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Terroristen lieben diese Casio-Uhr

Die F-91W ist bei DJs und Künstlerinnen genauso beliebt wie bei Soldaten und Terroristen. Das hat gute Gründe.
03 Februar 2020, 4:30am
Eine blaue Casio F-91W an einem Handgelenk
Das ist die Casio F-91W | Foto: VICE UK

Fast jeder kennt sie, fast jeder trägt sie. Wahrscheinlich auch du: die F-91W des japanischen Uhrenherstellers Casio. Sie glänzte am Handgelenk von Barack Obama, bevor er Präsident der USA wurde. Und sie war das einzige Markenprodukt, mit dem sich Osama bin Laden jemals in der Öffentlichkeit gezeigt hat. Die Uhr ist heute, 30 Jahre nach der Markteinführung, immer noch so beliebt, dass Casio jährlich drei Millionen Stück davon produziert.

In den 80er Jahren mussten neu angestellte Casio-Mitarbeiter ein zehntägiges Militärtraining durchlaufen, bevor sie ihren Job antreten durften. Diese Erfahrung hat Ryusuke Moriai wahrscheinlich dazu inspiriert, die F-91W zu designen. Er selbst beschrieb seine Kreation als "klein, flach und einfach". Er wusste nicht, dass er die perfekte Gefechtsuhr erschaffen hatte.

Casio behauptet, die F-91W nicht als "cool oder trendy" zu vermarkten, sondern als "zuverlässig und preiswert". Aber ganz egal, was nun stimmt, die F-Modelle von Casio – die einst als "tragbare Wunder" angepriesen wurden – sind vor allem bei alternativen und rebellischen Menschen beliebt: Man findet sie an den Handgelenken von DJs und Künstlerinnen, aber auch bei Mitgliedern der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung in Mexiko und Kämpfer des Islamischen Staats tragen sie.

Eine Metall-Variante der F-91W am Handgelenk des französischen Dschihadisten Abu Maryam Al-Faransi Chassin. Der Screenshot stammt aus einem Propagandavideo des IS vom November 2015

Dass die F-91W so erfolgreich ist, lässt sich leicht erklären: Die Uhr ist quasi überall verfügbar und dazu sehr günstig (in Europa kostet sie rund 10 Euro, im Nahen Osten umgerechnet sogar nur 2,50 Euro). Inzwischen hängt ihr aber auch ein zweifelhafter Ruf an, denn sie hat sich zu einem beliebten Accessoire in al-Qaida-Kreisen entwickelt. Die Terror-Organisation hat die Uhr sogar in Trainingscamps in Pakistan und Afghanistan verteilt.

Militante Dschihadisten stehen so sehr auf die F-91W in all ihren Variationen, weil sie so unverwüstlich ist. Egal ob du mit einem Auto drüberfährst, mit einem Hammer darauf einschlägst oder sie in kochend heißes oder eiskaltes Wasser schmeißt, die F-91W geht nicht kaputt. Terror-Organisationen setzen im Allgemeinen auf verlässliche Produkte – und genauso wie Kalaschnikow-Maschinengewehre oder Toyota-Trucks ist die Casio-Uhr robust und günstig. Außerdem kann sie als wichtiger Bestandteil von Bomben dienen.

Vor allem bei der Zündung von selbst zusammengebastelten Sprengsätzen spielt die F-91W eine Rolle, weil der Alarm über 24 Stunden vor der Detonation programmiert werden kann, wie NPR 2011 berichtete. Das US-Verteidigungsministerium listet die Uhr als eine der Zündvorrichtungen, die al-Qaida am liebsten verwendet. Ahmed Ressam, auch als "Millennium Bomber" bekannt, wollte 1999 an Silvester den Flughafen von Los Angeles in die Luft sprengen. Er kam nicht dazu. Als er verhaftet wurde, fanden die Behörden bei ihm vier Bomben – alle ausgestattet mit einer F-91W.

Auch der al-Qaida-Terrorist Ramzi Yousef, der von einem ehemaligen US-Experten für Terrorismusbekämpfung als "genialer" Bombenbauer bezeichnet wurde, war bekannt dafür, auf die F-91W zu setzen. Die Uhr war so geläufig, dass Yousef es einmal sogar schaffte, damit ganz unauffällig eine Bombe in einer Flugzeugtoilette zusammenzubauen. Tariq al-Harzi, ein weiteres ehemaliges hochrangiges al-Qaida-Mitglied, soll mehreren angehenden Terroristen beigebracht haben, ähnliche Zündungssysteme zu erschaffen. Später gehörte er auch zur Führungsriege des Islamischen Staats.

Ein Mitglied der Demokratischen Kräfte Syriens, die gegen den Islamischen Staat kämpfen, trägt eine Metallversion der F-91W | Screenshot: VICE News Tonight

Dem US-Geheimdienst fiel schnell auf, wie häufig die F-91W an den Handgelenken islamistischer Kämpfer zu finden ist. Geheime Akten über das Guantanamo-Gefangenenlager bei Wikileaks besagen, dass die pakistanischen Behörden in zwei verdächtigen Werkstätten in der Stadt Karatschi 600 bis 700 Casio-Uhren fanden. Allein der Besitz einer F-91W Grund könnte demnach Grund für ein Verhör sein. Eine Analyse bestätigt, dass rund ein Drittel der Insassen von Guantanamo, die bei ihrer Festnahme die Uhr trugen, etwas mit Bomben zu tun hatten.

Es gibt aber ein Problem: Die F-91W ist viel zu beliebt, um alle Trägerinnen und Träger direkt eines Verbrechens verdächtigen zu können. Ein mutmaßliches al-Qaida-Mitglied wies während seiner Verhaftung durch das US-Militär darauf hin: "Eure eigenen Soldaten tragen diese Uhr doch auch. Haltet ihr sie deswegen ebenfalls für Terroristen?"

Abseits der Terroristenwelt ist die F-91W tatsächlich in vielen Armeen zu finden – beim Militär von Singapur, bei der US Air Force, bei der British Army und bei der Royal Air Force. Weil sie so schlicht ist, stehen auch Modder, also Hobbybastler, die Gegenstände aufmotzen, auf die Uhr. Sie spritzen zum Beispiel Mineralöl in deren Gehäuse, um sie noch wasserfester zu machen. Eine mit Olivenöl gepimpte Version soll so drei Tage lang in einem Wassertank überlebt haben, in dem eine Tiefe von 1.000 Metern simuliert wurde.

Heute, also 30 Jahre nachdem er die F-91W designte, leitet Ryusuke Moriai die Uhrengestaltung bei Casio G-Shock. Dort sind die Modelle massiver, breiter und schwerer. Die F-91W wirkt im Vergleich fast schon harmlos.

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