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Ein Gespräch mit dem Mann, der Pablo Escobar töten sollte

1989 leitete der britische Ex-Elitesoldat Peter McAleese eine Mission mit nur einem Ziel: Der berüchtigtste Drogenbaron der Welt musste sterben.
31.3.21
Der schnauzbärtige Söldner Peter McAleese sollte Ende der 80er Jahre den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar umbringen, wir haben mit ihm gesprochen
Der Söldner Peter McAleese | Alle Bilder: bereitgestellt von Two Rivers Media

Wenn du die erste Staffel der Netflix-Serie Narcos gesehen hast, dann weißt du, wie Pablo Escobar gestorben ist: Der berüchtigte Drogenbaron war auf der Flucht, die Behörden kamen ihm immer näher und erschossen ihn schließlich auf den Dächern von Medellín. Was weniger bekannt ist und in der Serie auch nicht weiter erwähnt wird: Schon Jahre zuvor hatte Escobars Konkurrenz, das Cali-Kartell, eine britische Söldnertruppe angestellt, die den Drogenboss umbringen sollte. 

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1989 wurde der britische Ex-Elitesoldat Peter McAleese damit beauftragt, die Mission zu leiten. Er und sein zwölfköpfiges Team bereiteten sich zuerst elf Wochen lang im kolumbianischen Dschungel auf ihr Ziel vor: Escobars berüchtigtes Anwesen, die Hacienda Nápoles. Obwohl der damalige Premierminister John Major in einem TV-Interview den Aufenthaltsort der Söldner leakte, wurde das Attentat wie geplant durchgeführt. Wegen eines Helikopter-Crashs ging es aber nicht so aus wie erhofft. 

Wir haben mit McAleese über den Auftrag und die neue Dokumentation Killing Escobar geredet.

VICE: Hast du gezögert, als man dich darum bat, Pablo Escobar zu töten?
Peter McAleese:
Keine Sekunde. Die Herausforderung reizte mich sehr. Ich freute mich sogar, als ich herausfand, um wen es ging. Das Ziel ist ja, dass jede Mission eine größere Herausforderung ist als die davor. Und Pablos Ruf eilte ihm voraus. Wir waren es gewohnt, uns nicht allzu lange auf eine Mission vorbereiten zu können. Also nahmen wir die Herausforderung an.

Viele der Jungs kannte ich noch aus meiner Zeit beim Militär, wir wussten also, wie wir zusammenarbeiten müssen. Wir wussten aber auch: Wenn Pablo uns erwischt, sind wir richtig am Arsch. 

Hättest du damals jeden Auftragsmord angenommen, wenn das Geld stimmte? Oder warst du hier speziell auf Pablo Escobar aus?
Natürlich müssen wir für unsere Arbeit auch richtig entlohnt werden. Aber Geld ist nicht die einzige Motivation, es geht auch um die Herausforderung und das Abenteuer. Mal ehrlich: Wie viele Leute können von sich behaupten, den Auftrag bekommen zu haben, Pablo Escobar zu töten?

Was war dein erster Eindruck vom Cali-Kartell? Waren das vertrauenswürdige Leute?
In Kolumbien herrschte damals totales Chaos, deswegen fiel mir direkt auf, wie professionell sie auftraten. Ich wusste aber auch, dass ihre Strategie war, den Konflikt zwischen den Drogen-Gangs weiter zu schüren – auch wenn sie das nie offen zugaben. Ich vertraute ihnen, soweit es die Situation zuließ. Aber wenn wir frustriert waren oder etwas brauchten, konnten wir ihnen eine Nachricht zukommen lassen, und sie halfen uns schnell weiter.

Der kolumbianische Drogenboss Pablo Escobar

Pablo Escobar

Welche Eigenschaften qualifizierten dich dazu, das Team und die Mission anzuführen?
Mein Bekannter Dave Tomkins war derjenige, der den Deal mit dem Cali-Kartell einfädelte. Er bat mich, die Führung zu übernehmen, weil er wusste, dass ich den passenden Hintergrund, die passenden Fähigkeiten und die passende Ausbildung hatte. Ihm war klar, dass ich ein gutes Team zusammenstellen würde, das zu 100 Prozent hinter mir steht.

Als die Presse erfuhr, dass du dich in Kolumbien aufhältst, was ist dir da durch den Kopf gegangen? Hast du jemals ans Aufgeben gedacht?
Nein. Dafür waren wir schon zu tief drin, alles war ja schon im Gange. Ich hatte mich der Mission voll verschieben. Außerdem wollte ich nicht, dass man mir einen Stempel aufdrückt. Bei solchen Aufträgen ist auch immer eine gehörige Portion Stolz im Spiel.

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Wie hast du dich gefühlt, als ihr am Tag des Attentats das finale Go bekommen habt?
Ich weiß noch, wie ich aufgewacht bin und gedacht habe: "Endlich ist der Tag gekommen, dafür sind wir hier." Wir waren total motiviert, unseren Auftrag zu Ende zu bringen. Das war ein aufregender Moment, für den wir elf Wochen lang trainiert hatten. Ich war mir auch sicher, dass wir erfolgreich sein würden. Etwas anderes kam für mich gar nicht in Frage.

