Ein Beispiel für ein Friendster Profil aus dem November 2003 via Wayback MachineEs heisst ja nichts sei älter als die Zeitung von gestern. Aber in diesem Falle möchte ich der New York Times wirklich einmal gratulieren, das ihr erster Artikel über soziale Netzwerke auch heute noch so prophetisch klingt wie bei seiner Veröffentlichung vor 10 Jahren.Sicher den Begriff soziale Netzwerke gibt es schon länger, aber ein Artikel vom 27.11.2003 von Michael Erard, wendete den Ausdruck erstmals zur Beschreibung der neuen Online-Plattformen an. Selbstverständlich handelt der Artikel von Friendster, und außerdem geht es die meiste Zeit auch noch um das Burning Man Festival.Unter der Überschrift „Die Dekodierung der neuesten Entwicklungen der Online Gesellschaft" wurde den geneigten Zeitungslesern im Jahre 2003 Danah Boyd und die Webseite Friendster vorgestellt. Boyd war damals eine Soziologiestudentin in Berkeley und wird in dem Artikel mit den höflichen Worten „eine Soziologin unter Geeks und ein Geek unter Soziologen" bedacht. Ihr fiel die Ehre zu die Beschreibung von Friendster zu illustrieren:„Mit der Seite kannst du bewusst ausdrücken, wer die Menschen in deiner Welt sind und diese können sich durch ihre Verbindung zu dir untereinander sehen und kennenlernen." Ein bei Friedster registriertes Individuum hat eine Homepage mit Fotos, einem Profil und mit Bildern von den Menschen, bei denen er einer Verlinkung zugestimmt hat. Diese Menschen können dann durch ihr Netzwerk stöbern oder nach Partnern für Dates, Hobbys oder Aktivitäten suchen."Klingt vielversprechend, oder? Lieben wir nicht alle Dates, Hobbys und Aktivitäten? Aber Vorsicht Casanova, in dieser neuen Online-Gesellschaft gelten Regeln, die es zunächst zu dekodieren gilt. „In sozialer Software wie Friendster fallen unsere Netzwerke auf eine Art und Weise in sich zusammen, die wir bisher nicht kennen," warnt Boyd. Das Beispiel eines 25jährigen Universitätsdozenten und Burning Man Enthusiasten zeigt, dass manchmal auch rigoros Freundschaften abgelehnt werden müssen, und dass alles was mit Drogen in Verbindung gebracht werden könnte, sofort weit von sich gewiesen werden muss.Auch die anderen bekannten Probleme, die du aus deiner Nutzung von Social Media kennst, gab es bereits seit den holprigen Anfangstagen. So warnt der Artikel anhand eines schönen Beispiels eines Marketingberaters, der eine Frau erfand, vor rücksichtslosen Identitätsdieben—und gibt dem Phänomen den schönen Namen „Fakesters":„Wir gaben ihr Selbstvertrauen und das Gefühl sexy zu sein; all diese Dinge, die du eben von einem Freund erwartest." Mr. Gartner lud ein Foto von der Taille einer Ex-Freundin hoch und machte Sarah Tuttle zu eine Yogalehrerin, denn, wie er meinte, „ist jeder in San Francisco ein Yogalehrer."Mr. Gartner löschte schließlich das falsche Profil von Sarah Tuttle, nachdem er diverse aufdringlich männliche Starker abzuwehren hatte. Die Verwendung der Taille einer Ex-Freundin klingt jedenfalls nach den primitiven Anfängen des ,Revenge-Porn'.Der faszinierendste Part des Artikels ist aber die Auflistung all jener Netzwerk, die sich damals großer Populärität erfreuten. Von Facebook und Twitter ist nicht die Rede; allerdings gab es schon LinkedIn, aber ohne Fotos und Profil-Seiten. Auf der Liste in der New York Times standen auch ein Haufen Seiten von denen ich nie gehört hatte. Schön ist auch, dass die Times damals kein Links in dem Artikel anlegte, sondern die URL's seperat auflistetet. Schon diese journalistische Informationsdarstellung katapultiert dich direkt in eine vollkommen andere Zeit.Aus reiner Neugier—und sicherlich nicht auf der Suche nach Benutzerfreundlichkeit—, wollte ich mir die entvölkerten Plattformen anschauen und versuchte mich am digitalen sozialen Netzwerken als wären wir im Jahre 2003.Ungefähr so sehen gescheiterte Online-Existenzen aus.Allerdings kam ich nicht besonders weit auf meiner Zeitreise.INWYK.com bzw. itsnotwhatyouknow.com war einmal eine Seite um Dates und Studienfreunde zu finden; heute ist es aber einfach nur eine Seite, die verzweifelt versucht ihre uncoole Domain zu verkaufen.Everyonesconnected.com ist eine billige Seite, die dich mit dem verlockenden Angebot von Gratis-Suchergebissen ködert. Auch auf der Seite des 2003 noch aufstrebenden sozialen Netzwerks sona.com wird dir ungefähr derselbe ,Service' angeboten, der im heutigen Internet übrigens