Venezolaner kündigen ihre Jobs um illegales Bier zu brauen

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Caracas

Venezolaner kündigen ihre Jobs um illegales Bier zu brauen

In Venezuela gibt es immer mehr kleine, handwerkliche Bierbrauereien, die die Nachfrage nach illegalen Bier decken. Gesetze, die an die Prohibitionszeit erinnern und ein Mangel an Zutaten machen es ihnen aber nicht leicht.
14 November 2014, 11:00am

Hoch in den Bergen im Westen Caracas braut Rodrigo Flores illegales Bier im verlassenen Krankenhaus seines verstorbenen Großvaters. Mit seiner Brauanlage belegt er zwei Räume. Die Maische lagert er in alten Olivenfässern aus Plastik. Ein Stock unter seiner Brauerei befindet sich ein Labyrinth aus leeren Operationssälen mit zerbrochenen Fenstern und Fledermäusen.

„Willkommen in meiner Brauerei", sagt er. „Wir müssen still sein, weil meine Großmutter und mein Onkel hier wohnen."

Flores' geheime Brauerei ist nur eine von Dutzenden, die in den letzten fünf Jahren in Venezuela entstanden sind. Obwohl die Venezolaner mehr Bier pro Person trinken, als jedes andere Land in Südamerika, beschränkt sich ihr Konsum mehr oder weniger auf eine einzige Biersorte: Pilsner, das von einer Firma produziert wird, Empresas Polar, die mit 75% Anteil den Markt dominiert.

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Blick auf Caracas von Rodrigo Flores' Brauerei.

Der Verkauf von selbstgebrautem Bier ist zwar laut venezolanischem Alkoholgesetz illegal, trotzdem machen viele Brauer eine gutes Geschäft mit Restaurants und Schnapsläden. Zutaten wie Hopfen und Gerste sind in Venezuela nicht erhältlich und das Geld für die Produkte und Teile aufzutreiben, ist nicht einfach. Trotzdem ist es ihnen den Aufwand und das Risiko wert.

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Hopfen und Gerste.

Daniel Lopez, ein weiterer Brauer aus Caracas sagt: „Das ist Venezuela. Wenn die Polizei zu uns kommt, müssen wir sie einfach nur bestechen."

Fünf Minuten mit dem Auto weiter Richtung Bergspitze von Flores' Krankenhaus entfernt braut Lopez im Haus seiner Eltern Red Ale, IPA, Stout-Bier und Hefeweizen. Sein IPA ist ein trockengehopftes Imitat des Hazed & Confused vom amerikanischen Boulder Beer und schmeckt blumig, kräuterig und trifft damit genau ins Schwarze.

„Fast alle von uns brauen in Häusern, Wohnungen oder gemieteten Büros und leben davon", sagt Lopez.

Sie machen das alle lieber, als ihre Jobs als Ingenieure, Biologen, Informatiker oder Zahnärzte. Jeder Brauer, mit dem ich mich unterhielt, hat entweder seinen „normalen" Job aufgegeben oder plant es zumindest, um noch mehr Bier produzieren zu können. Das Problem liegt nur darin, dem Gesetz trotzen und genügend Zutaten beschaffen zu können.

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Daniel Lopez verwendet harter Rohrzucker in Kegelform, papelón (oder panela), wie es in Venezuela heißt, um sein Bier zu süßen.

Weil Hopfen, Gerste und Malz in Venezuela nicht in großen Mengen produziert werden, importieren die Brauer alles außer Wasser und den Flaschen. Um zu sparen, verzichten manche auf den Import von Gerste und kaufen sie auf dem Schwarzmarkt. Sie gehen davon aus, dass diese von Booten, die Empresas Polar beliefern, eingesammelt und dann weiterverkauft wird. Die Flaschen suchen sie sich in Caracas zusammen—besonders Weinflaschen, die sie recyclen—oder sie kaufen sie alle gemeinsam in großen Mengen.

„Wir fühlen uns mehr als eine große Familie von Bierbrauern und nicht als Konkurrenz", sagt Flores.

Weil Dollar generell eher Mangelware in Venezuela sind (wie Klopapier und Shampoo), müssen die Brauer sie irgendwo auf dem Schwarzmarkt kaufen, um ihre importierten Waren bezahlen zu können.

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Daniel Lopez trinkt im Haus seiner Eltern ein Bier. Dort betreibt er auch in zwei leerstehenden Räumen seine Brauerei Old Dan's.

Alexander Jiménez mit seiner Brauerei Norte Del Sur kauft so viele Dollar von der Regierung wie er kann für 6,3 Venezolanische Bolívar (BsF) pro Dollar. Erst dann wendet er sich dem Schwarzmarkt zu, wo man durchaus zwischen 10 bis 15 Mal mehr dafür bezahlt.

