Eine Brücke, die über einen Fluss führt, ist auf der linken Seite vom Hochwasser zerstört worden, was zeigt dass wir mitten in der Klimakrise stecken
EINE BESCHÄDIGTE BRÜCKE DER LANDESSTRASSE L83 FÜHRT ÜBER DIE AHR | Foto: Zino Peterek
Politik

Was wir endlich über die Klimakrise begreifen müssen, um uns zu schützen

Die Wissenschaft warnt seit Jahren davor, dass die globale Erwärmung unsere Lebensgrundlagen zerstört. Wir können es uns nicht mehr leisten, wegzuhören.
22.7.21

Die Hochwasserkatastrophe der vergangenen Tage hat eins schlagartig klar gemacht: Niemand ist sicher in der Klimakrise. In Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Österreich haben Starkregen verheerende Schäden angerichtet und allein in Deutschland mindestens 170 Menschen getötet. Wenn jetzt diskutiert wird, ob diese Ereignisse in Zusammenhang mit der Erderhitzung stehen, zeigt das vor allem eins: Die Klimakrise ist gesellschaftlich, politisch und medial noch nicht begriffen.

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Denn selbst wenn die sogenannte Attributionsforschung, die Zusammenhänge zwischen Klima und Extremwetter ergründet, in den kommenden Wochen feststellen sollte, dass die Flutkatastrophe nur zu einem geringeren Teil von der globalen Erwärmung verstärkt wurde, so ist doch völlig klar, dass Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hitzewellen zunehmen und immer öfter verheerende Schäden anrichten werden. Genau davor warnt die Klimawissenschaft seit Jahrzehnten.

Fünf Dinge, die wir jetzt verstehen müssen, um uns noch effektiv zu schützen: 


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1. 1,5 Grad sind nichts Gutes

Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Regierungen dieser Welt 2015 darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf "deutlich unter 2 Grad" im Vergleich zu vor der Industrialisierung zu begrenzen – möglichst sogar unter 1,5 Grad. Wenn man sich anschaut, wie wenig sich Politikerinnen und Politiker anstrengen, diese Limits einzuhalten, kann man den Eindruck gewinnen, sie seien willkürlich gesetzt, sie zu überschreiten sei nichts Schlimmes.

Und tatsächlich: Was 1,5 Grad Erderhitzung für das Leben jedes Einzelnen bedeuten und wie schnell wir die erreichen werden, scheint vielen Menschen nicht ansatzweise klar zu sein. 

Die aktuelle Hochwasserkatastrophe in China, die Hungersnot in Madagaskar, die enormen Hitzewellen in Nordamerika und Skandinavien der letzten Woche, die Brände in Australien und Kalifornien in den vergangenen Jahren: All das geschieht bei einer globalen Erwärmung von etwas über 1 Grad.

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Das heißt: 1,5 Grad bedeuten nicht, dass wir sicher sind. Schon sie verursachen auch in Deutschland extreme Veränderungen. Spätestens 2050 werden etwa Dachgeschosswohnungen wegen der Hitze im Sommer wochenlang nur noch schwer bewohnbar sein. Schon in den vergangenen Jahren mussten bei Niedrigwasser in Flüssen regelmäßig Industrieanlagen und Kraftwerke abgeschaltet werden, weil nicht genug Wasser da war, um sie zu kühlen. 

1,5 Grad Erderhitzung sind ein Kompromiss. Ein Level, von dem die Wissenschaft sagt, wir könnten noch vergleichsweise gut mit den immer größer werdenden Risiken leben. Je wärmer es wird, desto mehr steigen die Gefahren, dass Zuhause zerstört werden, Menschenleben gefährdet und Krankheiten sich ausbreiten, dass Ernteausfälle und Trinkwasserknappheit zu Hungersnöten und im schlimmsten Fall auch internationalen Konflikten führen. 

