Drogen

Folterzellen und Enthauptungen: Mexikanische Drogen-Kartelle kommen in Europa an

Wir haben mit Experten Teun Voeten über Killer gesprochen, die nach Töten süchtig sind. Und darüber, warum eine Drogen-Legalisierung nicht unbedingt hilft.
22.2.21
Zwei Pistolen mit lateinamerikanischen Verzierungen, die Gewalt der Drogenkartelle kommt langsam nach Europa

Teun Voeten berichtet seit drei Jahrzehnte von Fronten auf der ganzen Welt, von Kriegen, Konflikten und sozialen Brennpunkten. Er war im Nahen Osten, in Afrika, Südostasien, Amerika und Europa unterwegs. 

Besonders berühmt ist seine Reportage aus den 1990ern über die Menschen, die in den Tunneln unter Manhattan leben. Sein neuestes Buch behandelt einen der brutalsten Konflikte der jüngeren Zeit: Mexikos Drogenkrieg.

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Wir haben mit Teun über die Lust am Töten und den Aufstieg der Drogengangs in Europa gesprochen. Außerdem hat er uns gesagt, warum er gegen eine Legalisierung von Drogen ist.


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VICE: Was hast du bei deinen Recherchen zum Drogenhandel in Mexiko gelernt?
Teun Voeten:
Ich war schockiert über die Bösartigkeit und den brutalen Nihilismus, die die Gesellschaft durchdringen. Sobald die Gewalt einmal eine bestimmte Dynamik erreicht hat, lässt sie sich kaum aufhalten. Es ist schon erstaunlich, wie ganz normale Menschen von dieser Dynamik aufgesogen werden können. 

In deinem Buch sprichst du auch über "die Lust am Töten", die die Auftragsmörder spüren, die du interviewt hast. Was meinst du damit?
Ich habe viele mexikanische Auftragskiller, sogenannte Sicarios, interviewt, die gesagt haben, dass ihnen das Töten tatsächlich Spaß mache. Das waren keine außergewöhnlichen Monster, sondern einfach nur Menschen. Bevor sie Sicarios wurden, hatten sie kriminelle Karrieren durchlaufen, die verschiedene Vergehen von Raub bis Totschlag umfassen. Letzteres oft durch Selbstverteidigung.

Die werden von den Kartellen rekrutiert und in speziellen Camps zu Profikillern ausgebildet. Viele Sicarios haben mir gesagt, dass es ihnen große Genugtuung gebe, einen Feind zu erledigen. Es erfüllt sie auch mit einer Art beruflichem Stolz, einen Auftrag erfolgreich auszuführen. Außerdem gibt es ihnen ein Gefühl von Macht, das Leben eines anderen zu nehmen. Manche werden süchtig nach diesen Machtgefühlen und töten immer weiter.

Ein Soldat läuft an auf einer Straße an Tatortmarkierungen vorbei

Ein Soldat patrouilliert am Tatort einer Kartellschießerei in Juarez, Mexiko | Foto: Teun Voeten

Wie kommen die an diesen Punkt?
Obwohl die meisten Menschen das Töten anfangs hassen, ist es bemerkenswert einfach, dieses Gefühl zu überwinden. Sie wenden die gleichen Strategien an, die ich überall auf der Welt gesehene habe. Islamistische Terroristen, westafrikanische Kindersoldaten und mexikanische Sicarios gehen mit dem Töten alle gleich um: Sie schaffen eine moralische, emotionale oder politische Distanz zwischen sich und ihren Opfern, indem sie sie entmenschlichen. Diese Distanz kann auch wörtlich erreicht werden, indem man Distanz- oder ferngesteuerte Waffen einsetzt. Viele Auftragsmörder ändern ihren Bewusstseinszustand – sei es unbeabsichtigt durch Gehirnwäsche oder durch Drogen. Manche Auftragskiller werden auch zum Morden gezwungen. Wenn sie sich weigern oder erfolglos sind, werden sie bestraft, bei Erfolg werden sie belohnt. Also töten sie. 