„Damit müssen wir uns herumschlagen", sagt er. „Wir sind das einzige Land dieser Welt, das drei verschiedene Kurse für den Dollar hat."

Aufgrund des Mangels an Zutaten und um möglichst wenig aufzufallen, produziert kaum ein Bierbrauer mehr als 200 Liter pro Woche.

Claudio Leoni, ein Brauer, der seine Produkte unter dem Namen Pisse Des Gottes verkauft, veranstaltet gelegentlich gemeinsam mit einem Freund, der Koch ist, Dinner-Partys und Bierverkostungen, unter anderem auch für den Präsidenten von El Salvador. Leoni, der auf einem eingezäunten Grundstück hoch über Caracas lebt, lässt mit seiner Beschreibung der lokalen Bierbrauerszene Erinnerungen an die Prohibitionszeit heraufkommen. „Wir machen einfach alles illegal, wie Al Capone", sagt er.

Venezuelas Alkoholgesetz stammt aus den 1970er-Jahren und Teile davon lesen sich wie die Prohibitionsgesetze der USA. Wie beispielsweise der Abschnitt, in dem jedes Bier mit mehr als 7 Volumenprozent Alkoholgehalt als Spirituose deklariert wird. Das Gesetz verbietet auch, am selben Ort zu brauen und zu verkaufen und die Brauer müssen geschlossene Bierbrauanlagen verwenden, die den Prozess mit viel zu teurem Equipment automatisieren und das Ende für Flores' Olivenfässer aus Plastik bedeuten würde. Außerdem gelten Produkte wie die einer Kleinbrauerei in Venezuela nur als„handwerklich", wenn sie aus heimischen Zutaten produziert werden—ein Ding der Unmöglichkeit für die Bierbrauer.

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Diese Gesetze werden theoretisch von der venezolanischen Steuerbehörde SENIAT durchgesetzt, aber—zumindest bislang—hat keiner der Brauer in Caracas etwas davon mitbekommen.

„Wahrscheinlich schmeckt ihnen das Bier", sagt Jiménes. Im Tapas-Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Büros der Steuerbehörde verkauft sich das Norte Del Sur ziemlich gut.

Lopez sagt: „Sie wissen, dass wir das machen. Aber bisher stört es sie nicht".

Erst im Juli wurde jedoch eine Brauerei in der westvenezolanischen Stadt von SENIAT geschlossen. Cerveza Nativa wurde eine Geldstrafe für den Verkauf von selbstgebrautem Bier und dem Betreiben einer Brauerei oder entsprechende Lizenz verhängt. Seither hat die Brauerei ihre Produktion eingestellt.

„Anderen Brauereien wurden wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen bisher noch keine Geldstrafen verhängt", glaubt Fernando Finol, einer der Gründer von Cerveza Nativa. „Vielleicht mögen die SENIAT-Inspektoren das Bier oder vielleicht wollen sie einfach ihren Job nicht machen."

Seit diesem Vorall vermeiden die Brauer aus Caracas das Gespräch mit den heimischen Medien, obwohl die meisten immer noch Facebook- und Twitteraccounts betreiben, um sich mit Restaurants und Schnapsläden aus der Region vernetzen.

Die Mikrobrauer fallen durch ihre Bemühungen, Unternehmen im Land aufzuziehen auf, während viele junge Venezolaner das Land verlassen, um woanders ihr Glück zu versuchen. Das sorgt bei ihnen für gemischte Gefühle im Hinblick auf die Zukunft ihrer Brauereien und auf die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen.

„Wenn alle deine Freunde das Land verlassen haben, dann fragst du dich, ob die Bedingungen es wirklich wert sind", sagt Flores.

Lopez hingegen fühlt sich verpflichtet, zu bleiben. „Ich will Venezuela nicht verlassen, während alle anderen gerade davonrennen."

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Claudio Leoni hat große Bierverkostungen in seiner Brauerei hoch über Caracas organisert. Unter anderem auch für den Präsidenten von El Salvador.

Jiménez sagt, er versuche Norte Del Sur immer weiter voranzutreiben und warte auf den Tag, an dem er eine größere Brauerei betreiben kann, die mehr als 1000 Liter pro Woche produzieren kann. Bisher mietet er eine Zwei-Zimmer-Wohnung, wo er sein Bier braut und all seine Waren lagert.

Im Hieylic-Schnapsladen im Viertel Altamira in Caracas werden die Biere der Mikrobrauereien die meiste Zeit in einem Kühlschrank im Lagerraum aufbewahrt. Ein Mitarbeiter, der nicht beim Namen genannt werden will, erzählt, die Biere werden nur jeden Freitag Nachmittag zum Verkauf herausgeholt.

„Jeden Samstag haben die Leute hier alle handwerklich gebrautes Bier in den Händen", sagt er.

Leute, die—wie ich—wahrscheinlich bestätigen würden, dass so gutes Bier nicht illegal sein sollte.