gelbe wand

Gesperrte „Süd": Wie Nord, Ost und West plötzlich Verantwortung übernahmen

Wegen einer DFB-Strafe fehlte dem BVB gegen Wolfsburg die Unterstützung der gelben Wand. Ein Fan aus dem Nebenblock verriet uns, wie sich eine Welle der Solidarität freisetzte – auch für die Zukunft.
20.2.17
Foto: imago

„Es war ein komisches Gefühl", erklärte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer nach dem Sieg gegen den VfL Wolfsburg (3:0) vor einer völlig leeren Südtribüne dem kicker. „Aber für die zweite Halbzeit gebührt dem ganzen Stadion ein dickes Kompliment. Diese Stimmung ist das, was das Dortmunder Stadion auszeichnet. Diese positive Atmosphäre, diese Energie, die von den Rängen kommt." Mit dafür verantwortlich waren auch die Dortmunder Ultragruppen – trotz Sperre des DFB. Die hatten sich einfach Tickets im eigentlichen Gästeblock auf der Nordtribüne besorgt.

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Weil nur 1.800 Wolfsburg-Fans nach Dortmund kamen, wanderten diese in den Oberrang; und im eigentlichen Auswärtsblock im Unterrang saßen unter anderem hunderte Mitglieder der BVB-Ultragruppen The Unity, Desperados und Jubos. Die Ultras umgingen also die Strafe, die der DFB dabei vor allem ihnen aufdrücken wollte. Mit Megafon und Fahnen versuchten sie, den Verlust der Süd zu minimieren. Auf Plakaten erklärten sie klar und deutlich, was sie von den Vorkommnissen, aber auch von der Strafe hielten: Botschaften wie „Nein zu Gewalt! Nein zu Kollektivstrafen!" oder „Gäste im eigenen Stadion. Danke DFB und BVB" standen dort. Auf einem Banner stand: „Ohne Süd kein Wir."

Ungewöhnliche #Kurvenfotos vom Heimsieg des #BVB gegen den VfL #Wolfsburg. #BVBWOB #Kollektivstrafe pic.twitter.com/ETX6gtQ6uF
— schwatzgelb.de (@schwatzgelbde) 18. Februar 2017

Marcel Schmelzer wusste natürlich, wie viel die Fans beim BVB ausmachen: „Wir Spieler nehmen das natürlich wahr, auch wenn es mancher nicht so glaubt. Man bekommt viel mit", so der Kapitän. Doch er kritisierte auch das Dortmunder Publikum im Gespräch mit dem kicker: „Ein dickes Kompliment für die Unterstützung in der zweiten Halbzeit, aber wir würden uns wünschen, dass es auch in der ersten Halbzeit der Fall ist – auch wenn es da noch nicht 3:0 oder 4:0 steht. Gerade diese junge Mannschaft braucht die Unterstützung in den Phasen, in denen es nicht so läuft. Und nicht diese Unruhe." Eine Kritik, die wohl nicht nur für das Wolfsburg-Spiel gilt und der auch viele BVB-Fans wie Kenny Smith Recht geben. Er ist seit vielen Jahren Dauerkartenbesitzer im Block 37 in der Ecke Südwest und hat somit besten Blick auf die Südtribüne. Er verriet uns, wie ausgewechselt die Menschen um ihn herum am Samstag waren und warum das Heimspiel ohne Süd ein wichtiger Wendepunkt für die Fanszene sein könnte.

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VICE Sports: Von eurem Block kann man direkt auf die Südtribüne herunterschauen. Wie war das, dass da auf einmal 25.000 Menschen fehlten?
Kenny: Die Süd fehlte natürlich unheimlich und es war schon traurig, nur auf Beton zu gucken. Besonders bei Fouls oder so, wo dir sonst die Ohren platzen wegen der Pfiffe, fehlte sie. Aber so schlecht war die Stimmung auch nicht. Es war trotzdem immer noch verdammt laut. Als es damals den Stimmungsboykott gab, war es viel leiser. Damals hat niemand mitgesungen, aber diesmal hat es uns angestachelt. Das Westfalenstadion dachte sich nur: ‚Jetzt erst recht'.

Ungewohnte Ruhe beim Einlauf der Mannschaften ohne die gelbe Wand.

Die Situation war für das Dortmunder Publikum also ein „Aha-Erlebnis"?
Ja, voll. Es haben endlich mal bei uns in der Ecke alle mitgemacht und wir standen fast die ganze Zeit. Auch auf den anderen Tribünen waren alle motivierter. Wir haben die ganze Zeit gesungen. Das ganze Stadion war irgendwie lauter. Zudem hatten es ja noch einige Ultras in den Auswärtsblock geschafft und haben Stimmung gemacht. Es wurden sogar Laola-Wellen gemacht. Wir haben Lieder angestimmt und die wurden übernommen. Normalerweise stimmt die Süd ja an und gibt auch den Ton an. Nun waren wir dran. Wir haben uns in der Südwest so gefühlt, als ob wir jetzt die Süd und für die Stimmung verantwortlich sind. Den anderen im Stadion ging es bestimmt auch so.

Ist also eine Solidarität zur Süd zu spüren gewesen?
Es gab auf jeden Fall eine heftige Solidarität. Es war ein bisschen so: ‚Das ist für unsere Leute von der Süd'. Das hat uns enorm aufgerüttelt und angepeitscht. Wir waren einerseits sauer auf die paar Idioten, die ja wussten, dass wir vorbestraft sind und die Süd auf's Spiel gesetzt haben. Aber dazu kamen auch ab und zu ‚Scheiss-DFB'-Wechselgesänge, die Wut auf den Verband und die Kollektivstrafe. Ich finde sowohl die Gewalttaten als auch solche Kollektivstrafen kacke.

Was sagst du zur Kritik von Marcel Schmelzer, dass ihr als Westfalenstadion nicht immer 100-prozentig da seid?
Er hat Recht, wir müssen wieder anfangen, die Mannschaft anzutreiben, auch wenn nichts passiert. Das hat uns immer ausgezeichnet. In der letzten Zeit ist die Stimmung eingeschlafen und die Gesänge immer sehr eintönig. Als das Spiel vor der Halbzeit gegen Wolfsburg so dahingeplätschert ist, sind wir auch wieder ruhig gewesen. Wir BVB-Fans sollten auch wieder eine Macht sein, wenn wir nicht 3:0 gewinnen. Doch besonders jetzt, wo wir wieder öfter gewinnen müssen, braucht die Mannschaft uns, damit wir sie zum Sieg schreien. Gegen Lissabon müssen wir gewinnen und ich glaube, dass da das Stadion mit der Süd wieder ausrastet und die Mannschaft pusht. Das Spiel gegen Wolfsburg hat für die Zukunft schon etwas bei uns freigesetzt.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie