich erhielt er bis zuletzt subsidiären Schutz.

Für manche Kommentatoren auf Facebook mag der Vorfall das "goldene Ende einer Facharbeiter-Diskussion" gewesen sein. Für Mezer und seine Familie kann das Ende im besten Fall ein strafrechtlich gerechtes werden. Aber auch das bleibt vorerst offen. "So eine Fahndung an sich ist eine ziemlich schwierige Sache", heißt es zuletzt auf Nachfrage seitens der Polizei.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine