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Der Haka der All Blacks: Hymne des Überlebens

Morgen spielt Neuseeland gegen Erzrivale Australien um den Rugby-WM-Titel. Doch spannend wird es schon vor dem Anpfiff—wenn die All Blacks ihren berühmten Kampftanz zelebrieren. Wir haben uns den Haka von einem Maori-Experten erklären lassen.

von David Whelan
30 Oktober 2015, 12:50pm

Photo by PA Images

„Ich will ja nicht pingelig klingen, aber die aktuellen All Blacks performen den Haka zu schnell", erzählt mir Inia Maxwell. Und er muss es wissen. Schließlich gilt Maxwell seit mehr als 20 Jahren als einer der wichtigsten Experten zur Maori-Kultur. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass hinter den heutigen Hakas—der ritualisierte Kampftanz der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft—das Wissen, die Leidenschaft und der Einfluss Maxwells stecken. Bis vor Kurzem hielt er sich in Brasilien auf, wo er in Vorträgen über die Lebensweise der indigenen Bevölkerung Neuseelands referiert hat.

„Dafür stimmt bei den Jungs die Intensität", so Maxwell weiter. „Du siehst, es kommt aus ihrem Herzen. Dass bei ihnen Leidenschaft und Intensität stimmen und man ihnen ansehen kann, dass sie sich der Bedeutung ihres Handelns bewusst sind, sind mir am Ende wichtiger als die Tatsache, dass sie ein bisschen zu schnell performen."

Maxwell arbeitet seit 16 Jahren mit der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft. Zum ersten Mal wurde er anlässlich der WM 1999 in Wales zu den All Blacks eingeladen, übrigens auf Wunsch des damaligen Kapitäns Taine Randell. Der bat Maxwell darum, „den Jungs mal die Bedeutung des Hakas näherzubringen". Damals arbeitete Maxwell gerade mit Adidas an einem Werbefilm über die Geschichte der All Blacks. Das Problem war jedoch, dass die damaligen Spieler tanztechnisch einiges zu wünschen übrig ließen. „Die wussten offensichtlich nicht, dass sie nicht wirklich gut performen. Die dachten, sie würden einen guten Job machen. Dabei fehlte es ihnen an der nötigen Leidenschaft. Ich habe ihnen mit Freude die Geschichte vom Ka Mate erzählt."

Der Haka—den Maxwell als „Tor in die Kultur der Maori" bezeichnet—ist so typisch für die All Blacks wie die Tatsache, nach fast jedem Spiel als Sieger vom Platz zu zu gehen. Und der Ka Mate ist eine ihrer Haka-Varianten. „Und die wohl bekannteste", sagt Maxwell. „Es handelt sich um einen Haka des Ngāti-Toa-Stammes. Er erzählt die Geschichte eines Häuptlings, der von feindlichen Kriegern verfolgt wird."

Der Tanz, der vor Rugby-Spielen aufgeführt wird, ist eigentlich nur das letzte Drittel des gesamten Haka. Unter anderem kommt in ihm die Schlüsselfrage Werde ich sterben, werde ich sterben? Oder werde ich leben, werde ich leben? vor, die von den wütenden All Blacks lebensbejahend beantwortet wird.

Als er damals also den All Blacks den Ka Mate zu erklären versuchte, hob der damalige Nationalspieler Andrew Merhtens die Hand und wollte wissen, was das Ganze mit Rugby zu tun habe. „Rein gar nichts", meinte Maxwell daraufhin. „Aber mir ist nicht klar, wie ihr einen Tanz ausführen wollt, wenn ihr überhaupt nicht versteht, worum es darin geht."

Als Nächstes bat er sie, für ihn einen Haka aufzuführen. „Im Internet gibt es ein Video, in dem (der frühere All Black, Anm. d. Red.) Kees Meuws erzählt, was dann passiert ist. Ich habe ihnen nämlich gesagt, dass ihr Auftritt ziemlich scheiße war. Daraufhin schaute mich Meuws verdammt böse an. In seinen Augen statt geschrieben: „Was will der kleine Wichser?" Also habe ich mir mein T-Shirt vom Leib gerissen und einen eigenen Haka aufgeführt."

Seinen Haka kannst du hier sehen. Die Leidenschaft sowie das Ausdrucksvermögen seiner Bewegungen und mimischen Gesten sind beeindruckend und berührend zugleich. Nicht ohne Grund hat das Video auf YouTube den Titel „Incredible Haka". Das wohl Markanteste an seinem Haka sind seine Augen, die weit aufgerissen und extrem eindringlich sind. „Einen Haka zu performen, ist etwas Wunderschönes", sagt er. „Zudem gibt es dir die Möglichkeit, den Haka als Fenster in unsere Kultur zu präsentieren. Hinter ihm steckt viel mehr, als nur die Zunge rauszustrecken und Grimassen zu schneiden."

Ein Haka wird im legendären Twickenham aufgeführt (1953).

Maxwell wurde 1975 in Rotorua als Sohn einer „angesehenen" Whanau-Familie geboren. Schon im Alter von vier Jahren führte er seinen ersten Haka auf. Er schloss einen Kurs in Schauspiel und darstellende Kunst an dem Hastings' Eastern Institute of Technology ab, bevor eine Rolle in der TV-Serie Xena: Warrior Princess ergattern konnte. Anschließend kam er bei der weltweit operierenden Werbeagentur Saatchi & Saatchi unter, wo er sich im Kreativbereich auf die Maori-Kultur spezialisierte. Zudem wirkte er bei den Dreharbeiten zum Kinofilm Invictus als ausgewiesener Haka-Spezialist mit.