Die meisten dieser Risiken wachsen graduell. Im Klimasystem gibt es aber auch sogenannte Kippelemente, "kritische Schwellenwerte, bei deren Überschreiten es zu starken und teils unaufhaltsamen und unumkehrbaren Veränderungen kommt", wie das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erklärt. Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes etwa wird einen Meeresspiegelanstieg von etwa sieben Metern nach sich ziehen. Die Kippelemente reagieren Untersuchungen zufolge oft lange Zeit nur wenig auf den Klimastress, aber wenn die Belastung dann nur ein wenig zunimmt, kippen sie um. Bei welchen Temperaturen genau diese Elemente angestoßen werden, kann niemand sicher sagen. Gerade deswegen ist es so wichtig, so weit wie möglich davon entfernt zu bleiben.

Derzeit steuern wir noch immer auf eine Erderhitzung von bis zu 4 Grad bis 2100 zu. Das würde ein komplett andere Welt bedeuten, von der fraglich ist, wie unsere heutigen Zivilisationen darin funktionieren sollen. 2100 ist in 80 Jahren. Heutige Kindergartenkinder würden das erleben.

2. Wir haben nur noch wenig Zeit

Um 1,5 Grad noch zu halten, sind die Jahre bis 2030 entscheidend. Global müssen in dieser Zeit die Treibhausgasemissionen, die die Erderhitzung vorantreiben, im Vergleich zu 1990 halbiert werden. Deutschland und die EU haben jedoch schon einen großen Teil ihres CO2-Budgets aufgebraucht und müssen ihre Emissionen daher sehr viel schneller reduzieren. Zudem trägt Deutschland eine besondere Verantwortung, weil es historisch zu den größten Emittenten überhaupt zählt.

Selbst wenn man diesen Aspekt der globalen Gerechtigkeit außen vor lässt, bedeutet das, dass Regierungen in den kommenden fünf Jahren bereits weitreichende Maßnahmen umsetzen (!) müssen, um Emissionen einzusparen. Denn entscheidend ist nicht, wann wir aufhören, Treibhausgase auszustoßen, sondern wie viel wir bis dahin in die Luft geblasen haben. Stattdessen steigen die Emissionen aller Voraussicht nach weiter – nach einem kurzen Einbruch 2020 aufgrund der Corona-Pandemie.

3. Es braucht große, strukturelle Veränderungen

Im deutschen Bundeswahlkampf wurde in den vergangenen Wochen leidenschaftlich über die Erhöhung des Benzinpreises gestritten, über die Streichung von Kurzstreckenflügen und – mal wieder – die Einführung eines Tempolimits. 

Schon diese Vorschläge stießen auf massiven Widerstand, dabei sind sie nicht annähernd ausreichend, um uns auf unserem Planeten irgendwo in der Nähe lebenswerter Zustände zu halten.  

Um unsere Lebensgrundlagen zu schützen, müssen wir nicht nur Emissionen einsparen, sondern komplett aufhören, zusätzliche auszustoßen. So schnell wie möglich, in jedem Land, in jedem möglichen Sektor. Die Zeit zu diskutieren, wer anfangen soll, ist seit mindestens 15 Jahren vorbei.

Das zeigt auch der Climate Action Tracker, eine unabhängige wissenschaftliche Analyse, die Regierungspläne mit den Pariser Klimazielen abgleicht. Demzufolge muss Deutschland bis 2030 unter anderem aus der Kohle aussteigen, mindestens 90 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen und den Anteil der zugelassen E-Autos auf wenigstens 95 Prozent erhöhen, um seinen fairen Anteil zum 1,5-Grad-Ziel zu leisten.

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Was es braucht, sind ernsthafte und tiefgreifende Veränderungen in allen möglichen Bereichen: Verkehr, Ernährung, Landwirtschaft, Bauen, Heizen, Energie.

Klingt radikal? Ist es auch. Dass dies nötig ist, ist der konservativen Politik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu verdanken, die die nötigen Maßnahmen verschleppt und aktiv verhindert hat.

