Drogen

Das passiert, wenn du 550 Dosen LSD auf einmal nimmst

Was wie der absolute Horror klingt, hat das Leben einer jungen Frau positiv verändert.
3.4.20
Eine Frau in psychedelischen Farben sitzt mit angezogenen Beinen auf einem Bett
Foto: Hayden Williams/Stocksy

Es geschah am 20. Juni 2000 irgendwo in Kanada. Bei einer Sonnenwendfeier tranken rund 20 Menschen ein Glas Wasser, in das sie LSD getan hatten. Ein Abmessungsfehler führte dazu, dass sie zehnmal mehr von der psychedelischen Droge einnahmen, als sie geplant hatten. In den darauffolgenden zwölf Stunden machten sie eine der intensivsten Erfahrungen ihres Lebens durch – eine, die manche von ihnen für immer verändern sollte.

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LSD ist potenter als die meisten anderen Drogen. Substanzen wie MDMA, Speed oder Kokain wirken in Dosen im Milligramm-Bereich, von LSD braucht es nur Mikrogramm, das Millionstel eines Gramms. Eine durchschnittliche LSD-Dosis liegt bei etwa 100 Mikrogramm.


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Ein Trip kann zwölf Stunden oder länger anhalten. Der Herzschlag erhöht sich, Farben und Geräusche intensivieren sich und das Zeitempfinden ändert sich. Weil LSD als Molekül Serotonin imitiert, dockt es an die Serotonin-Rezeptoren an und kann dort für Stunden bleiben. Deswegen sind auch niedrige Konzentrationen der Droge so potent.

Immer wieder erleben Menschen schlechte Trips. Oft weil sie die Wirkung der Droge unterschätzen oder weil Set und Setting nicht stimmen. Aber was passiert mit einer Person, die extreme Mengen LSD nimmt? Dieser Frage sind die Forschenden Mark Haden und Brigitta Woods in ihrer neuen Studie nachgegangen, die diesen Februar im Journal of Studies on Alcohol and Drugs erschienen ist. Mark Haden ist Dozent an der University of British Columbia und Direktor von MAPS Canada. Die Organisation macht sich für die Erforschung und den therapeutischen Einsatz psychedelischer Drogen stark.

1.100 Mikrogramm LSD heilten eine bipolare Störung

Einer der Fälle, die in der Studie behandelt werden, ist der eines 15-jährigen Mädchens mit einer manisch-depressiven Störung. Sie war eine der 20 Personen, die auf der Sommersonnenwendfeier in Kanada versehentlich eine Überdosis LSD nahmen. Das Mädchen verabreichte sich 1.100 Mikrogramm. Anschließend lag sie in Fötushaltung zusammengekauert auf dem Boden und umklammerte ihre Arme. Da sie nicht ansprechbar war, riefen ihre Freunde einen Krankenwagen.

Als ihr Vater sie am nächsten Morgen im Krankenhaus besuchte, sagte die 15-Jährige: "Es ist vorbei." Er dachte, sie würde den LSD-Trip meinen. Aber nein. Sie hatte das Gefühl, dass ihre manisch-depressive Störung weg sei. Bis dahin hatte sie täglich unter manischen Schüben gelitten. Eine Woche später waren die Symptome immer noch nicht zurück. Die Ärzte beobachteten ihre Entwicklung über ein Jahr, ohne einen Rückfall festzustellen. Auch fast zwei Jahrzehnte später hat sie immer noch keine depressiven oder manischen Phasen durchlebt, abgesehen von einer Wochenbettdepression. Die heute erwachsene Frau vermutet, dass die Überdosis ihrer Hirnchemie eine Art "Neustart" verpasst habe.

Haden sagt, er habe den Fall nicht nur spannend gefunden, weil die Symptome der damals 15-Jährigen verschwanden, er sei auch überrascht, dass eine derartig hohe Dosis am Ende eine positive Erfahrung sein konnte. In der Studie wird auch die Geschichte einer weiteren Frau dokumentiert, die bei der verhängnisvollen Feier dabei war. Die zu diesem Zeitpunkt 26-Jährige trank zwar nur ein halbes Glas, nahm also etwa 500 Mikrogramm LSD zu sich, was die Frau allerdings nicht wusste: Sie war in der zweiten Woche schwanger. Nichtsdestotrotz verlief die Schwangerschaft ohne Komplikationen und ihr Sohn, inzwischen 18 Jahre alt, ist bei bester Gesundheit.

55 Milligramm auf einmal – genug, um eine Schule high zu kriegen

Der bemerkenswerteste Fall in der Studie ist allerdings der einer 46-jährigen Frau, die Forscher Haden "CB" nennt. CB litt unter chronischen Schmerzen, verursacht durch die Lyme-Krankheit, eine Borreliose. 2015 zog die Frau eine Line weißes Pulver, das sie für Kokain hielt. 15 Minuten später merkte sie, dass etwas nicht stimmte, und rief ihren Mitbewohner. Wie sich herausstellte hatte sie einen Teil seines LSD-Vorrats inhaliert.

Obwohl LSD meistens in Form von sogenannten Pappen daherkommt, also kleinen Löschpapierstücken, die mit flüssigem LSD getränkt sind, gibt es die Droge auch als hochpotentes Pulver. In dieser Form ist die Substanz leicht mit anderen Drogen zu verwechseln.

