Laras Zimmer in der Psychiatrie mit gelben Vorhängen
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Menschen

Wie mir die Psychiatrie das Leben gerettet hat

"Ich höre Musik und will ständig neue Klamotten. Ich schneide mich selbst und weine jeden Morgen. Alles ganz normal."
27 März 2020, 4:15am

Achtung, dieser Text enthält Details über selbstverletzendes Verhalten. Bitte beachte, dass er dich triggern könnte, wenn du selbst betroffen bist oder warst.

Du leidest an Depressionen, hast Suizidgedanken oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe.

Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist: 143. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind weitere Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Schweiz aufgeführt.

Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist: 142. Auch hier gibt es einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden in Österreich bei Organisationen wie SUPRA Hilfe.

2009

"Wir fahren in die Psychiatrie", sagt meine Pflegemutter. Ich verharre im Türrahmen und starre sie verständnislos an. Ich habe noch meine Jacke an, ich bin gerade von der Schule nach Hause gekommen.

"Was?", frage ich.

"Ich habe dein Tagebuch gelesen. Du brauchst Hilfe."

Ich bin 15 und eigentlich ist alles ganz normal. Ich gehe jeden Tag zur Schule, die ich hasse. Ich treffe manchmal Freunde. Ich höre Musik und will ständig neue Klamotten. Ich schneide mich jeden Tag selbst und weine jeden Morgen beim Aufwachen. Manchmal, wenn ich alles nicht mehr ertrage, stehle ich mich in den Keller und genehmige mir heimlich einen Schluck Schnaps, oder auch ein paar mehr. Ich schreibe davon in meinem Tagebuch. In meinem Tagebuch plane ich auch seit Wochen meinen Suizid. Meine Freunde wissen nichts, meine Pflegeeltern auch nicht. Alles ganz normal.

Bis jetzt.


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"Ich rufe uns ein Taxi", sagt meine Pflegemutter. Ich sage nichts. Ich denke an mein Tagebuch, den einzigen Ort, der nur für mich gewesen ist. Mir ist schlecht. Mein Herz rast.

Es dämmert schon, als wir wieder zu Hause ankommen. Die Schwiegertochter meiner Pflegeeltern fängt mich direkt aus dem Taxi ab und wirft eine Jacke über meinen Kopf, als wäre ich etwas Anstößiges, das um jeden Preis vor den Nachbarn verborgen werden muss. Sie legt mir ihren Arm fest um die Schultern und bugsiert mich so über die Straße ins Haus.

Das Notfallgespräch mit dem Psychiater in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorhin fühlte sich an, als wäre es nicht mir passiert. Der Rundgang danach auf der offenen Therapiestation für Jugendliche kommt mir vor wie ein bizarrer Traum. Ich stehe auf der Warteliste. Für die Psychiatrie. Ich komme in die fucking Psychiatrie, denke ich immer wieder. Und dann: Jetzt muss ich es allen sagen.

Ich erzähle es meinen Freundinnen an einem verregneten Samstagnachmittag in der Innenstadt. Wir stehen vor den Umkleiden im New Yorker und weinen. Sie sind hilflos und überfordert, aber sie umarmen mich und versprechen, mich zu besuchen.

Drei Wochen später kommt der Anruf. Montag soll es losgehen. Drei Wochen, in denen ich mit allem weiter gemacht habe wie zuvor: Schule, Musik hören, mich selbst schneiden. Nur eines tue ich nicht mehr: in mein Tagebuch schreiben.

Montag also. Die wichtigsten meiner Freunde und Freundinnen wissen Bescheid. Es ist Wochenende, wir trinken, und als ich mich übergeben muss, waschen mir zwei Freundinnen das Erbrochene in der Dusche aus den Haaren. Einem Freund gestehe ich betrunken und unter Tränen, dass ich verrückt bin und in die Klapse komme. Er sagt mitfühlend: "Quatsch, Lara, du bist nicht verrückt, du musst nicht in die Klapse." "Doch, ich bin schon angemeldet", nuschele ich. Meine Zunge ist schwer vom Alkohol und der Geschmack von Kotze brennt sauer in meinem Rachen. Er sagt nichts mehr. Die Nacht über hält er meine Hand und weicht mir nicht von der Seite.