4. Die aktuellen Pläne der Politik reichen nicht ansatzweise aus

Obwohl aus wissenschaftlicher Sicht seit Langem klar ist, dass immer mehr und heftigere Extremwetterereignisse auf uns zukommen, sind wir in Deutschland bisher nicht ausreichend aufgestellt, was etwa Warnsysteme und Hochwasserschutz angeht. Das hat die Flutkatastrophe klargemacht. So gibt es derzeit kein flächendeckendes Netz von Sirenen und keine Warn-SMS, wie sie in anderen Ländern bereits genutzt werden. Konzepte gegen Hochwasser wie sogenannte Schwammstädte, Überlaufflächen und ein Stopp der Flächenversiegelung werden bisher zu wenig umgesetzt

Gleichzeitig tut bisher kein einziges industrialisiertes Land genug, um eine dramatische und gefährliche Erderhitzung abzuwenden. 

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Auch das nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes überarbeitete deutsche Klimaschutzgesetz ist nicht mit dem 1,5-Grad-Limit vereinbar. Die kommende Bundesregierung ist die letzte, die Deutschland noch auf einen 1,5-Grad-Pfad bringen kann. Außer der AfD haben sich alle Parteien im Bundestag in den vergangenen Wochen vollmundig dazu bekannt. Aber nicht eine von ihnen hat bisher einen ausreichenden Plan dafür. 

CDU, SPD und FDP setzen in ihren vorläufigen Wahlprogrammen auf noch nicht in großem Maßstab einsatzfähige Zukunftstechnologien wie Wasserstoff und bleiben so unkonkret, dass es extrem fraglich ist, ob sie das Problem ansatzweise verstanden haben. Am nächsten dran sind die Grünen und die Linken. Es mag kritisiert werden, dass deren Vorstöße gesellschaftlich schwer umsetzbar erscheinen. Sie orientieren sich in vielen Punkten aber einfach an dem, was aus wissenschaftlicher Sicht notwendig ist. 

Ähnlich sieht es auf EU-Ebene aus: Die neuen Klimaziele der EU-Kommission, genannt "Fit For 55", sind historisch, keine Frage. Keine Kommission davor hat derartig weitreichende Pläne für den Klimaschutz vorgelegt – und es mag politisch nicht einfach gewesen sein, das überhaupt so durchzukriegen. Die Vorhaben wirken allerdings nur deswegen ambitioniert, weil bisher nichts ansatzweise ausreichendes geschehen ist. Laut Climate Action Tracker landen wir damit weiterhin bei 2 bis 3 Grad Erderhitzung.

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Das Problem: Keine der angestrebten Maßnahmen wird morgen umgesetzt. Und die jetzt schon unzureichenden Vorstöße werden in den Mühlen der EU-Politik in den kommenden zwei Jahren weiter zermahlen und ausgefasert. Selbst an und für sich sinnvolle Maßnahmen (Kerosinsteuer, Emissionshandel für Industrie) greifen erst nach 2030 voll. Dabei hatte das EU-Parlament einen wirklich guten Plan vorgelegt. Der hätte zwar noch immer nicht für 1,5 Grad gereicht, wäre aber sehr viel näher dran gewesen. Und jedes Zehntel Grad zählt, um möglichst viel Schaden abzuwenden. 

Nicht mal auf ein Ende der fossilen Subventionen konnte sich die Kommission verständigen. Laut einer Recherche von Investigate Europe befeuern die EU-Regierungen (inklusive Norwegen, Schweiz und Großbritannien) die Klimakrise jedes Jahr mit Steuergeldern in Höhe von 137 Milliarden Euro. Allen voran Deutschland, das fossile Brennstoffe jährlich mit 37 Milliarden Euro fördert.  

