FYI.

This story is over 5 years old.

Tech

Können wir mit Satellitenüberwachung Kriegsverbrechen verhindern?

Amnesty International versucht, mit Hilfe von Weltraumbildern Menschrechtsverbrechen zu verhindern.
12.2.15

Der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen gestaltet sich angesichts der Krisenherde überall auf der Welt zunehmend schwieriger, doch Amnesty International und Human Rights Watch haben auf ihrer Mission inzwischen einen ungewöhnlichen Verbündeten ausgemacht: die Satellitentechnologie. ​Geoinformationssysteme werden zunehmend dafür eingesetzt, nicht nur Kriegsgeschehen zu dokumentieren, sondern mit ​Frühwarnsystemen auch zukünftige Ereignisse vorherzusagen, indem sie Truppenbewegungen lokalisieren und Flüchtlingsströme analysieren.

Der mittlerweile schon 60 Jahre alten Technologie der Satellitenaufnahmen kommt eine wichtige Rolle zu beim Aufdecken blinder Flecken in den Konfliktgebieten dieser Welt. So konnten bereits vergangene Gräueltaten besser aufgearbeitet werden. Außerdem bleiben die Informationen über die Verbrechen auf diese Weise nicht nur abstrakte, anonyme Daten und Opferzahlen, sondern werden in visuellen Beweisen auf erschreckende Weise verbildlicht.

Ein prominentes Beispiel für die Potentiale der Satellitentechnologie ist dabei das Massaker der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram Anfang dieses Jahres. Die Aufnahmen von  ​Digital Globe ermöglichten es, die Angriffe bildlich zu begreifen.

Die Fotos unten wurden mit Hilfe von Infrarot-Falschfarbendarstellung überarbeitet, wobei die roten Flecken die natürliche Vegetation anzeigen. Der Vergleich der Bilder belegt die Veränderungen in der Umgebung. Die folgenden Aufnahmen zeigen den Ort Doro Gowon am 2. Januar (oben) und am 7. Januar (unten).

Doro Gowon im Januar 2015.

„Diese detaillierten Bilder zeigen die verheerenden Ausmaße in zwei Städten. Eine davon wurde innerhalb von vier Tagen nahezu ausgelöscht", sagte Daniel Eyre, Nigeria-Forscher von Amnesty International ​in einer Presseerklärung.

„Nach Analysen von Amnesty International war das der bisher größte und zerstörerischste Angriff von Boko-Haram. Er war eine organisierte Attacke auf Zivilisten, deren Häuser, Schulen und Krankenhäuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurden."

Ohne die Auswertung der Satellitenbilder wäre diese Katastrophe kaum bekannt geworden. Eine ähnliche Gräueltat dokumentieren die Bilder von Gardud al Badry— einem Dorf im Sudan, welches 2012 ebenfalls systematisch niedergebrannt wurde. Video-Material, Fotos und Augenzeugenberichte von sudanesischen Journalisten wurden hier durch die Bilder des ​Satellite Sentinel Project (SSP) bestätigt und mit den Erkenntnissen aus der Bildanalyse ergänzt.

Gardud al Badry vor dem 19. Juli 2012.
Gardud al Badry nach dem 8. September 2012.

Andere Satellitenbilder haben die Auslöschung des Dorfes  ​Malakal am Obernil dokumentiert. Im Sudan wurden insgesamt bereits über 42.000 Menschen aufgrund von Kriegsgewalt aus ihrer Heimat vertrieben. 210 Hütten und Häuser wurden in Malakal zerstört und auch die Gebäude eines Camps des Weltnahrungsprogramms niedergebrannt.

Die beiden Satellitenbilder vom Januar 2014 belegen die nahezu vollständige Zerstörung eines Viertels von Malakal:

Doch nicht nur die Vorgänge an Kriegsschauplätzen können durch Satellitenbilder verifiziert werden. Menschenrechtsorganisationen verwendeten Aufnahmen von Digitalglobe zum Beispiel auch für einen Bericht über die Gefangene​nlager im repressiven Nordkorea.

Dank der Beobachtung aus dem Weltraum sind keine teuren Bodeneinheiten nötig, um die Zustände vor Ort zu analysieren. Ein schneller Blick ermöglicht die komplette Untersuchung ganzer Gebiete auf grobe Menschenrechtsverletzungen oder große Kampfhandlungen ohne, dass das Investigativteam dabei von irgendjemandem aufgehalten werden könnte. Durch den Vergleich von Langzeitdaten lassen sich auch Veränderungen feststellen, die wiederum zu wichtigen Erkenntnissen über die aktuellen Geschehnisse führen.

Natürlich können die detailreichen Aufnahmen aus dem Weltraum auch missbraucht werden, vor allem seit die US-Regierung letztes Jahr ihre  ​Beschränkungen für Satellitenbilder aufgeweicht hat. Wie bei jeder Technik gibt es leider auch hier zwei Seiten einer Medaille.