Etwas haben wir alle gemeinsam: Wir alle sind beschissen traurig. Wir alle suchen Zuflucht.

Dann ist der Montag da. Die Jugendstation besteht aus zwei Gängen, die wie in einem L aufeinander treffen. Es gibt mehrere Mehrbettzimmer, eine große Küche, ein Esszimmer mit einem Klavier und ein Gemeinschaftszimmer mit Sofas und einem Fernseher. Außerdem einige Badezimmer, ein paar Behandlungszimmer und einen Glaskasten, in dem das Pflegepersonal sitzt.

Und mittendrin ich. Ich bin allein – und bin es, wie ich im Laufe der nächsten sechs Monate lerne, doch nicht wirklich.

Die anderen Jugendlichen sind zwischen 13 und 18 Jahren alt. Viele verletzen sich selbst, einige sind essgestört, andere leiden unter Zwangs- oder Angststörungen oder sind psychotisch. Etwas haben wir alle gemeinsam: Wir alle sind beschissen traurig. Wir alle suchen Zuflucht.

Stellt man sich hier einander vor, läuft das anders als im echten Leben. Es geht nicht darum, in welcher Klasse ich bin oder was für Noten und Freunde ich habe.

Hier werde ich gefragt, warum ich hier bin und wie es mir damit geht. Der Teil meiner Persönlichkeit, den ich seit Jahren aus Scham verschweige, gehört hier zu den ersten Dingen, die zählen.

Eine Mitpatientin, Hannah, erklärt mir ein bisschen, wie es hier läuft. Es gibt ein Heft, in das man seinen Ausgang eintragen muss, wenn man die Klinik verlassen will, um Freunde zu treffen oder einkaufen zu gehen.

Am Schwarzen Brett hängt eine Liste aus, in der man Mittagessen für die Woche vorbestellen kann. "Frühstück ist immer um 7:30, Mittagessen um 12:30 und Abendessen um 17.30", sagt Hannah, "es sind immer andere dran mit Küchendienst." Ich nicke etwas überfordert.

Abends bin ich allein auf meinem Zimmer. Auf dem Flur geht eine Patientin auf und ab und weint dabei laut und klagend. Ich weine auch, telefoniere mit einem Freund. "Ich habe Angst", wimmere ich und weiß gar nicht so genau, wovor.

Es dauert eine Weile, bis ich erkenne: Ich habe Angst vor mir selbst. Hier zu sein, bringt das Schwarze Loch in mir zum Bersten. Es dehnt sich aus, verschluckt mich. Spuckt mich aus, verschluckt mich von Neuem und spuckt mich dann wieder aus. So geht das die ganze Zeit.

Mit meinem Therapeuten spreche ich über Sachen, die ich vorher noch keinem anvertraut habe.

Dass das OK ist und sein darf, lerne ich erst hier. Ich begreife, dass es meistens erstmal schlimmer wird, wenn man dem Leid Raum zugesteht und man es nicht mehr wegdrücken kann. Dass es trotzdem, irgendwann, ganz langsam besser wird.

Ich habe viel Therapie: Einzel-, Musik- und verschiedene Gruppentherapien. Wir tauschen uns über unsere Therapieziele aus, darüber, wie wir das hier Erlernte im Alltag anwenden können – und darüber, welches Zimmer gut, welcher Brotaufstrich und welches Mittagessen scheiße ist und was wir abends gemeinsam im Fernsehen schauen möchten. Dienstags gehen wir ins Fitnessstudio um die Ecke, im Sommer gehen wir rudern. An den Wochenenden fahre ich nach Hause oder zu Freunden und übernachte dort.

Mit meinem Therapeuten spreche ich über Sachen, die ich vorher noch keinem anvertraut habe. Durch ihn verstehe ich, dass ich wütend darüber sein darf, was mir passiert ist. Dass, obwohl meine Eltern keine Wahl hatten und in meinem Interesse gehandelt haben, es trotzdem ein Trauma war, dass sie mich zu Pflegeeltern geben mussten, als ich ein Baby war. Ich verstehe endlich, dass dieses Trauma mein ganzes Leben bis hierher beeinflusst hat.