Mehrere Söldner in Tarn-Outfits trainieren im kolumbianischen Dschungel für ihre Mission: den Drogenboss Pablo Escobar umbringen

Peters Team beim Training im kolumbianischen Dschungel

Was wäre deine genaue Aufgabe bei der Durchführung des Attentats gewesen?
Ich war der Befehlshaber. Ich leitete das Training und beobachtete, wie die Jungs zusammenarbeiten. Das Attentat selbst hätte ich choreografiert. Ich saß oben im Helikopter und beobachtete meine Jungs, die durch eine gelbe Markierung auf ihren Mützen gut zu sehen waren. Ich erteilte ihnen Befehle und führte sie durch die Mission. Und wenn ich gesehen hätte, dass sie in Schwierigkeiten geraten, hätte ich von oben das Feuer eröffnet.

Wenn alles nach Plan verlaufen wäre: Mit vielen Toten in deinem Team hättest du gerechnet?
Mit keinem. So etwas ist nie eingeplant. Alle arbeiteten zu zweit, damit sie sich gegenseitig absichern konnten. Unser Plan war es, zentrale Ziele zu treffen und dabei keine Frauen und Kinder in Mitleidenschaft zu ziehen. Wir waren nur auf die Verbrecher aus. Man hat mich oft gefragt, wie ein so kleines Team eine solche Aufgabe schaffen sollte, aber solange man die richtigen Mittel und die richtigen Leute hat, kriegt man alles hin. 

In der Dokumentation sagt einer von Escobars Handlangern, dass er mit Freude für seinen Boss gestorben wäre. Hat dich eine solche Einstellung an den Erfolgschancen der Mission zweifeln lassen?
Absolut nicht. So etwas ist schnell gesagt. Dann auch dazu zu stehen, ist etwas ganz anderes. Pablo hat aber viel für die Gegend getan, er war dort wirklich beliebt. Und trotzdem brachte er weiter seine Konkurrenten um. Respekt und Angst waren eben sehr wichtig. Wenn ich nach meiner Rückkehr nach Großbritannien allerdings die Chance gehabt hätte, die Mission erneut  durchzuführen, wäre ich sofort zurück nach Kolumbien geflogen.

Mehrere Söldner besteigen einen Helikopter, der sie zum Anwesen des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar bringen soll

Der Helikopter, der auf dem Weg zur Mission abstürzte

Dein Helikopter ist dann auf dem Weg zur Hacienda Nápoles abgestürzt, die Mission musste also abgebrochen werden. Was ging dir in diesem Moment durch den Kopf?
Kopfüber durch den Dschungel zu fliegen, war schon aufregend. Aber nachdem wir auf dem Boden aufgeschlagen waren, ging es nur noch ums Überleben. Zum Glück hatte ich früher während meiner Armee-Einsätze mehrere Überlebenstrainings absolviert, dieses Wissen war echt Gold wert. Ich wusste, wie wichtig es war, so lange im Helikopter zu bleiben, bis sich die Rotorblätter nicht mehr bewegen. Sonst kann es sein, dass sie deinen Kopf abschneiden.

Leider bohrte sich dann ein Rotorblatt in die Kabine und tötete den Piloten. Weil ich keine Uhr dabei hatte, musste ich mich am Sonnenlicht orientieren, um abzuschätzen, wie lange ich im Dschungel lag. Ich musste viele Dinge bedenken, zum Beispiel wie ich nachts nicht unterkühle, wie ich den Hunger aushalte und wie lange ich durchhalten muss, bis man mich rettet.

Bist du rückblickend froh darüber, dass der Helikopter abgestürzt ist?
Nein. Ich hätte den Auftrag gerne erledigt. Der Absturz hat mich jedoch zum Nachdenken gebracht. Wenn du so mit dem Tod konfrontiert wirst, dann siehst du dein Leben und deine Beziehungen in einem anderen Licht.

Ich dachte darüber nach, wie ich ein besserer Vater und Ehemann hätte sein können. Ich gab mir als Vater zwar richtig Mühe, war aber auch sehr aggressiv. All das schoss mir durch den Kopf, als die Möglichkeit bestand, dass ich sterbe.

Der schnäuzbärtige Söldner Peter McAleese in Kampfmontur und mit Gewehr

Peter McAleese in den 80er Jahren

In der Doku heißt es, dass Escobars Männer nach dem fehlgeschlagenen Attentatsversuch losgeschickt wurden, um alle auswärtigen Menschen in der Gegend zu töten. Hast du deswegen Schuldgefühle?
Pablos Leute waren dazu auf jeden Fall in der Lage. Natürlich willst du nie, dass unschuldige Menschen sterben. Aber Escobar hätte diese Leute auch aus irgendwelchen anderen nichtigen Gründen sofort umbringen lassen. So war es einfach. Er hat den Auftrag gegeben und diese Leute damit getötet, nicht ich.

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