CBs Mitbewohner wog das übriggebliebene Pulver ab und schätzte daraufhin, dass sie 55 Milligramm LSD zu sich genommen hatte, das 550-fache einer regulären Dosis. Die Menge hätte gereicht, um eine ganze Schule high zu kriegen. CBs Trip sollte 34 Stunden dauern.

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Die ersten zwölf Stunden waren die Hölle. Immer wieder wurde CB ohnmächtig und musste sich übergeben. Ihr Mitbewohner kümmerte sich um sie. Die zwölf Stunden danach habe sich CB "angenehm high" gefühlt, die meiste Zeit in einem Stuhl gesessen und "am Mund geschäumt, zwischendurch zufällige Wörter lautiert und sich regelmäßig übergeben", heißt es in Hadens und Woods' Studie.

Als die Wirkung zehn weitere Stunden später endlich abgeklungen war, fühlte sich CB wieder normal. Ihre chronischen Schmerzen allerdings waren komplett verschwunden. Sieben Jahre lang hatte sie täglich Morphin gegen die Symptome der Lyme-Krankheit genommen. Nach ihrer LSD-Überdosis waren ihre Schmerzen nicht nur verschwunden, sie spürte auch keine Entzugserscheinungen, obwohl sie aufgehört hatte, das Morphium zu nehmen.

Fünf Tage war CB schmerzfrei, dann begann sie wieder Opioide zu nehmen, verringerte allerdings ihre Dosis. Zusätzlich fing sie mit LSD-Microdosing an. Alle drei Tage nahm sie 25 Mikrogramm LSD. Das machte sie, bis sie im Januar 2018 das Morphium schließlich komplett absetzte. Wieder ohne Entzugssymptome.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass psychedelische Drogen wie LSD und Psilocybin aufgrund ihrer entzündungshemmenden Eigenschaften eine schmerzlindernde Wirkung haben. Mark Haden war allerdings überrascht, dass die Droge auch gegen Entzugserscheinungen helfen könnte. "Ich habe schon mal davon gehört, aber bislang keine Beweise dafür gesehen", sagt er. Bislang gibt es noch keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass LSD bei einer manisch-depressiven Störung helfen könnte, von Heilen ganz zu schweigen. Aber Ayelet Waldman, Autorin von A Really Good Day, behauptet, dass LSD-Microdosing ihr dabei geholfen habe, ihre Stimmungsschwankungen in den Griff zu kriegen. Und in der Schweiz werden gerade Probanden für eine klinische Studie gesucht, in der untersucht werden soll, ob LSD zur Behandlung schwerer Depressionen infrage kommt.

Vier Männer, vier Frauen und wieder ein fataler Fehler

Aber CBs ungeheure LSD-Dosis ist noch nicht einmal die höchste, über die in Fachzeitschriften berichtet wurde – es war auch nicht das erste Mal, dass jemand LSD für Kokain gehalten hat. 1974 erschien im Western Journal of Medicine ein Bericht über vier Männer und vier Frauen, die jeweils zwei Lines LSD-Pulver gezogen hatten. Auch sie hatten die Substanz für Kokain gehalten. Die genaue Menge lässt sich schwer rekonstruieren, aber in ihren Blutproben konnte man 1.000 bis 7.000 Mikrogramm pro 100 Milliliter nachweise. Das sind zwischen 260 und 2.100 Dosen LSD.

Alle acht kamen in der Notaufnahme. Fünf befanden sich in einem komatösen Zustand, andere waren "extrem hyperaktiv mit schweren visuellen und akustischen Halluzinationen", heißt es in dem Bericht. Drei hörten zwischendurch zu atmen auf und mussten an Maschinen angeschlossen werden. Andere Symptome waren: Durchfall, Erbrechen, Blutungen, Blutgerinsel und Fieber. Für die Blutungen könnte allerdings auch das Kokain verantwortlich sein, das die Gruppe ebenfalls genommen hatte.

Die acht überlebten und waren innerhalb von 12 Stunden wieder voll genesen. Die meisten konnten sich nicht daran erinnern, ins Krankenhaus eingeliefert worden zu sein. Die Autoren schrieben, dass "ein Jahr später keine augenscheinlichen psychischen oder körperlichen Schäden bei Nachfolgeuntersuchungen von fünf Patienten festgestellt wurden. Die meisten von ihnen nehmen weiterhin LSD."

Auch wenn es bislang keinen registrierten Todesfall durch LSD gibt, wird eine tödliche Dosis auf 14.000 Mikrogramm geschätzt. Risikofrei ist der Konsum dennoch nicht: Manchmal kommt es vor, dass Menschen zu viel einer psychedelischen Droge nehmen und im Straßenverkehr ums Leben kommen oder aus einem Fenster fallen. Andere Substanzen wie das Research Chemical 25I-NBOMe, das manchmal wie LSD auf Pappen verkauft wird, sind bereits in viel geringeren Dosen tödlich.

LSD selbst gilt als vergleichbar sichere Droge, was immer wieder in klinischen Versuchen bestätigt wird. "Es ist eine bemerkenswert sichere Substanz", sagt Haden. "Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, bezeichnete es als eine der ungiftigsten Drogen auf dem Planeten."

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