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Friss oder stirb: Donald Trump ist, was er isst

Im Wahlkampf ist Essen politisch. Frank Stauss, der Berater von Gerhard Schröder, erklärt uns, wie Politik (auch) funktioniert.
15.8.16
Er mag sein Steak well-done. Bild via Imago.

Eigentlich ergibt das hier keinen Sinn, nicht einmal einen kleinen. In der letzten Woche hat Donald Trump das Netz zum Abgleiten gebracht, als er in seinem Flieger einen Eimer frittierte Hähnchen von KFC aß. Nur erinnert sich niemand mehr daran, denn er hat sich unterdessen gefragt, warum die USA ihr Nukleararsenal nicht einsetzen, er hat die Erschießung von Hillary Clinton angedeutet, wahrscheinlich hat er derweil sogar etwas Anderes gegessen. Das ist nicht auszuschließen. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, wo ist dann der Boden, fragt sich auch Frank Stauss. Er hat die SPD in vielen Wahlkämpfen begleitet, mit Schröder ist er Kanzler geworden. Klaus Wowereit hat er beraten, Kurt Beck, Hannelore Kraft und Olaf Scholz, Frank Walter Steinmeier und Malu Dreyer hat er beraten. Sehr, sehr oft hat er gewonnen.

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Dabei lohnt es, sich das Bild noch einmal genau anzusehen, in seinem ganzen dosierten Wahnsinn: 16.000 Retweets, 63.000 Gefällt mir. Trump sitzt in seiner Boeing 757, auf die Kissen aus Seide ist das Wappen der Familie gestickt, 100 Millionen Dollar hat der Flieger gekostet. Das hätte nicht sein müssen, an den Anschnallgurten hätte er sparen können, sie bräuchten nicht mit 24-karätigem Gold beschlagen zu sein. Die Motoren mussten von Rolls-Royce sein, darauf hat er bestanden. Und in diesem Flugzeug sitzt der Millionär in all seiner neureichen Vulgarität und isst fettverzierte Hühnerbeine mit dem Silberbesteck aus einem Pappeimer. Das, was die Kandidaten essen, ist wichtig, es erzählt mehr als jede Rede.

Gerhard Schröder war auch so einer, ein neureicher Aufsteiger mit Cohiba-Zigarre, Brioni-Anzug und den ganzen teuren Italienern. Ein Kind der fetten 90er, ein Jahrzehnt ohne permanente Panik, Terror und mit stabilen Finanzmärkten. Er galt als „Genosse der Bosse", ein Kämpfer, der es geschafft hatte und dem man es auch ansehen sollte. Doch er hatte auch eine andere Seite, das volkstümliche ging ihm nie so recht verloren, das Bierzelt hat er immer beherrscht. Unvergessen ist die Szene, als er von einem Team von Spiegel TV begleitet wurde und sagte: „Hol' mir mal ne Flasche Bier, sonst streike ich hier." Und später seine Flüge in den unvergoldeten Regierungsmaschinen, wo er mit Begleitern schwere italienische Rotweine trank. Gerhard Schröder war ein Hedonist, ein alter Linker, der durch die Institutionen marschiert ist, immer auf dem Weg nach oben, immer müder werdend. Spötter nannten ihn immer einen Teil der „Toskana-Fraktion". In den Wahlkämpfen jedoch lassen es die Politiker oft langsamer angehen, sagt Stauss. Viele trinken in der Zeit keinen Alkohol, um die Strapazen zu überstehen, im Weinglas ist oft Apfelsaft. „Gesunde Ernährung ist da eine Überlebensfrage", so Schröders alter Berater.

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Sieht man sich dagegen den Speiseplan von Trump an, muss man befürchten, dass er vor der Wahl noch einem Herzanfall erliegt. Trump schert sich um wenig, solange er sein Gesicht auf den Titelseiten sehen kann, er hält sich an keine Verhaltensregel. Trump stellt alle Regeln, die für einen normalen Wahlkampf gelten, auf den Kopf. Und Trumps Essen ist, wie alles andere an ihm auch, politisch unkorrekt. Es ist nicht nachhaltig, nicht fleischfrei, nicht gesund oder fair. „Politische Korrektheit tötet unser Land", hat er gesagt. Und wenn man ihn so essen sieht, dann wissen seine Wähler, die „Angry White Man", dann wissen sie, woran sie sind. Obwohl er vermögend ist, ist er doch einer von ihnen. Sie haben das Gefühl, ihre Lebenswelt sei von politischer Korrektheit bedroht, weil sie nicht mehr sagen dürfen, was auch immer sie möchten. Alles müsse durch einen Filter gehen, zu sehen, dass sie niemanden kränken, es fühlt sich für seine Wähler wie eine Gedankenpolizei an. Ihre Meinungen erscheinen unerwünscht, ihre Stil belächelt und über ihr Essen rümpft der Stadtbewohner mit seinem Erzeugermarkt die Nase.

Das Essen ist das deutlichste Zeichen, dass er auf Seiten des Volkes ist. An Peer Steinbrücks Wahlkampf erinnert man sich kaum, er hatte kein Thema. Aber dieses eine Mal, als er sagte, er würde keinen Wein für weniger als fünf Euro trinken, das blieb hängen.

Stauss ist der Meinung, dass Trumps Essverhalten nicht inszeniert sei, schließlich habe er insgesamt keinen Geschmack, warum sollte er ihn beim Essen beweisen? Noch dazu fehle ihm der strategische Weitblick. Viele Berater hat er schon verschlissen, er gilt als nicht steuerbar, als „loose cannon". Hillary Clinton hingegen ist die Selbstbeherrschung in Person, kontrolliertes Gesicht, kontrollierte Reden, unkontrollierte E-Mails. In ihrer Außendarstellung erinnert sie ein wenig an Angela Merkel, die auch nichts dem Zufall überlässt, wenn sie öffentlich auftritt. Nur einmal, da hatte sie diesen Rollmops im Gesicht, es stand ihr nicht.

Trump hingegen redet unkontrolliert, er hat keinen Filter, keine Inszenierung, dafür große Unterhaltung. Die New York Times hat einmal eine Liste gemacht mit den 250 Menschen, die Donald Trump beleidigt hat, sie muss ständig aktualisiert werden. Trump sagt immer, er habe keine Zeit, politisch korrekt zu sein. Dem Land entzöge das Energie, und die Bevölkerung könne nicht mehr sagen, „wie es ist". Da spricht Trump—wie eigentlich immer—zu denjenigen, die sich als Verlierer fühlen. Die untere Mittelklasse, die Unterschicht, Menschen, die das Gefühl haben, immer nach den Regeln gespielt zu haben und dafür bestraft zu werden. Menschen, die sich in der politischen Debatte nicht mehr wiederfinden, die die Welt, die plötzlich so groß und feindselig ist, nicht mehr verstehen. Die Menschen in den alten industriellen Zentren des Landes, die ihre Jobs verloren haben, weil die Produktion in andere Länder zieht. Menschen, die derbe reden und derbe essen. Es sind die Kunden der Schnellrestaurants, in denen auch Trump isst. Steve Schmidt, Stratege der Republikaner, sagt es so: „Einige Menschen haben das Gefühl, dass ihre Kultur überaus herablassend behandelt wird." Die Menschen, die Trump wählen, fühlen sich von der politischen und medialen Elite verlacht.