Warum ist der Drogenhandel in Mexiko so unfassbar brutal im Gegensatz zu Europa?
Schwere Korruption hat eine lange Tradition in Mexiko. Das Rechtssystem lässt viel Raum für Straffreiheit, aber ist gerade auch überfordert, was noch mehr Straffreiheit zur Folge hat. Es ist außerdem ein Land mit riesiger ökonomischer Ungleichheit, viel schlimmer als in jedem Land in der EU.

Ein brutales neoliberales System hat dort eine gigantische Unterschicht erschaffen. Diese Menschen haben nichts und bilden für die Kartelle einen unerschöpflichen Pool an Arbeitskräften. In Mexiko gibt es außerdem sehr abgelegene Gegenden, die sich ideal für Verstecke und illegale Aktivitäten eignen. Und dann ist da noch die riesige, durchlässige Grenze zu einem Konsumentenland, den USA, das einen unstillbaren Hunger nach Drogen hat. Dort lassen sich andersherum einfach schwere Waffen beschaffen, die man leicht nach Mexiko schmuggeln kann.

Einige bezeichnen auch die Niederlande als Narco-Staat. Ist das fair?
Ich würde sie als Narco-Staat-Lite bezeichnen. Es ist eine Menge schmutziges Drogengeld in Umlauf und es herrscht eine gewisse Straffreiheit. Die niederländische Drogenindustrie ist riesig und das schmutzige Geld hat viele legale Geschäfte infiltriert. Es gibt Fälle von Korruption. Wir hatten Todesschwadronen mit AK-47s, 2016 gab es eine Enthauptung und 2019 wurde ein Rechtsanwalt erschossen, der einen Kronzeugen im Prozess gegen die organisierte Kriminalität vertreten hatte. Im Sommer 2020 entdeckte die Polizei in einem Drogenlabor einen Schiffscontainer, der zu einer Folterkammer umgebaut war. Heute haben wir hier Meth-Labore, die mexikanische Kartellköche anstellen.

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Vor ein paar Jahren war die Methproduktion in den Niederlanden fast unbekannt. 2016 wurde das erste Meth-Labor entdeckt, vergangenes Jahr waren es 30. Die meisten davon sind MDMA-Labore, die einfach auf Crystal Meth umsteigen können, da sie bereits über das Equipment, die Netzwerke und Infrastrukturen verfügen. Die Behörden nehmen das sehr ernst. Sie befürchten, dass es zu einer großen Eskalation kommt, insbesondere weil bei acht oder neun niederländischen Laboren Meth-Köche von mexikanischen Kartellen entdeckt wurden.

Ein mit Alufolie ausgekleideter Raum mit einem Fesselstuhl

Eine Folterkammer, die in den Niederlanden in einem Schiffscontainer entdeckt wurde | Screenshot von Polizeiaufnahmen

Wie konnte der Drogenhandel in den Niederlanden so mächtig werden?
Leider ist das Cannabis-Geschäft, das in den 60ern und 70ern als Hippie-Ding entstand, zu einer kapitalistischen Industrie geworden, die von raffinierten Gangsterbossen geleitet wird. Die Regierung hat diese Entwicklung ignoriert und lange Zeit gedacht, dass es sich dabei nur um ein gemeinnütziges Hobby von ein paar harmlosen Idealisten handelt. Diese Gras-Bauern sind später auf härtere Drogen umgestiegen. Der Verkauf von Gras war legal, aber der Anbau nicht. Diese tolerante, aber widersprüchliche Einstellung der Niederländer hat rechtliche Schlupflöcher und Umstände geschaffen, in denen das Drogengeschäft florieren und sich diversifizieren konnte. Und das hat es.

Die Niederlande haben eine großartige Infrastruktur und sind ein drogenproduzierendes, -importierendes, -exportierendes, -vertreibendes und -konsumierendes Land. Es gibt eine gigantische Drogenindustrie und die Einnahmen daraus infiltrieren legale niederländische Geschäfte. Ein laxes Steuerklima erleichtert die Geldwäsche. 