Mit jeder Woche wird die Psychiatrie für mich mehr und und mehr zu einem Ort der Akzeptanz und der Sicherheit. Einem Ort, an dem der Schmerz und das Schreckliche, das ich erlebt habe, eine Berechtigung haben. Hier bin ich kein Freak. Hier gehöre ich zum ersten Mal dazu. Es gibt hier Menschen, die sind wie ich, Menschen, die mich verstehen und die ich verstehe und die mich sogar für all das schätzen, was ich immer an mir gehasst habe.

Einer dieser Menschen ist Lynn. Lynn ist so alt wie ich und leidet an einer Zwangserkrankung.

Wir freunden uns an. Lynn bringt mich zum Lachen. Jeden Morgen schmeißt sie mich aus dem Bett, indem sie sich mit der Wucht einer kleinen Kanonenkugel auf mich wirft. Ich hasse es, aber irgendwie liebe ich es auch. Wir teilen unsere Klamotten, unsere Gedanken, unsere Ängste und irgendwann auch diverse Insider-Witze.

Wochentags gehen wir für wenige Stunden in die Klinikschule gegenüber. Der Weg ist nicht lang, etwa eine Minute zu Fuß über die Straße. Lynn kostet es wegen ihrer Zwänge ungeheure Überwindung, über diese Straße zu gehen, manchmal schafft sie es gar nicht und muss umkehren. Eines Tages stehen wir wieder am Straßenrand und Lynn kann nicht mehr weiter, da kommt mir eine Idee. "Was, wenn du einfach die Augen schließt, meine Hand nimmst und ich führe dich?", schlage ich vor. Und während Lynn ihre Augen fest geschlossen hält, nehme ich ihre Hand in meine und gemeinsam kommen wir kurz darauf wohlbehalten auf der anderen Straßenseite an. Seit diesem Tag ist Lynn meine beste Freundin.

Nach einem halben Jahr voller Tränen, Blut, neuer Menschen und neuer Erfahrungen werde ich entlassen. Ich gehe nicht zu meinen Pflegeeltern zurück. Die neue Distanz zwischen uns scheint uns und unserem Verhältnis gut zu tun. Wir versuchen, uns langsam wieder anzunähern, ich besuche sie regelmäßig.

Mein neues Zuhause wird eine betreute Wohngruppe für Jugendliche mit psychischer Erkrankung. Jugendliche wie mich. Denn ich bin psychisch nicht gesund, das weiß ich inzwischen.

Und das ist nicht meine Schuld. Nichts von allem, was passiert ist, ist meine Schuld.

2020

Die Notaufnahme leuchtet mir in der Dunkelheit grell entgegen. Ich atme tief durch. Einmal, zweimal, dreimal. Schon lange weiß ich, was zu tun ist, doch erst jetzt traue ich mich, es zu tun. Das Leben-wollen ist wieder zu leise geworden in letzter Zeit, das Nicht-mehr-können, das Nicht-mehr-wollen viel zu laut. Mit einem Mal komme ich mir albern vor mit meiner gepackten Tasche. Alles in mir sträubt sich, aber ich kann nicht zurück. Ich kann nicht zurück nach Hause, ich kann nicht mehr allein sein mit mir. Scheiße, ich habe Angst. OK, denke ich, OK, Lara, du schaffst das, du musst. Du musst das jetzt machen.

Dann gehe ich hinein.

"Ich bin in einer psychischen Krise und muss bitte mit jemandem sprechen", sage ich. Die Frau hinter der Glasscheibe nimmt meine Daten auf, ich bekomme ein weißes Bändchen ums Handgelenk und soll im Wartezimmer Platz nehmen. Ich setze mich also, wische sinnlos durch die Apps auf meinem Handy und warte.

Existieren tut weh.

Der Psychiater, der mich aufruft, ist jung. Er bringt mich in ein karges Behandlungszimmer und stellt mir Fragen. Ich leiere alles runter, mechanisch. Die Panik, die Suizidgedanken, die Leere, die Sinnlosigkeit. Das Schwarze Loch.

