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Von zu viel Aubergine wird dein Gesicht lila

Heute gibt es die Aubergine in den leckersten Variationen wie Caponata, ein Antipasto der sizilianischen Küche. Früher aber war sie als Essen der Armen verpönt, das Krankheiten verursache. Der Konsum wurde mit der Inquisition bestraft. Aber woher kam...
20.11.14

Ich besuchte gerade mit zwei Freunden einen Konservenproduzenten in Sizilien, als er plötzlich zu reden aufhörte und einen Schrank neben einer Tür öffnete. Er holte ein kleines Glas mit unbekanntem Inhalt aus dem Dunkeln hervor. Es war Caponata, eine leckeres Antipasto (wenn es richtig gemacht wird) aus Sizilien, das mit gebratenen Auberginen und anderem Gemüse gemacht wird. Als wir sein Labor verließen, gab er es in eine Tüte und schenkte es uns. Es war unser erster Tag in Sizilien und das Haus, in dem wir wohnten, hatte wirklich gar nichts, außer Strom. Kein warmes Wasser, kein Gas, keine Küche und natürlich keine Küchengeräte. Wir legten also unsere Schlafsäcke auf den Boden und tranken eine Flasche Wein—ohne Gläser, versteht sich—die wir vorher gekauft hatten. Wir tunkten das Brot und schließlich unsere Finger direkt in das Caponata-Glas mit einem Lächeln im Gesicht und waren erstaunt über den wunderbaren Geschmack der eigentlich so bescheidenen Aubergine.

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Am nächsten Tag googelte ich ganz neugierig das Rezept. Ich stieß auf einem italienischen Blog auf eine kurze Einleitung über die Geschichte von Caponata. Es stellt sich heraus, dass die Version, die wir am Vortag gegessen hatten, die Variante für Arme eines älteren Rezepts ist, in dem „capone" verwendet wird, ein hochwertiger Fisch aus dem Mittelmeer. Plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich vor einer langen Zeit gelesen hatte: Alonso de Herrera, einer der wichtigsten spanischen Agrarwissenschaftler, schrieb in seinem Buch Agricultura General aus dem 16. Jahrhundert, dass man der Meinung sei, Auberginen wären von den Arabern nach Spanien gebracht worden, um die Christen zu töten. Die Geschichte war ziemlich lächerlich, aber ich fragte mich, wieso die Leute dieses vielseitige und leckere Gemüse so verachteten.

Auberginen gehören zu den Nachtschattengewächsen. Von den 1500 Arten sind nur sehr wenige essbar. Interessanterweise haben die Menschen sich aber sehr viel Mühe gegeben, diese Arten zu domestizieren und zu verbreiten: Auberginen, Tomaten, Paprika und Kartoffeln. In manchen Teilen Chinas wird die Tomate sogar immer noch „ausländische Aubergine" genannt. Das ist aber nicht das einzige interkulturelle Missverständnis. Hast du dich schon mal gefragt, wieso die Aubergine auf Englisch eggplant heißt? Eine Hypothese besagt, dass unser geliebtes Gemüse bei seiner Ankunft in Europa mit einer giftigen Pflanze der gleichen Familie verwechselt wurde: Solanum ovigerum, die auch auf Englisch als Easter White Eggplant bekannt ist. Die Frucht dieser Pflanze sieht einem Ei so ähnlich, dass es wohl keiner weiteren Erklärung bedarf.

