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Ein chinesischer Forscher hat Mäusen neue Köpfe transplantiert

Als nächstes sollen Affen als Versuchskaninchen dienen—und irgendwann vielleicht der Mensch.
9.6.15
Einige von Rens Mäusen. Bild: CNS Neuroscience and Therapeutics

Mitte April wurde bekannt, dass der italienische Arzt Sergio Canavero im Jahr 2017 die erste menschliche Kopftransplantation durchführen möchte. Sogar ein Versuchskanninchen hat er bereits gefunden: Der Russe Valery Spiridonov, der an Muskelschwund leidet, begründet Motherboard gegenüber seine Teilnahme an der riskanten Operation mit den Worten: „Einer muss es ja tun."

Wenige Wochen später meldeten sich dann plötzlich Videospielfans zu Wort, die die ganze Aktion für eine große PR-Verschwörung für das neueste Metal Gear Solid-Game hielten. Doch tatsächlich zeigen Dokumente der italienischen Polizei, die Motherboard mittlerweile vorliegen, dass Canavero es todernst meint.

Warum sich ein russischer MS-Patient freiwillig zur Kopftransplantation meldet

Nachdem sich die erste Aufregung um den spektakulären Plan gelegt hat, ist es nun an der Zeit, sich etwas genauer mit den entscheidenden Fragen auseinanderzusetzen: Wird der italienische Wissenschaftler wirklich den Kopf eines gelähmten Mannes auf einen Spenderkörper verpflanzen? Und: Könnte das überhaupt funktionieren?

Mehrere aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass ein echauffiertes „Nein! Das geht auf keinen Fall!" eine etwas übereilige Antwort sein könnte: Zunächst einmal wird Sergio Canavero diesen Freitag eine Keynote bei der jährlichen Versammlung der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons halten. Canavero hat wiederholt bestätigt, dass er bei diesem Treffen die „Magie" hinter seiner Transplantationstechnik enthüllen wird.

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Der zweite Grund ist, dass der chinesischer Chirurg Xiaoping Ren bereits über 1.000 Mäuseköpfe verpflanzt hat und damit ein ähnliches Verfahren erprobt hat, wie es Canavero wohl anwenden möchte. Ren hat außerdem angeküdigt, seine Experimente demnächst auch auf Affen auszuweiten.

Hier kündigt Canavero seinen aberwitzigen Plan einer Kopftransplantation an

Bei der von beiden Wissenschaftlern verwendeten Technik wird die Wirbelsäule mit einer extrem scharfen Klinge in einem sauberen Schnitt durchtrennt, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Zusammenwachsen zu erhöhen.

Das Wall Street Journal berichtet nun, dass Ren für seine experimentellen Kopftransplantationen an Tieren bereits über 1,4 Millionen Euro Fördergelder von Universitäten und staatlichen Stellen eingesammelt hat. Das Geld nutzte er, um Mäusen die Köpfe abzuschneiden und sie auf andere Mäuse wieder aufzusetzen. Zur Verdeutlichung seiner akademischen Errungenschaften vermischte er dabei auch die Fellfarben der Tiere—schwarzer Mäusekörper mit weißem Kopf, weißer Mäusekörper mit braunem Kopf.

Langfristig konnte Ren mit seinen Experimenten keinen allzu großen Erfolge verzeichnen: Zwar öffneten die Mäuse ihre Augen, atmeten selbständig und ihre Körper zeigten erste Regungen, doch tragischerweise verstarben alle Tiere innerhalb eines Tages. Ren setzt nun seine Hoffnungen darauf, den Kopf eines Affen auf einen Spenderkörper zu setzen. Er hofft ihn „eine Weile am Leben zu halten", wie er sich gegenüber dem Wall Street Journal auszudrücken pflegte.

Der bisherige Forschungsstand weckt keine allzu große Hoffnung, dass 2017 tatsächlich eine menschliche Kopftransplantation auf Canaveros Operationstisch stattfinden wird. Fest steht, dass bei einer Erprobung der Technologie jeder Fortschritt nur mit Tierversuchsopfern erreicht werden kann.

Nirgendwo wurde die Debatte um Sinn und Unsinn von Tierversuchen so emotional geführt, wie im Falle dieser Tübinger Laboraffen

„Ein solches Verfahren kann nur mit Hilfe zahlreicher Tierversuche funktionieren", erklärte mir Arthur Caplan, Bioethiker an der New York University Medical School. „Natürlich fängst du erst einmal mit Tieren an, um festzustellen, ob der Kopf wieder abgestoßen wird. Oder verläuft eine Heilung erfolgreich und der Kopf 'funktioniert' auf dem neuen Körper. Gibt es Anzeichen psychischer Erkrankungen, kann das Gehirn sich mit dem neuen Körper arrangieren?"

Es mag sein, dass Canavero wirklich der verrückte Wissenschaftler ist, für den ihn viele halten. Mit einem Urteil sollten wir uns aber womöglich noch bis mindestens Freitag gedulden, wenn er uns in die Geheimnisse seines Plans einweihen will.