Seine vielen unterschiedlichen Talente, gepaart mit seiner intellektuellen Ausstrahlung und seinem charmanten Auftreten, machten ihn zu einem idealen kulturellen Botschafter. Maxwell gilt mittlerweile als lebendes Maori-Maskottchen.

„Als ich 1999 mit meinem Haka fertig war", so Maxwell, „habe ich die Jungs 15 Sekunden lang gemustert und dabei meine Pose beibehalten. Ich wollte sicherstellen, dass sie nicht nur den Haka, sondern auch die Geschichte dahinter verstehen."

„Für mich ist der Haka eine Lebensart", erklärt er weiter. „Wenn ich den Haka aufführe, bin ich ganz ich selbst. Er macht mich stolz auf meine Herkunft. Ich empfinde aber gleichzeitig auch eine große Verantwortung, meine Vorfahren nicht zu enttäuschen. Für mich ist es ein absolutes No-go, einen schlechten Haka aufzuführen. Und das gilt jetzt glücklicherweise auch für die All Blacks. Ein Spiel beginnt nämlich nicht mit dem Anpfiff, sondern bereits mit dem Haka. Und das habe ich den Jungs schon 1999 klargemacht."

Der aktuelle Kapitän Richie McCaw (Mitte) führt sein Team auch beim Haka an. | Foto: PA Images

Natürlich löst der Haka bei den Gegnern immer auch eine Reaktion aus, auch wenn die sehr unterschiedlichen ausfallen kann. „In der Vergangenheit haben uns unsere Gegner auch schon mal komplett ignoriert oder ziemlich frech reagiert", sagt Maxwell. „Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Australien, bei dem sie sich einfach weiter aufgewärmt haben, während wir unseren Haka aufführten. Das war aber die falsche Entscheidung, weil das unsere Jungs nur noch wütender gemacht hat. Am Ende haben sie dafür auch eine ordentliche Abreibung bekommen."

Doch es sind gerade diese „frechen" Reaktionen vonseiten der Gegner der All Blacks, die das Salz in der Suppe ausmachen. So wäre da beispielsweise die tolle Antwort der Franzosen bei der WM 2011 zu erwähnen, die sich in Formation langsam und bedrohlich wirkend auf die Kiwis zubewegt haben. Oder aber auch die Reaktion der walisischen Nationalmannschaft, die die All Blacks noch nach Ende des Haka über eine Minute lang angestarrt haben.

Eine interessante Frage bleibt aber noch: Wie kam es überhaupt dazu, dass die uralte Maori-Tradition mit Rugby in Verbindung gebracht wurde? Die gemeinsame Geschichte der All Blacks und des Haka ist vielschichtig and manchmal auch widersprüchlich. Maxwell sieht den Anfang der gegenseitigen Beziehung in einem Spiel eines Rugby-Teams der Maori gegen England. Das Match fand im Rahmen einer Art Welttournee (zwischen 1888 und 1889) statt, bei dem die Maori insgesamt 107 Spiele bestritten. „Vor dem Spiel gegen England haben sie einen Haka aufgeführt", so Maxwell weiter, „woraufhin England mit seiner Nationalhymne gekontert hat."

Doch warum die Neuseeländer neben ihrer Nationalhymne am Ende auch den Haka aufzuführen begannen, ist weiterhin unklar. Will man damit einfach nur seine Gegner einschüchtern? „Nein", sagt Maxwell entschieden. Für ihn gehe es vielmehr um „Verfolgung und Überleben", weswegen es auch so gut zum Rugby-Sport passen würde—auch wenn ja eigentlich keine reellen geschichtlichen Berührungspunkte vorlägen. „Für unsere Rugby-Spieler ist es ein Gefühl von Überleben, wenn ihnen ein Versuch gelingt, nachdem sie mit dem Ball in der Hand vom Gegner verfolgt worden sind."

Vor Kurzem hat Maxwell zusammen mit Beats by Dr. Dre eine Kampagne für die All Blacks durchgeführt und in diesem Rahmen auch einen eigenen Haka komponiert und aufgeführt. „Bei diesem Haka geht es darum zu erinnern, wo wir herkommen und wer wir sind. Im zweiten Teil des Haka stellen wir dar, wie man sich einer Herausforderung stellt. Dazu müssen wir alles, was uns innewohnt, aktivieren. So gewinnt man auch am Ende."

In dem Werbefilm spielen auch Jugendliche der Rotorua High School, also Schüler aus seiner Heimatstadt. Mit denen hat Maxwell intensiv zusammengearbeitet. Mit Erfolg: Denn die Jungs haben jüngst die nationale Haka-Meisterschaft gewonnen. „Alle haben damit gerechnet, dass sie in dem Wettbewerb untergehen", sagt Maxwell mit einem Lächeln, „aber am Ende haben sie das Ding gewonnen. Vielleicht kein Zufall."

Übrigens: Schon am Samstag habt ihr die Möglichkeit, euch live einen Haka anzuschauen. Denn die All Blacks spielen im Finale der Rugby-WM gegen Erzrivale Australien.


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