Moskau, 1928, Silbergelatineabzug, Sammlung Alexander Lachmann. © Eigentum von Arkady Shaikhet, mit freundlicher Genehmigung der Nailya Alexander Gallery.

Seht die Avant-Garde-Fotos, die den sowjetischen Kommunismus verbreiteten

Die Macht künstlerischer Bilder im politischen Kontext.

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21 Januar 2016, 7:00am

Moskau, 1928, Silbergelatineabzug, Sammlung Alexander Lachmann. © Eigentum von Arkady Shaikhet, mit freundlicher Genehmigung der Nailya Alexander Gallery.

Die Sowjetunion wurde im Westen oftmals an ein unwirtlicher, seelenloser Ort ohne Recht auf freie Meinungsäußerung oder künstlerische Freiheit gesehen. Diese falsche Vorstellung ist nachvollziehbar angesichts der Tatsache, dass die meisten pop-kulturellen Referenzen an die ehemalige U.d.S.S.R. Darstellungen von kaltherzigen Nichtsnutzen aus der Regierung oder deprimierten Opfern von Hunger beinhalten. Tatsächlich hatten aber Kunstformen wie Tanz, Film, Theater und Fotografie einen großen Anteil an der kulturellen Identität der Sowjets – und nicht immer nur aus politischen Gründen. Nichtsdestotrotz porträtiert die Austellung The Power of Pictures: Early Soviet Photography, Early Soviet Film im Jewish Museum in New York eine Zeit, in der die Begeisterung für die Revolution noch lebendig war, und Fotografen und Filmemacher ihre Fertigkeiten einsetzten, um ihre Ideen einer Regierungsform voranzutreiben.  

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Georgy Petrusov, Karikatur von Alexander Rodchenko, 1933–34, Silbergelatineabzug, Sammlung Alexander Lachmann. © Georgy Petrusov, mit freundlicher Genehmigung von Alex Lachman.

Die Ausstellung zeigt „bedeutende sowjetische Avantgarde-Fotografien und -Filme aus der Zeit der Revolution bis in die 1930er-Jahre, die den Einfluss der Kunst auf sozialen Wandel und radikales politisches Engagement verdeutlichen.“ Die frühen Sowjet-Regierungen förderten unkonventionelle und radikale Kunstformen, weil diese in ihren Augen ein Symbol des radikalen politischen Wandels waren. Zu einer Zeit, als die Analphabetenquote 70% betrug, waren Illustrationen und Poster oftmals die einzige effektive Form der Kommunikation mit den Massen. „Lenin erklärte höchstpersönlich, dass die Kamera – genauso wie das Gewehr – eine wichtige Waffen im Klassenkampf war„, so die Presseerklärung des Museums. Erst mit der Machtübernahme von Stalin hielt eine eher konservative Ansicht Einzug. Doch gute Künstler finden immer einen Weg, sich in einem System Freiräume zu schaffen und so verlor die Kunst nicht an Originalität. 

Bild aus Dziga Verovs Der Mann mit der Kamera , 1929, Schwarz-Weiss-Film, 68min. Bild bereitgestellt durch Deutsche Kinemathek.

Zwischen 1917 und 1930 wurden konstruktivistische, modernistische und avantgardistische Einflüsse „eingespannt, um die kommunistische Ideologie zu verbreiten“ – von Künstlern, die als wirksame und erfolgreiche Vertreter der sozialen Umgestaltung betrachtet wurden. The Power of Pictures beweist, dass die zu diesem Zweck erstellten künstlerischen Werke „ein viel breiteres Spektrum an Kunststilen und thematischen Inhalten aufweisen, als früher angenommen wurde.“ Der sofort wiedererkennbare grafische Stil der ausgewählten Poster und Druckwerke „spiegelt die utopischen Vorstellungen und die strenge experimentelle Ästhetik wider, die auf die vielen Formen kreativer Unterfangen während der Sowjet-Ära angewandt wurden...fast ein Jahrhundert nachdem viele von diesen Werken erschaffen wurden, vermitteln sie immer noch eine unverbrauchte und aufschlussreiche Sensibilität.“

The Creators Project hat mit Jens Hoffmann, dem stellvertretenden Direktor des Bereichs Ausstellung und öffentliche Programme des Jüdischen Museums über die Bedeutung dieser Fotografien heute sowie die Rolle der Kunst in der Politik gesprochen: 

Moisei Nappelbaum, Stalin, ca. 1934, Silbergelatineabzug, Sammlung Alexander Lachmann

The Creators Project: In der Pressemitteilung heißt es, dass die Ausstellung „einen Augenblick in der Geschichte revue passieren lässt, in dem Künstler als Motoren des sozialen Wandels und radikalen politischen Engagements fungierten.“ Würden Sie sagen, dass das heutzutage nicht mehr der Fall ist?