nicht mehr wirklich eine Marktlücke darstellt. Und wenn du heute TICKLE versucht im Internet zu finden, landest du gleich im Nirgendwo. All diese ehemals durchaus pulsierenden Online-Gesellschaften sind heute ziemlich ausgestorben, und ein virtueller Strohballen scheint quer über ihre Homepages zu wehen.Es gibt aber auch Online-Ruinen anderer Art. Sie erinnern an Detroit, denn die Bewohner sind geblieben, während die Industrie und das große Geschäft längst weitergezogen sind.Tribe.net zum Beispiel weist durchaus noch Anzeichen von Leben auf. Auch wenn die E-Mail zu ihrer Marketingabteilung natürlich nicht zugestellt werden kann, so werden z.B. auf der New Yorker Tribe-Seite immer noch Veranstaltungen gepostet. Gerade erst im September 2012 wurde noch der „Web Design Service" entwickelt, eine Art Prototyp von subreddits. Es gibt heute jedenfalls immer noch einige PR-Dienste, die große Freude daran haben auf der Seite das digitale Äquivalent zum Brüllen in einen leeren Raum zu praktizieren.Vor einigen Jahren gab es deine lokale Band nicht, wenn sie nicht auf MySpace existierte. Und so pflegte auch ich mehrere MySpace-Konten mein Eigen zu nennen. Aber so wie die Menschen zu Facebook weitergezogen sind, so spielt die Musik inzwischen bei Soundcloud und Bandcamp. Heutzutage kannst du dich bei MySpace mit deinem Facebook oder Twitter Konto einloggen, denn selbst im Silicon Valley scheint das alte Wettkampf-Sprichwort zu gelten: „If you cant beat 'em, you gotta join 'em." Aber da die New York Times im Jahr 2003 schon warnte, dass MySpace Profile „sexuelle Informationen beinhalten, von denen einige sogar sehr explizite Darstellung" aufweisen, entschied ich mich, dass es am Besten wäre mit meiner Online-Archäologie schnell weiter zu ziehen.Also meldete ich mich lieber gleich bei YAFRO an, und nutzte mein Facebook Profil, um auf eine Dating-App der Entwickler von HotorNot.com zuzugreifen. Die Seite erriet sofort, dass ich nach weiblichen Freunden zwischen 18 und 32 Jahren suchte. Zu dem mir dargebotenen schlecht belichteten Foto eines Bikinimädchends, wurde mir erläutert, dass wir beide keine weiteren Gemeinsamkeiten hatten, als diese scheinbar schlecht berechnete Online-Verbindung. Ich entschied mich dagegen mich von einer pixeligen Person, mit der ich keine Interessen teilte, angezogen zu fühlen.Für das einzig wahre Ryze.com, eine ehemalige Business Seite, deren offenes Netzwerken ähnlich wie Twitter funktioniert, kannst du dich übrigens immer noch mit einem eigenen Profil anmelden. Aber es scheint als sei die einzige auf Ryze verbliebene Existenz eine Person mit dem Namen Nancy Dubb zu sein, die in Kalifornien im PR-Business arbeitet. Die Seite versuchte jedoch andauernd mich dazu zu bewegen ein Update für die monatlichen Kosten von 7 Euro abzuschließen, und so ließ ich auch Nancy zurück, die vermutlich von 2002 bis zum Ende ihres Lebens auf der Seite angemeldet sein wird.Zum krönenden Abschluss besuchte ich noch einmal den ehemaligen Marktführer unter den Sozialen Netzwerken: Friendster. Inzwischen hat sich die Website in eine malaiische Gaming-Seite transformiert. Ich überlegte eine Runde Online-Cricket zu zocken, allerdings hätte ich bei der Anmeldung all meine Facebook-Freunde auch gleich noch dem Friendster-Netzwerk ausliefern müssen. Das wollte ich dann doch niemandem zumuten.Angeblich hat Friendster über 115 Millionen registrierte Nutzer, wobei 90% davon in Asien leben. Friendster scheint mir der David Haseloff unter den sozialen Netzwerken zu sein—nachdem die Geschäfte im amerikanischen Heimatmarkt nicht mehr laufen, hat es sich für ein zweites Zombieleben in Übersee entschieden.Im Grunde genommen ähneln soziale Netzwerke Celebrities in vielerlei Hinsicht. Ihre Macht rührt einfach nur daher, dass die Leute an sie denken. Manchmal funktioniert es sich ein neues Image oder einen neuen Look zu zulegen, aber manchmal zieht der Zeitgeist auch einfach unaufhaltsam weiter.Ich bin mir sicher, dass die Nutzer einmal dachten, das Friendster ein ewiger Teil ihres endlichen Lebens sein würde und für manche Menschen in Indonesien hat es diese Stellung vielleicht immer noch. In Europa und Amerika ist die fröhliche Online-Party jedenfalls schon lange vorbei, die uns die New York Times vor zehn Jahren als befremdliche Zukunft unseres digitalen Lebens verkaufen wollte.
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