Menschen

Ich will endlich verliebt sein, obwohl Verliebtsein peinlich ist

Wenn ich in den Schlund des Reality-TVs schaue, und die Bachelorette zurückschaut, habe ich Angst, alleine zu sterben.
31.8.21
Die Autorin steht in der Küche mit einem Glas Sekt, über ihrem Kopf schweben verschiedene Herzen; sie will unbedingt verliebt sein, schafft es aber nicht wirklich
Foto: Maja Dworzynski

Wenn ich bei einem Dating-Reality-TV-Format teilnehmen würde, wäre meine größte Angst – neben einem anaphylaktischen Schock wegen meiner Ananas-Allergie –, gefragt zu werden, wie viele Beziehungen ich schon hatte. Dann zählen 25-jährige Kandidaten mit gebleachten Zähnen und Sonnenbrand ihre fünf festen Beziehungen auf. Ich würde dann sagen, dass ich vielleicht mal in einer Beziehung war, aber da war ich 18, und mit 18 sind Dinge vielleicht nicht ganz so echt. Und dann würde ich rausgeschmissen werden, weil mir Bindungsängste attestiert werden würden. Wenn ich in den gähnenden Schlund des Reality-TVs schaue, und die Bachelorette zurückschaut, habe ich Angst, alleine zu sterben. 

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Ich war mindestens einmal in meinem Leben so richtig verliebt. Ich mochte ihn, weil er nichts im Griff hatte. Er mochte mich, weil er lustig fand, wie sehr ich mich darüber aufregen konnte, wenn Menschen sich darüber beschweren, dass in Chipspackungen mehr Luft ist als Chips.


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Am Tag, an dem ich merkte, dass ich verliebt war, schauten wir Stranger than Paradise im Kino, und ich hörte die Tage danach "I Put a Spell on You" auf Dauerschleife. Vorbei war es erst, als wir uns bei einem Festival bei strömendem Regen zwischen Partyzelt und Wurstbude anschrien. Ich trug zwei Pullis und zitterte, und er stand da im T-Shirt und fragte mich, woran ich denn jetzt festmachen will, dass er gerade sehr high ist.

Ich weiß nicht, ob ich seitdem noch mal verliebt war. Ich finde es peinlich, jemanden gut zu finden, deshalb tue ich es ganz selten. Es ist schwierig, Emotionen zuzugeben in einer patriarchalen Welt, die Emotionalität pauschal als weiblich und peinlich abstempelt. Ich wäre lieber einer dieser Männer, die in Filmen mit Zahnstocher im Mundwinkel an der Theke lehnen und cool aussehen. Denn sie sind nicht verliebt, sondern nur betrunken. 

Und trotzdem macht mir der Gedanke, irgendwann alleine zu sterben, Angst.

Filme beginnen immer kurz bevor die Protagonistin einen schicksalhaften Moment erlebt. Wenn sie IHN trifft. 

Manchmal glaube ich, dass mein Film noch gar nicht angefangen hat. Dass mein Leben erst richtig anfängt, wenn mir etwas Echtes passiert – sowas wie die große Liebe. Es wird uns eingetrichtert von der Popkultur, von Eltern, die seit dem 18. Geburtstag zusammen sind, von Liebesliedern: Nur eine feste, monogame Beziehung ist echt. 

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Ich dagegen treffe Männer in Bars, fahre mit ihnen zum See, gehe morgens aus ihrem Haus, lerne ihre Freunde kennen, nehme einen Zug von ihren Zigaretten. Manchmal denke ich dann: "Gleich passiert es, gleich springt sie, die Liebe, aus einer Seitengasse raus und dann hat sie mich." Doch dann läuft es meistens anders. 

Habe ich ein Date, stelle ich mir vor, wie es für andere aussieht. Bestimmt so, als wären wir sehr verliebt. Fremde, die uns im Vorbeigehen beim Knutschen zuschauen, denken vielleicht, dass wir am Wochenende bei IKEA streiten oder "I'm Yours" von Jason Mraz hören können, ohne uns zu schämen, weil wir das Lied so sehr verstehen.

In Wirklichkeit gehen wir nur in eine Bar. Da nimmt er kurz meine Hand,  und wir fragen uns, was das jetzt bedeutet. Und dann bedeutet es gar nichts. Und das ist gut so.

Ich bin manchmal enttäuscht, wenn wir uns nicht so sehr mögen, sondern nur ein bisschen. 

Ich treffe einen Typen über Monate. Wir sind ein Fast oder ein Garnichts. Das wissen wir beide. Als es zu Ende ist, bin ich trotzdem traurig. Und weil wir dieser Beziehung keinen Titel gegeben haben, ist es mir auch unangenehm, sie zu betrauern. Ich tue es trotzdem. 

Diese Fasts oder meine Freundschaften fühlen sich manchmal ein bisschen an wie ein Zeitvertreib, während ich auf das echte Verliebtsein warte. Bis zur großen Liebe hat anscheinend nur die Einsamkeit Platz. Sie fühlt sich an wie ein persönliches Versagen. Obwohl ich weiß, dass wir alle manchmal einsam sind. 

Manchmal bin ich so einsam, dass ich vergesse, wie sehr ich meine Freundinnen mag. Oder wie sehr ich mich auf Dates freue, obwohl ich weiß, dass es nirgendwo hinführt. Oder dass ich gelernt habe, mich selbst zu mögen. Das sind auch Lovestorys – andere, aber gute. Durch den Druck, irgendwann in einem heteronormativen Beziehungsmodell glücklich zu werden, geraten andere Formen der Beziehungen und Begegnungen aus dem Fokus. 

Ich schreibe einem meiner Fasts: "Wollen wir was trinken gehen, wenn wir beide wieder zurück sind? Dann können wir ein bisschen jammern, und ich versuche, nicht zu streiten." Vielleicht sind Einsamkeit und sinnloses Rumgeknutsche genauso echt wie Verliebtsein.

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