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Könnten also Auberginen deshalb so verpönt gewesen sein, weil sie dieser giftigen verwandten Pflanzenart so ähnlich sehen? Früher wurden Auberginen mit allen möglichen Krankheiten und Leiden in Verbindung gebracht, sowohl mit physischen als auch mit psychischen. Die Liste ist endlos: schlechte Verdauung, Krebs, Wahn, Schnarchen, Sommersprossen, Diarrhö, Epilepsie, … Die einfallsreichste stammt von einem Arzt, der 1555 schrieb: „Wenn du sie zu oft isst […], wird sich die Farbe deines hellen Gesichts zur violetten, traurigen Farbe verändern, die sie haben." Trotz alledem gab es eins, über das sich die meisten Ärzte einig waren: Essig würde alle negativen Nebenwirkungen ausmerzen, indem Körpersäfte ausgeglichen werden und die Verdauung unterstützt wird. Dieser Glaube setzte sich auch in der Neuen Welt durch. In einem Buch mit dem Titel El nuevo cocinero mexicano en forma de diccionario stand: „Es wäre riskant, sie [Auberginen] zu oft zu verzehren und es ist gut zu wissen, dass Essig die negativen Eigenschaften ausgleicht." Es ist kein Zufall, dass italienische Bauern jahrhundertelang glaubten, das italienische „melanzana" [Aubergine] sei von „mela non sana" [ungesunder Apfel] abgeleitet worden. Tatsächlich war aber immer schon bekannt, dass der etymologisch korrekte Stamm das arabische Wort für Aubergine „badingian" ist und der italienische Suffix „mela" hinzugefügt wurde.

Das war es also? War die Aubergine also einfach ein Opfer seiner verwandten Pflanzenart und der Medizin der damaligen Zeit?

Wir sollten nicht vergessen, dass die Leute anfangs nicht wirklich eine Ahnung hatten, wie man Aubergine zubereiten könnte. Da rohe oder unreife Auberginen ja leicht giftig sind, gab es vermutlich einige unangenehme Erfahrungen in der Küche, was dem Gemüse einen noch schlechteren Ruf anhang. Bei meiner weiteren Recherche stieß ich aber auf ein paar interessante Fakten.

Die Christen assoziierten Auberginen sowohl mit Muslimen („die Muslime sind Freunde der Aubergine", sagt Sancho Panza, eine Figur in Don Quixote) also auch mit konvertierten Juden. Heute ist Aubergine immer noch eines der wichtigsten Gemüse in der sefardischen Küche. In manchen Transkriptionen von Inquisitionen wurden Dinge festgehalten wie „Bartolomé Sanchez, ein Lumpensammler aus Saragossa, ist krank, sie sahen, wie er eingemachte Aubergine aß". Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Nahrungsmittel, das mit einer verhassten ethnischen Minderheit in Verbindung gebracht wird, aus der Ernährung der Allgemeinheit verbannt wird. Und weil die jüdische Küche häufig mit Auberginen kochte, betrachteten es die Christen als verdächtiges Gemüse.

Als die Aubergine in Europa ankam, klassifizierte sie die galenische Medizin, die damals die medizinische Lehre an den Universitäten dominierte, als „windig". Und wieso ist das interessant? Weil der römische Arzt Galen damals glaubte, „Wind" wäre notwendig, um den Penis anschwellen zu lassen. Wenn ein Nahrungsmittel also Blähungen verursachte, glaubte man, es könne auch zu einer Erektion beitragen (ich weiß, klingt irgendwie wie ein anatomisches Oxymoron). Und so wurde die Aubergine zu einem Aphrodisiakum. Das waren jedoch keine Neuigkeiten. Bereits im Kamasutra wurden die Samen der Aubergine als Art Viagra empfohlen. Was sagt uns das also? Wenn wir einen Blick darauf werfen, was die Wahl unser Lebensmittel beeinflusst, wird klar, dass es wenig mit Geschmacksvorlieben zu tun hat. Dass sich Auberginen in Europa verbreiteten, wurde von mehreren Faktoren beeinflusst: angefangen von der medizinischen Meinung über das Gemüse bis hin zur gesellschaftlichen Bedeutung. Denk mal kurz darüber nach. Wenn du eine Aubergine isst, könnte gleich der Inquisitor vor deiner Tür stehen. Es könnte Terror bedeuten. Oder gar Vertreibung. Essen ist so mächtig, dass sogar die Aubergine, die bescheidene Aubergine, zu einem Stigma werden könnte.

Zurück zum Anfang. Als die Aubergine von den oberen Schichten der europäischen Gesellschaft aufgrund ihres schlechten Rufs abgelehnt wurde, wurde sie zu einem Gemüse für die Armen. Und so landete die Aubergine in der billigen Version von Caponata. Eine billige Version, zu deren Hauptzutaten Essig zählt. So ein Zufall.