Die Gewalt nimmt hier zu. Es gibt eine wachsende Zahl von jungen Menschen, die nichts außer dem Drogenhandel kennen und Gewalt lieben. Die Niederländer sehen sich selbst als die Speerspitze des Liberalismus, des progressiven Denkens, aber sie sind Komplizen im wachsenden Drogenhandel in der EU und darüber hinaus. 

Drei Tupperdosen voller Crystal Meth

Crystal Meth in einem Labor in Mexiko | Foto: TEUN VOETEN

Glaubst du, dass der Meth-Konsum in Europa steigen wird?
In der EU gibt es immer mehr Menschen, die wirtschaftlich entbehrlich und austauschbar sind. In den Armenvierteln, die unsere manikürten und schön herausgeputzten europäischen Innenstädte umringen, gedeiht die Verzweiflung. Gepaart mit dem wachsenden Zynismus unserer Anführer erreicht der Nihilismus eine neue Ebene. Diese Gruppen werden verstärkt zu Drogen greifen, um zu arbeiten und dem Alltag zu entfliehen – das tun sie auch schon. Meth ist die perfekte Droge für unsere aktuelle Zeit. Es ist billiger und hält länger an als Crack. Eine fünf-Euro-Dosis Meth kann für den ganzen Tag reichen. Aus der Perspektive eines Crack-Konsumierenden ist das ein guter Deal.

Im Gegensatz zu den meisten anderen, die über den Drogenkrieg berichten, lehnst du eine Legalisierung ab. Warum willst du den Handel und die Profite nicht aus den Händen der Kartelle nehmen?
Ich glaube nicht, dass noch mehr Prohibition die Antwort ist. Aber ich glaube definitiv auch nicht, dass Legalisierung die Lösung ist. Menschen, die gegen Drogen sind, werden in der Regel als rechtskonservative Arschlöcher gesehen. Ich will ein progressives Antidrogen-Narrativ formulieren. 

Ich habe ein Problem mit der Narkotisierung unserer aktuellen Kultur. Die Verwendung leichter Drogen wie Koka, Bier, Haschisch, Kat und Meerträubelkraut wurde in bestimmten Kulturen schon immer toleriert, die aktuelle Situation ist allerdings komplett außer Kontrolle geraten. Schuld daran haben der freie Markt und der narkotische kapitalistische Geist.

Drogenkonsum war mal ein Statement gegen das konservative Establishment. Jetzt ist der Drogenkonsum zu einer Freizeitaktivität für die breite Masse der Konsumgesellschaft geworden. Drogen schmieren das kapitalistische System. Cannabis beruhigt und sediert rebellische Stimmen. Stimulanzien geben Lohnsklaven die Energie, sich weiter ausbeuten zu lassen. Kokain bläht das Selbstwertgefühl von Menschen auf, die anderweitig vielleicht merken würden, wie unbefriedigend ihr Leben eigentlich ist. MDMA bietet eine Flucht für Menschen, die ihre drogengeschwängerten Wochenenden als Belohnung dafür sehen, sich die ganze Woche für einen Scheißjob zur Arbeit geschleppt zu haben.

Goldene Ohrringe in der Form von Waffen in einem Geschäft

Ohrringe in einem Geschäft in Juarez | Foto: TEUN VOETEN

Angesichts des Reichtums der Kartelle und der großen Armut, die immer noch in Ländern wie Mexiko herrscht: Wie kann die Zivilgesellschaft überhaupt mit Gangstern mithalten und den Perspektiven, die der Drogenhandel den Armen bietet?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Die Auslöschung der Drogenkriminalität ist unmöglich, aber vielleicht ist es möglich, ihre Auswirkungen mit einer Kombination aus präventiven, repressiven und medizinischen Strategien zu reduzieren. 

Wir sollten darüber reden, den Drogenkonsum zu verringern und Ungleichheit zu reduzieren, außerdem müssen wir andere ökonomische und kulturelle Gelegenheiten als Drogen schaffen. Es ist ein schwerer Kampf. Aber Nichtstun und den Drogenhandel weiter grassieren und die Zivilgesellschaft aushöhlen zu lassen, ist einfach keine Option.

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