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Wenn die PillCam acht Wochen lang im Darm feststeckt

Eine Kamera in Form einer Pille soll Darmspiegelungen angenehmer machen. Aber was macht man, wenn die Pille nicht mehr aus deinem Körper raus kommt?

Die Wahl zwischen dem Schlucken einer Kamera von der Größe einer Pille, oder alternativ mehrere Meter Kamerakabel eingeführt zu bekommen, dürfte wohl niemandem schwer fallen. Ich hatte zwar bisher noch nie das Vergnügen, aber es ist offensichtlich, dass eine Darmspiegelung eine der unerfreulichsten medizinischen Prozeduren überhaupt ist. Als also die us-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA kürzlich ankündigte eine neue Version der „PillCam" offiziell zur Verwendung freizugeben, klang das nach einer guten Nachricht.

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Nun kann jeder einfach eine Pille schlucken, der regelmäßig eine Darmspieglung über sich ergehen lass muss, aber die konventionelle Prozedur nicht verträgt. Auch die Kosten für die Tabletten betragen mit 370 Euro nur einen Bruchteil der 3.000 Euro des normalen Verfahrens. Bis ich eine E-Mail mit einer unglaublichen Geschichte von Scott Willis bekam, habe ich nicht einmal in Erwägung gezogen, dass hier irgendwelche Nachteile lauern. Scott berichtete mir jedoch von einer Zeit, in der eine PillCam acht Wochen lang in seinem Bauch feststeckte.

Im Jahr 2004 hatte Scott Bauchkrämpfe, aber eine traditionelle Koloskopie und zwei verschiedene Röntgenverfahren seines Dünndarms konnte keine Rückschlüsse auf eine Ursache liefern. Es verblieb nur noch die Option einer explorativen chirurgischen Unterleibsuntersuchung. Bereits zehn Jahre zuvor war bei Scott Morbus Crohn festgestellt worden. Ihm wurden bei einer „Darm-Resektion" operativ 10 Zentimeter seines Dickdarms und 20-25 Zentimeter Dünndarms entfernt.

„Keine angenehme Erfahrung," sagt er.

Als Scotts Arzt an der Universität von Indiana ihm von der PillCam erzählte, war Scott begeistert—auch dann noch als der Arzt erklärte, dass es theoretisch zu einem „vollständigen Darmverschlusses" kommen könnte, was eine sofortige Operation nötig machen würde. Das Verfahren wurde in vergleichbaren Fällen auch schon bei anderen Patienten angewendet, war von der FDA zugelassen und du musst nur eine Pille schlucken, also warum nicht?

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Nun gut, die Pille wurde mit Hilfe israelisches Rakentabwehrtechnik hergestellt, führt eine winzige Kamera mit sich, hat ihre eigenen Batterien, einen Sender und kleine LED-Leuchten. Scott erzählte mir, dass die Krankenschwester ihm eine PillCam gegeben hat, die er mit nach Hause nehmen und demontieren durfte, nachdem er ihr berichtet hatte, dass er Elektroingenieur ist. „Ja, ich bin ein Geek," fügte er hinzu.

Nach 24 Stunden standardisierter Flüssignahrung und mehreren Einläufen, um seinen Magen-Darm-Trakt zu säubern, aktivierte die Krankenschwester schließlich seine PillCam, durch einen Knopfdruck auf dem dazugehörigen Gürtel zum Datenempfang—und Scott schluckte die blinkende Pille. Er legte den Gürtel an, ging erstmal in ein Einkaufszentrum und danach zu einer Autoshow. Acht Stunden lang bahnte sich die PillCam ihren Weg durch seine Speiseröhre, durch den Magen und durch den Dünndarm—während sieben Bilder pro Sekunde an das Aufzeichnungsgerät am Gürtel übermittelt wurden.

Insgesamt kein schlechter Nachmittag, auch wenn ihm der Gürtel und die beigefügten Batterien ein wenig Sorge bereiteten, dass man ihn „fälschlicherweise für einen Selbstmordattentäter hält".

Im Dickdarm. Bildrechte: PillCam

Die PillCam sollte eigentlich innerhalb von 16 und 36 Stunden durch das Innere von Scott gewandert sein. „Sie gaben mir auch ein Gerät, um sicherzugehen, dass die PillCam wieder rauskam", aber nach ein paar Tagen war noch immer keine PillCam aufgetaucht.

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Scott rief einen Arzt an, der ein Röntgenbild erstellen ließ. Die PillCam war auf ihrer Reise tatsächlich nur bis zur Mitte des Dünndarms gekommen. Als sein Arzt von der Idiana University aus seinem Weihnachtsurlaub zurückkehrte, sah er sich das Material noch einmal genau an und fand heraus, dass die PillCam zwischen den zwei Morbus Entzündungen in Scotts Dünndarm stecken geblieben war. Die PillCam kam zwar an der ersten vorbei, war jedoch an der zweiten hängen geblieben. Es war also nicht die komplette Blockade, vor der sein Arzt ihn gewarnt hatte—und die auch Schmerzen wie bei einem Nierenstein hervorgerufen hätte—stattdessen war es „nur" eine Teilblockade.

Und so begann der Versuch, die PillCam herauszubekommen. „Wir haben alles probiert: Mineralöl; mit dem Kopf nach unten schlafen; über Kopf von einer Stange hängen. Alles, damit sich die PillCam weiter bewegt," sagte Scott.

Alles ohne Erfolg. Leider. „So kam es dann wieder zu einer Dünndarmresektion und zu einer Operation zur Entfernung der Kamera,"sagte er. „Ich scheine die Dinge lieber auf die harte Weise zu machen."

Eine harte und vielleicht sogar rekordverdächtige Situation: „Der Chirurg kontaktierte die FDA und Given Imaging und keiner der beiden hatte jemals davon gehört, dass jemand die PillCam acht Wochen mit sich herumgetragen hatte," erzählte mir Scott, mit ein wenig Stolz in seiner Stimme.

Trotzdem scheint Scott die PillCam noch immer zu mögen. Er kontaktierte uns nur, weil er sagte, dass mehr Leute von der PillCam erfahren sollten und er würde sie auch wieder schlucken, wenn es nötig sei. Die FDA hat die neue PillCam ohnehin nur für Fälle genehmigt, bei denen das normale Verfahren nicht durchgeführt werden kann.

„Ich denke, das PillCam Verfahren ist ein gutes Instrument zur Diagnose, nur meine Situation war etwas grenzwertig und etwas, dass auch die Mediziner zuvor noch nicht erlebt haben," sagte er. Wenn sein Morbus Crohn wieder aufflammen würde, wäre er gegenüber einer erneuten Kamera-Pille nicht abgeneigt. Wenn sich die Situation allerdings sehr stark verschlimmern würde, dann würde dies ohnehin eine Operation bedeuten, die viel früher als nach erst acht Wochen, anstünde.

Vielleicht ist die Geschichte von Scott ein gutes Sinnbild dafür, wie technologischer Fortschritt in unserer realen Welt nun einmal funktioniert—ein wichtiger Schritt nach vorn, aber auch eine unvollkommene, unbeholfene Entwicklung, die für zwei Monate in deinem Darm hängen bleiben kann.