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Menschenhändler markierte Opfer mit eingepflanztem RFID-Chip als seinen Besitz

„Es gibt so viele Science Fiction-Filme, wo sie jemandem etwas einpflanzen. Aber wissen Sie was? Das ist real. Das passiert tatsächlich!”
11.3.16

Als eine junge Frau im Oktober 2015 in der Notaufnahme eines amerikanischen Krankenhauses angab, einen GPS-Tracker in ihrem Körper zu tragen, vermutete der diensthabende Arzt Dr. A. zunächst eine Wahnvorstellung. Doch die Patientin war bei klarem Verstand und hatte tatsächlich einen Einschnitt an der Seite ihres Körpers.

Eine Röntgenaufnahme brachte die Gewissheit: In der rechten Flanke der Frau steckte ein kapselähnliches Objekt, etwas größer als ein Reiskorn. „Für fünf Sekunden sagte niemand ein Wort. Und in einer hektischen Notaufnahme will das etwas heißen", so Dr. A.

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Wie Dr. A mit vollem Namen heißt, in welcher Stadt oder welchem Krankenhaus er arbeitet, ist nicht bekannt. Auch nicht, wer die Frau war, die hilfesuchend seine Notaufnahme betrat. Der Journalist Dan Gorenstein schildert diesen Vorfall in einer Reportage-Reihe zum Thema „moderner Menschenhandel". Zum Schutze der Beteiligten veröffentlicht er keine weiteren Details.

Gorenstein gibt an: Der Freund der jungen Frau zwang sie zum Sex mit anderen Männern, um sich an ihr zu bereichern. Und als wäre das nicht genug, markierte der Zuhälter sie mit einem RFID-Chip, mit dem sonst besorgte Tierhalter ihre Hunde und Katzen kenntlich machen. Technisch gesehen handelt es sich hierbei zwar nicht um einen GPS-Tracker, wie die junge Frau zunächst erklärte, doch würde sie auf der Flucht von kriminellen Banden oder anderen Zuhältern aufgelesen werden, könnte der Chip ihr dennoch zum Verhängnis werden: Mit einem entsprechenden Scanner könnte mühelos der „Besitzer" identifiziert und das Opfer an ihn ausgehändigt werden. Brächte man mehrerer solcher Scanner in einem Bordell an, ließen sich die Bewegungen der Personen darin nachvollziehen und somit Rückschlüsse darüber geben, wann eine Frau ihrer „Arbeit" nachgeht.

Ob es sich bei der jungen Frau um einen Einzelfall handelt, oder ob RFID-Implantate gängige Praxis unter US-amerikanischen Menschenhändlern sind, konnte nicht geklärt werden. Aus Deutschland ist bislang kein solcher Fall bekannt. „Aber das heißt nicht, dass es das nicht gibt", so Sara Fremberg, Pressesprecherin von Amnesty International, auf Nachfrage von Motherboard. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Menschenrechtsverletzungen erst durch investigative Recherchen aufgedeckt würden.

Mit seiner Reportage-Reihe will Gorenstein das Bewusstsein dafür schärfen, welche Bedeutung dem Gesundheitswesen im Kampf gegen Menschenhandel zukommt. Einer Studie der Loyola University Chicago zufolge, landen 88 Prozent der Opfer von Sexhandel während ihrer Gefangenschaft in einer Notaufnahme oder Klinik. Oftmals sei dies der einzige Zeitpunkt, den Opfern zu helfen, da sie erreichbar und von ihren Peinigern getrennt seien. Eine weitere Studie belegt jedoch, dass nur ein Viertel der im Gesundheitswesen Tätigen glaubt, Menschenhandel tangiere sie in ihrem Alltag.

„Es gibt so viele Science Fiction-Filme, wo sie jemandem etwas einpflanzen. Aber wissen Sie was? Das ist real. Das passiert tatsächlich!", zitiert Dan Gorenstein Dr. Dale Carrison vom University Medical Center in Las Vegas. Er hofft, dass der Fall der jungen Frau mit dem RFID Chip das Gesundheitswesen aufweckt. Der erste Schritt sei es, Bewusstsein zu schaffen.

Bei Dr. A ist dies schon gelungen. Seit jenem Tag im Oktober 2015 zieht er immer die Möglichkeit in Betracht, dass etwas nicht stimmen könnte, mit seinen Patienten. Etwas, das man vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt. Fünf Mal habe er bereits Patienten zur Seite genommen und sie explizit auf Anzeichen von Menschen- bzw. Sexhandel untersucht. Bis jetzt ist er nicht fündig geworden.

Vorschaubild: Gorenstein/Marketplace