Und bevor jetzt wieder jemand sagt, allein könnten Deutschland und die EU das Klima nicht retten: natürlich nicht. Das entlässt sie allerdings nicht aus der Verantwortung, ihren Anteil zu leisten. Zudem haben sie eine Vorbildfunktion: Die EU ist der größte Binnenmarkt, Deutschland der größte Verschmutzer der EU. Wenn beide endlich angemessen aktiv werden, könnte das international ähnlich stark ausstrahlen wie die Initiativen der USA seit dem Amtsantritt von Joe Biden. 

5. All das müssen auch die großen Medien begreifen 

Noch immer behandeln viele große Redaktionen Klima wie ein Thema unter vielen. Längst nicht alle Journalistinnen und Journalisten scheinen mitbekommen zu haben, dass sich der Klimawandel in den vergangenen Jahrzehnten des Nichtstuns zu einer lebensbedrohenden Klimakrise ausgewachsen hat, die schon heute viele Bereiche unseres Lebens betrifft.

Damit dies einer breiteren Öffentlichkeit – und vor allem Verantwortlichen in der Politik – stärker bewusst wird, spielt die mediale Berichterstattung eine zentrale Rolle. Angesichts dessen wie akut die Klimakrise ist und wie wenig Zeit bleibt, dramatische, irreparable Schäden abzuwenden, gehört die Klimakrise auf die Titelseiten und in die Hauptnachrichten. Und das nicht nur, wenn gerade eine extreme Katastrophe diese Bedrohung sichtbar macht.

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Warum sie dort so selten zu finden ist? Weil die globale psychologische Verdrängung der Klimakrise auch vor Journalistinnen und Journalisten nicht halt macht. Und weil Lobbygruppen mit viel Zeit, Geld und Aufwand seit Jahrzehnten genau daran arbeiten. Sie streuen Zweifel an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen und sind dabei erwiesenermaßen verdammt erfolgreich.

Was es jetzt braucht, sind erstens Bigger-Picture-Beiträge, die einer größeren Öffentlichkeit erklären, was die Klimakrise schon heute für ihr Leben bedeutet und welche Gefahren eine weitere Erhitzung des Planeten allein auf 1,5 Grad mit sich birgt. Schon heute gibt es immer wieder gute Berichte, die einzelne lokale Entwicklungen in der Klimakrise aufzeigen: das massive Waldsterben in Deutschland, die Dürren und Ernteausfälle der vergangenen drei Jahre, austrocknende Seen in Brandenburg, Niedrigwasser in Elbe und Rhein, die Zunahme von Allergien oder die Ausweitung sogenannter Todeszonen in Nord- und Ostsee, in denen nichts mehr lebt außer Bakterien. Wo bleiben die Dossiers, Titelthemen und Dokumentationen, die das prominent zusammendenken? 

Zweitens müssen vor allem Politik- und Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten sich mehr mit den Grundlagen der Klimakrise vertraut machen, um sie bei allen entsprechenden Punkten mitdenken zu können. Politische Vorstöße und Entscheidungen müssen konsequent mit der Wissenschaft abgeglichen werden. Wie groß die Lücke zwischen dem Nötigen und dem Angebotenen ist, muss klarer werden.

Zentral hierbei ist: Wer anfängt, sich ausführlicher mit den Fakten zur Klimakrise zu beschäftigen, ist schnell erschlagen und überwältigt vom Ausmaß und der Wucht der Krise. Und ja, die Situation ist ernst, sehr sogar. Die gute Nachricht ist: Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Tausende von Menschen damit, wie man diese Krise lösen kann. Die Mittel und Technologien, um eine Eskalation der Klimakrise zu stoppen, stehen bereit. Realistische Lösungswege aufzuzeigen, ist daher neben der verständlichen Vermittlung der Probleme eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus. 

Denn auch wenn wir nicht mehr alles retten können: Wir können noch immer viel Wertvolles bewahren – und Gutes gewinnen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Autofreie Innenstädte etwa sparen nicht nur Emissionen, sie sind auch sicherer, leiser, sauberer und damit gesünder und lebenswerter.

Die nötigen grundlegenden Veränderungen sind möglich. Auch, noch immer, zum Besseren.

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