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Fastfoodporn strotzt vor latenter Erotik

Es hat doch was Natürliches, ein Würstchen eingebettet in einem schmalen, warmen Brötchen zu sehen. Vielleicht sitzen wir alle in Freuds Latenzphase fest, in der sich unterdrückte Sexualtriebe irgendwie anders und auf perversere Art ausdrücken. Also...

von Jimmy Chen
13 Juni 2014, 3:19pm

Photo via handout

Von den fünf von Sigmund Freud formulierten Phasen der psychosexuellen Entwicklung haben sich die anale und die phallische Phase wohl in den letzten Zügen des spätkapitalistischen Marketings bei der Sodomisierung von Nahrungsmitteln getroffen. Ein Sprichwort besagt ‚Man scheisst nicht dort, wo man isst', aber vögel ruhig dein Essen. Es hat etwas eher Natürliches, vielleicht sogar komplett Kathartisches an sich, wenn du ein Würstchen siehst, pflichtbewusst in einem schmalen, warmen Brötchen platziert. Ein Paradebeispiel hierfür ist der „Bagel Dog", dessen Ende wie ein nicht beschnittener Penis daherkommt, der aus der Vorhaut rausspitzt.

Auch wenn es vielleicht sehr einfach ist, niveaulosen Foodporn zu belächeln, so sind wir möglicherweise alle in Freuds Latenzphase stecken geblieben. Diese äußert sich in einem unterdrückten Sexualtrieb, der dann irgendwie anders und auf viel perversere Weise ausgedrückt wird. Vervollständige das alles mit den „Belohnungsempfindungs"-Hormonen Ghrelin und Dopamin, deren Rezeptoren im Gehirn angesprochen werden, wenn du jeweils hungrig und gesättigt bist. Und so ist es keine Überraschung, dass Dopamin (zusammen mit den Liebeshormon Oxytocin, das nach einem Orgasmus Amok läuft) bei dem Gefühl von Wärme, Zufrieden- und Geborgenheit eine Rolle spielt. Foodporn ist also nicht wirklich eine Erfindung der Neuzeit, sondern einfach eine Überschneidung von Biochemie und Psychologie.

Im Gegensatz zu anspruchsvollen, leckeren Bildern in Pastell—zum Beispiel sous-vide Hummer in Morchelschaum gebadet; kandierter Rhabarber, vorsichtig auf Vanille gebettet; Rote Beete und gehobelter Fenchel, serviert mit Jogurt und garniert mit Chia-Samen; Jakobsmuscheln, beträufelt mit Basilikumöl und Weißfischrogen—ist anspruchsloser Foodporn eher geprägt von stechendem Gelb und satter gebrannter Umbra. Diese Farben stehen vielleicht prophetisch für Fett. Die Assoziation mit Pornos ist nicht vorschnell, sie bezieht sich auf die gleichen Ästhetik: eindeutige Bilder, fast schon klinische Beschreibungen und eine übertriebene Darstellung.

Wenn der im Pizzarand gebettete Hotdog ein Code für kulinarischen Beischlaf ist, dann ist der Pizzabelag mit dem ganzen liebevoll darüber verteilten Käseschmelz vielleicht der Orgasmus. Die ‚Hot Dog Stuffed Crust'-Pizza von Pizza Hut verkörpert erfolgreich die gesamte Erfahrung des Geschlechtsakts, vom einfachen Date mit einer normalen Person über die Mechanismen der leidenschaftlichen Hydraulik bis hin zum unvermeidlichen Rausch. Das Verlangen danach, unsere Würstchen in alles reinzustecken, ist vielleicht ein Hinweis auf eine tiefer liegende ödipale Einsamkeit, die an Stelle von mütterlicher Zuneigung und elterlicher Vereinnahmung darauf reduziert wird, bei der unterbewusst rektalen Füllung von Pizzarand Trost zu finden.

