Warum es als Hooligan unmöglich ist, feiern zu gehen

Unser Autor war zehn Jahre lang Hooligan. Während er und seine Freunde sich an Spieltagen „respektvoll" prügelten, gab es in Clubs und Bars keine Grenzen. Diese Aggressionen beim Ausgehen wird er bis heute nicht los.

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01 Februar 2017, 10:35am

Foto von Facebook—@CasualCulture

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei VICE Sports Niederlande

Zehn Jahre lang lebte Nick Hay* das Leben eines Casuals und Hooligans und reiste quer durch die Niederlanden, um sein Team anzufeuern–und die eine oder andere Schlägerei mitzunehmen. Für uns hat er sich an sein turbulentes Doppelleben zurückerinnert.

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Während der Durchschnittsmann am Sonntagmorgen gerade über seinem weich gekochten Frühstücksei hängt, treffen am Bahnhof zwei Gruppen junger Leute mit Ledergürteln in der Hand aufeinander. Ich werde von einem Regenschirm getroffen und schmecke eine Mischung aus Bier und Blut über mein Gesicht rinnen. Aus sicherer Entfernung schauen uns zwei verängstigte Teenager mit Baggys an, die frische Frikadellen in der Hand tragen. Ist ja auch Sonntag, denke ich mir.

Bis auf ein paar Ausnahmen ging es an Spieltagen zwischen rivalisierenden Gruppen relativ respektvoll zu. Doch wurde am selben Tag nicht gespielt, war alles anders. Dann wurden die Regeln, wenn man sie überhaupt noch so nennen konnte, sehr locker ausgelegt. In zehn Jahren habe ich zahlreiche Gruppen gesehen, die in Bars oder Clubs heftig kassieren mussten. Man wusste nie, wer hinter einer gewöhnlichen Gruppe junger Männer steckt. Für andere sahen wir aus wie eine harmlose Truppe von Konsumaffen mit karierten Caps und hochgeknöpften Poloshirts, aber sie wussten nichts von unserer Leidenschaft an Spieltagen. Bei den Spielen hatten wir Respekt, hielten uns an Regeln und nahmen nur in Maßen Alkohol und Drogen, doch beim Ausgehen gab es keinerlei Grenzen. Von Respekt für den Gegner war keine Rede mehr.

Wenn ich eine Sache bedauere, dann all die hässlichen, „gesetzlosen" Kämpfe beim Weggehen. Als Hooligan hat man so einiges auf dem Kerbholz. Man beginnt, Sachen normal zu finden, die aus objektiver Sicht nicht normal sind. Weil man in einer Welt lebt, in der Gewalt etwas völlig Normales ist und weil man innerlich immer mit der nächsten Prügelei rechnet, befindet man sich in einem ständigen Standby-Modus. Der garantiert, dass man jederzeit den Schalter umlegen kann und zu einem Menschen wird, den die meisten Menschen nicht als normal bezeichnen würden. Diesen Modus konnte ich nie ablegen, was mich nicht glücklich gemacht hat.

Ich hasse sie bis heute, die Clubs und Bars. Laute Musik, grelle Lichter und ein Gestanks-Potpourri aus zu viel Deo, Teenagerschweiß und billigem Bier. Trotzdem ist man jedes Wochenende feiern gegangen. Begonnen hat alles immer mit einem Schubser und einem Schrei. Dann ging es schnell. Ich erinnere mich noch an einen Kampf, bei dem beide Seiten von Anfang an keine Gnade zeigten. Diese Kämpfe hatten was von Wellen, die gegen Deiche schlugen. Sie gingen oft solange, bis der Damm gebrochen war–bzw. die eine oder andere Nase.

Man nennt es auch Interieur-Mikado. Foto: Imago

An diesem bestimmten Samstagabend waren die Wellen acht Mitzwanziger in teuren Poloshirts und weißen Sneakers. Der Deich bestand aus steroidschwangeren Kerlen in viel zu engen Shirts. Mit ihren Tribals auf den Armen pflügten sie über die Tanzfläche. Worauf es hinauslaufen würde, war allen Beteiligten in wenigen Sekunden klar. Spätestens, als die Gruppe in der Mitte langsam eingekesselt wurde. Wer nicht untergehen wollte, suchte schnellstens das Weite. Dann begannen die Wellen gegen den Deich zu schlagen. Was an Spieltagen häufig noch kontrolliert vonstatten ging, mündete in jener Nacht in grenzenloser Gewalt. Hier wollte man sich gegenseitig richtig wehtun. Der Alkohol und die Drogen, die im Spiel waren, ließen auch die letzten Hemmungen fallen. Schön ist definitiv anders.

Durch mein Doppelleben als Hooligan habe ich einen Teil meiner Unschuld verloren. Die Schwelle hin zur Gewalt ist im Laufe der Zeit so sehr gesunken, dass Gewalttätigkeit fast schon zu etwas Normalem wurde. Ich denke häufiger, als mir lieb ist: Das wird der schon verdient haben. Leider.

Es ist natürlich meine eigene Wahl gewesen. Ich kann und will mich nicht beschweren. Aber ich finde, dass ich schneller in gefährliche Situationen gerate. Es machte mich stärker und härter, besonders vor Leuten, die ich nicht respektiere. Und diese Aggression werde ich leider nie wieder los.

* Nick Hay ist ein Pseudonym. VICE Sports kennt seinen richtigen Namen.

Lest hier seine vorherigen Kolumnen:

Wie mich zehn Jahre als Hooligan zu einem besseren Menschen machten

Mein Doppelleben als Hooligan hat mich meinen Job, meine Ehe und eine Menge Geld gekostet