Interview

Woher kommt der Zusammenhalt bei Dynamo Dresden?

Häufig wird im Zusammenhang mit Dynamo Dresden über Problem-Fans berichtet. Dabei hat der Verein eine der lebendigsten und kreativsten Szenen überhaupt. Ein Fan erklärte uns, wie der Zusammenhalt im Verein das Gewalt-Problem eindämmte.

von Leonie Hain
18 August 2016, 1:45pm

Foto: Imago/ Sebastian Wells

Wo viel Herzblut fließt, sind auch viele Emotionen im Spiel. Dynamo Dresden haftet seit Jahren das Image an, „Problemfans" in den eigenen Reihen zu haben. Und die gibt es zweifelsohne immer noch, wenn man sich die etwas vermasselte Aufstiegsfeier in Magdeburg und nach dem Spiel in Dresden anschaut. Doch selten wird berichtet, dass Verein und Szene sich zweifelsohne gemeinsam von den größten Krawall-Machern befreit haben. Die Fan-Aktionen der Dresdener gehören seit einigen Jahren zum Beeindruckendsten, was es hierzulande zu bieten gibt.

Und egal, wen man fragt, alle beschwören in Dresden den Zusammenhalt, den man im und um den Verein an den Tag legt. Vor dem Auswärtsspiel in Berlin haben wir Steffen, einen langjährigen Dresden Fans, abgefangen und ihn dazu befragt, wie sich der Zusammenhalt deutlich macht.

Steffen

VICE Sports: Wie kamst du zu Dynamo Dresden?
Steffen: Mein Vater hat mich zum Fußball mitgenommen, wir haben damals in Dresden gewohnt. Das war 78/79. Mich hat diese Atmosphäre im Stadion einfach fasziniert und wie Dresden damals in den 70ern und 80ern Fußball gespielt hat. Seitdem bin ich Dresden-Fan.

Was macht Dynamo aus?
Der Zusammenhalt. Die Fanszene ist schon etwas eigen: Wir würdigen die Vereinsstrukturen sehr und lassen nur wenig Leute von außen ran. Wir wollen unser Fanleben und unser Vereinsleben selber gestalten. Im Gegensatz zu Vereinen wie RB Leipzig, die viel Geld von außen nehmen. Bei uns ist das eine sehr gute Kombination zwischen Fanszene und Verein.

Wie macht ihr das? Kannst du das nochmal ein bisschen mehr erklären?
Wir arbeiten sehr eng mit den Vereinsgremien zusammen. Sehr viele, die heute hier sind, sind auch Vereinsmitglieder. Wir haben 18.000 Mitglieder. Das ist unglaublich viel und wir beteiligen uns auch intensiv und ausgiebig am Vereinsleben. Wir gestalten Entscheidungen und Strukturen selbst mit.

Jetzt hast du gerade RB angesprochen. Was hältst du von dem Aufsteiger?
Schlicht gesagt: gar nichts. Das hat natürlich mehrere Gründe. So ein Verein hat im Osten nichts zu suchen. Der hat auch mit Tradition nichts zu tun. Das Entscheidende ist, dass es dort keine echte Mitgliederstruktur oder Vereinskultur gibt. Das Geld kommt von außen, von einem, der viel Geld hat. Das gibt es woanders auch, das will ich nicht bestreiten. Aber in so einem Extremmaß ist das etwas, was wir hier eigentlich nicht haben wollen. Das ist nicht unser Grundgedanke von einem Fußballverein. Das unterscheidet uns.

Worauf müssen sich denn RB-Leipzig-Fans einstellen, wenn sie am kommenden Wochenende zum Pokalspiel nach Dresden kommen?
Ich sage mal so: die sollten sich warm anziehen. Wir werden schon sehr lautstark kundtun, was wir unter Vereinsleben und Vereinsfußball verstehen und dass wir das, was dort abläuft, gar nicht mögen. Es ist sicherlich kein Fußballspiel wie jedes andere, aber letzten Endes ist es auch „nur" ein Fußballspiel. Wir haben das Zeug dazu, RB nicht nur auf Fanseite, sondern auch sportlich Paroli zu bieten. Wir können die aus dem Pokal schmeißen. Von der Fanseite gibt es bei dem Spiel eine klare Nummer Eins. Die sind wir. Man wird sehen, wie die sich da so fühlen, wenn denen 30.000 Kehlen entgegen schreien. Wenn wir dort 90 Minuten Dampf machen, könnte ich mir vorstellen, dass die schon ein bisschen Angst bekommen.

Du bist jetzt ja schon lange Fan. Dem Verein haftet seit einigen Jahren kein besonders gutes Image an. Stört dich das? Blutet dir als langjähriger Dynamo-Fan da nicht manchmal das Herz?
Beides. Weil da wenig Sachlichkeit dahinter ist. Das wird meistens einfach übertragen von Journalist zu Journalist: „Achja, die wieder". Ich bin ja nun wirklich schon sehr lange dabei und habe dadurch sehr viele Sachen auch live miterlebt, über die ich danach in der Zeitung gelesen habe, und es hat einfach nicht gestimmt. Da ist leider sehr viel Sachlichkeit verloren gegangen. Das würde ich mir beispielsweise wünschen, dass man mit Journalisten normal umgeht. Andersrum: Dass die Journalisten auch wirklich sachlich berichten und sich dann auch wirklich mal mit dazu stellen und nicht nur die eine Seite anhören.

Passiert das bis jetzt nicht?
Wenn ich weiß, dass ein Journalist zum Beispiel den Polizeibericht eins zu eins übernimmt und das als Wahrheit definiert, dann ist das schon mal vom Grundsatz falsch. Das ist entweder Faulheit oder Dummheit oder ich weiß es nicht, aber das hat mir Journalismus nichts mehr zu tun. Ich muss zumindest erstmal beide Seiten hören, ich darf natürlich meine Meinung sagen, aber ich kann nicht einen Polizeibericht Wort für Wort übernehmen und sagen: „Das, was die Polizei sagt, ist richtig". Nein ist es nicht. Natürlich stört mich das.

Das heißt, Dynamo Dresden wird als „Problem" medial hoch stilisiert?
Wir haben ein paar Idioten dabei, das will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Das hat so gut wie jeder Verein und das ist schwierig auszumerzen. Wahrscheinlich werden wir das nie ganz können. Aber letzten Endes machen viele Journalisten Wind gegen uns. Da sind drei Idioten, dann ist es der ganze Fanblock, dann ist es ganz Dresden und der ganze Osten. Das wird dann thematisiert und in eine Kategorie geschoben, wo 95 oder 98 Prozent der Leute gar nicht hingehören. Mehr Fairness auf allen Seiten wäre angebracht.

Wenn es heute knallt—ist das für dich noch im Rahmen?
Inzwischen muss ich sagen, dass es bei uns deutlich weniger Gewalt gibt als früher. Wenn ich da an die 90er denke, als wirklich permanent Pflastersteine und was weiß ich nicht alles geflogen sind. Das war schon deutlich krasser. Das hat sich schon ziemlich normalisiert. Es gibt immer noch Ausschreitungen, ja, weil es immer noch gewisse Rivalitäten gibt. Auf der anderen Seite bin ich immer noch der Meinung, dass sich so etwas oftmals auch an der Haltung der Polizei entzündet. Wir hatten letzte Saison so einen Ausfall in Magdeburg. Da hat die Magdeburger Polizei aber auch völlig überreagiert und zum Teil wirklich Sachen gemacht hat. Diese Brutalität ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß.

Protokoll eines Dynamo-Fans: Wie ich zum eigenen Aufstieg nicht reinkam

Hast du das Gefühl, Dynamo-Fans begegnet die Polizei aggressiver als anderen Fans?
Heute in Berlin zum Beispiel ist alles total friedlich. Wenn ich hier einem Polizisten ins Auge gucke—der ist ruhig, der ist entspannt. Dann fährst du irgendwo anders hin und siehst einen Polizisten, der guckt dich schon mit so einem gewissen Hassgefühl an. Dann weißt du schon, dass es an irgendeiner Stelle irgendwann knallt. Da kannst du die Uhr nach stellen. Ich weiß von dem Bruder eines guten Freundes, der bei so einer Einheit gewesen ist, dass die teilweise darauf gedrillt werden, in angespannten Situationen nicht deeskalierend zu wirken, sondern ein bisschen zu provozieren. Die sehen das aus der Richtung: „Wenn ich die provoziere, kann ich die festnehmen, kann ich die verdreschen und dann sind die weg." Das ist keine Philosophie des 21. Jahrhunderts, jemanden zu provozieren, damit man den wegsperren kann.

Was wäre stattdessen wünschenswert?
Ich muss doch darauf aus sein, dass hier ein friedliches Fußballspiel stattfindet. Dass Fans, so wie das hier gerade der Fall war, miteinander ein Bierchen trinken und quatschen. Die sind zwar vielleicht anderer Meinung, okay, aber man muss doch ganz in Ruhe miteinander umgehen können. Und dann auch friedlich wieder auseinander gehen, mit einem Bierchen in der Hand, ohne sich die Köpfe aneinander zu dreschen.

Dynamo-Dresden in drei Sätzen?
Dynamo ist der geilste Verein der Welt. Dynamo hat die geilsten Fans der Welt. Und hoffentlich sind wir bald wieder auf der europäischen Bühne.