Jens Hoffmann: Es ist schwierig, diese Aussage zu verallgemeinern. Es gibt sicherlich Künstler, die immer noch politisch sehr engagiert sind, und es kommt auch auf den Kontext an, in welchem die Künstler tätig sind. Künstler in Asien arbeiten anders als Künstler in Afrika oder Europa, und einige sind politischer als andere. Insgesamt betrachtet, findet Beschäftigung mit Politik und sozialen Probleme weit seltener statt als dies zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte der Kunst der Fall war. Jedoch bin ich sehr vorsichtig, was die Verwendung von Kunst als Werkzeug im Dienste der Verbreitung bestimmter politischer Agenden und Ideen betrifft. Für mich muss politischer Radikalismus immer Hand in Hand mit ästhetischem Fortschritt gehen.

Anton Lavinsky, Poster für Panzerkreuzer Potemkin, 1925, Lithografie. Sammlung Merrill C. Berman

Hat politische Kunst heute eine andere Rolle als damals? Spielen Bilder im digitalen Zeitalter eine andere Rolle in der politischen Sphäre?

Ich glaube nicht, dass Bilder eine andere Rolle spielen, aber sie spielen eine viel größere Rolle. Wir sind konstant mit Bildern konfrontiert – auf Computern, Tablets, iPhones, TV-Bildschirmen, usw. – es gibt kein Entkommen, und das hat unsere Beziehung zu Bildern verändert. Bilder, so dachten wir jedenfalls, waren objektive Dokumentationen eines Ereignisses oder einer Situation. Aber heute ist uns allen sehr bewusst, dass man Bilder manipulieren kann, und wir ihnen nicht länger trauen können. Unsere Sichtweise auf bildliche Darstellungen hat sich verändert.

 Anatoly Belsky, Poster für Five Minutes, Regie Alexander Balagin und Georgy Zelondzhev-Shipov, 1929,Lithografie. Sammlung Merrill C. Berman

Fallen Ihnen zeitgenössische Künstler ein, die direkte Nachfahren dieser Bewegung, sind, sei es in politischem oder künstlerischen Sinne?

Es gibt viele Kunstschaffende, deren Arbeit auf Künstlern wie Rodchenko oder Lissitzky zurückgeht. Sie verkörpern eine radikale politische Herangehensweise im Kunstschaffen, die gleichzeitig die formalen Grenzen verschiebt. Martha Rosler, Andrea Bowers, Dan Voh, Felix Gonzales-Torres, Shuddhabrata Sengupta, Park McArthur, die Liste könnte ewig weitergeführt werden...

Georgy Zelma, Stimme von Moskau, 1925, Silbergelatineabzug. Sammlung of Alex Lachmann.

Was, hoffen Sie, nehmen heutige Besucher aus der Ausstellung mit?

Der wichtigste Aspekt der Ausstellung ist es, die Verschmelzung von Politik und Kunst aufzuzeigen. Dass—falls wir die Gesellschaft verändern wollen—dies auf einer politischen, aber auch auf einer ästhetischen Ebene passieren muss. Und natürlich müssen wir aufpassen, dass Politik die Kunst nicht nur als Werkzeug zur Verbreitung von radikalen Ideologien einsetzt.

Siehe hier weitere Bilder aus der Ausstellung: 

Arkady Shaikhet, Die Fallschirmspringerin Katya Melnikova, 1934, Silbergelatineabzug. Sammlung Alex Lachmann. Artwork © Eigentum von Arkady Shaikhet, mit freundlicher Genehmigung der Nailya Alexander Gallery.

Alexander Rodchenko, Treppe, 1929–30, Silbegelatineabzug. Sepherot Foundation, Vaduz, Liechtenstein. Artwork © Eigentum von Alexander Rodchenko (A. Rodchenko and V. Stepanova Archive) / RAO, Moskau / VAGA, New York. Bild bereitgestellt durch die Sepherot Foundation.

Arkady Shaikhet, Express, 1939, Silbergelatineabzung. Nailya Alexander Gallery, New York. Artwork © Eigentum von Arkady Shaikhet, mit freundlicher Genehmigung der Nailya Alexander Gallery. 

The Power of Pictures: Early Soviet Photography, Early Soviet Film ist noch bis 7. Februar im Jüdischen Museum in New York zu sehen.