"Ich halte das nicht mehr aus", sage ich schließlich, "ich will bitte hier bleiben."

Kurz vor Mitternacht werde ich auf Station in die Psychiatrie gebracht.

Die nächsten Tage sind ein Schleier aus Netflix, Kaffee und Zigaretten. Eigentlich wie zu Hause. Nur, dass ich nicht zu Hause bin, sondern hier. Und dass das irgendwie besser ist. Obwohl ich nur wenig Kontakt zum medizinischen Personal habe, habe ich das Gefühl, dass auf mich aufgepasst wird.

Mein Aufenthalt ist für 14 Tage angedacht, das ist hier der gängige Zeitrahmen für Kriseninterventionen. So heißt das nämlich, wenn man in einer akuten Krise in die Psychiatrie kommt. Die Zeit dehnt sich wie Kaugummi, Alltag ist nur noch ein weit entferntes Konstrukt. Erst ist das beruhigend, doch dann kehrt die Panik zurück. Was soll ich tun, wenn die 14 Tage vorbei sind? Wenn das Leben wieder höhere Anforderungen an mich stellt, als zur Abend- und Morgenrunde zu erscheinen und zu erzählen, wie es mir geht? Ich liege stundenlang, tagelang wie gelähmt im Bett und starre an die Decke. Existieren tut weh. Ich bin unfähig, mir etwas anzutun, auch wenn ich an nichts anderes mehr denken kann. Ich bin unfähig, überhaupt irgendetwas zu tun.

Und dann, plötzlich, ist der Tag der Entlassung da. Einfach so. Und ich packe meine Sachen und ich gehe zum Abschlussgespräch und ich verlasse die Station, ich gehe aus der Tür und auf die Straße in den Regen, und dann bin ich zu Hause. Einfach so.

Das Leben geht weiter und ich mit ihm. Es wird nicht leichter. Aber ich werde besser.

*

Zwischen damals, als meine Pflegemutter mir das Leben gerettet hat, indem sie mich in die Psychiatrie brachte, und dem Tag, an dem ich das allein geschafft habe, liegen elf Jahre und verschiedenste Aufenthalte in Psychiatrien. Aufenthalte, in denen ich nicht nur gelernt habe, mit mir selbst klarzukommen, sondern mit dem Leben an sich. In denen ich Freunde fürs Leben kennengelernt habe, vor allem aber mich selbst.

Es gibt einen sicheren Ort für jeden von uns und der liegt meistens in uns selbst. Aber um dorthin zu finden, brauchen wir alle Hilfe und die darf für jeden anders aussehen. Für einige heißt diese Hilfe manchmal Psychiatrie.

Egal, wie tief, unergründlich und unbezwingbar das Schwarze Loch in dir scheint, egal, wie oft und wie lang es dich verschluckt, irgendwann wird es dich wieder ausspucken.

Eine Psychiatrie kann vieles sein. Mit Sicherheit jedoch ist sie keine mysteriöse Blackbox, deren Zugang nur bestimmten Menschen vorbehalten ist. Du brauchst kein offiziell bescheinigtes psychisches Problem als Gütesiegel, damit es OK ist, diese Art der Hilfe in Anspruch zu nehmen, auch wenn viele Medien uns ein anderes Gefühl vermittelt haben.

Du musst nicht erst abwarten, bis es "schlimm genug" ist. Du musst nicht immer zuerst an die anderen und dann erst an dich selbst denken.

Egal, wie tief, unergründlich und unbezwingbar das Schwarze Loch in dir scheint, egal, wie oft und wie lang es dich verschluckt, irgendwann wird es dich wieder ausspucken. Und du wirst wieder atmen können. Weil nichts ewig währt, und das ist genauso beschissen und wunderbar erleichternd, wie es klingt.

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Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe.

Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist: 143. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind weitere Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Schweiz aufgeführt.

Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist: 142. Auch hier gibt es einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden in Österreich bei Organisationen wie SUPRA Hilfe.