Die Logos von McDonalds und Burger King sind in Rot und Gelb getaucht, die Farben, die am ehesten mit Lust und Verlangen in Verbindung gebracht werden. Es gibt eine Theorie, die besagt: Solche Logos sind Überträger von psychologischen Botschaften und wurden so gestaltet, dass hitzige Kunden in den Laden gelockt, aber gleichzeitig so ruhig gehalten werden, dass sie auch schnell wieder gehen. Der Drive-Through ist praktisch, aber gleichzeitig auch auf eine offensichtliche Art und Weise nicht einladend. Sie wollten gar nicht erst, dass du reinkommst.

Diejenigen unter euch, die wissenschaftlichen Illustrationen ähnliche, ausgeschnittene Bilder bevorzugen, stehen vielleicht auf den „Waffle Taco" von Taco Bell. Dessen dreigliedriger, vaginaler Aufbau scheint förmlich nach amouröser Aufmerksamkeit zu schreien. Das, bei dem ein Phallus fehlt, wird sofort zu einer potentiellen Taschenmuschi, mit dicken und funkelnden Schamlippen-ähnlichen Falten.

Im Gegensatz zu anderen Industrien (Möbel, Küchenutensilien, Kleidung), deren Produkte normalerweise in ihrer gewohnten Umgebung präsentiert werden, scheinen Fotos von Fastfood den Gegenstand absichtlich vor einem weißen Hintergrund zu zeigen. Man bekommt fast den Eindruck, als soll dieses „Alles andere ist unwichtig"-Gefühl noch weiter verstärkt werden.

Eine Google-Bildersuche nach „Waffle Taco Real" zeigt jedoch etwas Anderes als die Sauerei, die das Ganze eigentlich ist—etwas vage Postkoitales und wütend Verletztes. Die Wut hier ist komischerweise Taco Bell, trotz der beeindruckenden Gewinnspannen. Wenn die Objektivierung dieses Waffle Tacos eine Metapher darstellt, dann wurde diese bereits von Anfang an vergewaltigt.

So ist es also wohl ironisch, dass unser demographisches Ziel—ausgelaugte Leute, die sich im Grunde selbst Dopamin verabreichen—an einer schwindenden Libido leidet, in direktem Verhältnis zum Essenkonsum. Jegliche Sucht entblößt irgendwann die neurologischen Belohnungsrezeptoren im Gehirn. Je schlechter du dich fühlst, desto verzweifelter sehnst du dich danach, dich besser zu fühlen.

Wenn die Marketingstrategen hinter den Cinnabon Delights™ nicht an „Spermakugeln" gedacht haben, als sie sich diese mit Sahne gefüllten, hodenförmigen Bälle zum Konsumenten-Teabagging einfallen ließen, dann sind wohl wir die Kranken. Ziemlich wahrscheinlich ist dem aber nicht so. Ein Freund beschreibt sie als lauwarm, oder verheißungsvoll auf Körpertemperatur. Eine Portion enthält vier Kugeln, also zwei Männer. Die Glasur der CINNABONS® ist bekannt für ihren spermahaften Glanz, wobei jedes Gebäck sein eigenes Bukkake-Design besitzt.

Da Männer die primäre Zielgruppe von Fastfoodporn sind und schimmernde Sekrete dort eine zentrale Rolle spielen, ist dann der Kern des Ganzen nicht heimlich homoerotisch angehaucht? Wie viel weiter müssen wir die Kastrationsangst noch verdrängen, wenn wir immer wieder einen durch Fellatio inspirierten Bissen machen?

Wenn die genitale Phase die letzte Stufe der sexuellen Entwicklung bei einem gesunden Erwachsenen darstellt, dann sollten wir Fastfoodporn als unseren Beschützer und Herr unserer tiefsten Instinkte ansehen. Frauen sind definitiv auf der Party willkommen und niemand benutzt hier das Wort ‚schwul', aber dieses Essen ist doch eher eine Männerdomäne.

Genauso wie ein Bild von einem Schwanz springt es dir direkt ins Gesicht und will einfach nur lieb gehabt werden.

Oberstes Foto: Pizza Hut