Menschen

Diese Doku zeigt, wie das Leben nach einer Vergewaltigung weitergeht

"Ich sehe ihm ähnlich, das war manchmal schwer auszuhalten", sagt Marcia Wickham über den Täter.
28.8.20
Maria Wickham steht neben ihrer Mutter, Wickham wurde als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht.
Screenshot aus der Dokumentation 'Nicht meine Schande – Geschichte eines Missbrauchs' von NDR und VICE Media Group

Marcia Wickham wurde als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht. Nur "sexuell missbraucht" sagt sie nicht gern, erklärt Marcia. Sie findet das Wort "Inzest" besser, das sei nicht so passiv. Sie sei ja kein unbeteiligtes Opfer gewesen, sie war dabei, hatte Gefühle und Gedanken.

Das erzählt Wickham, heute eine Frau mittleren Alters, in der von VICE koproduzierten Dokumentation Nicht meine Schande - Geschichte eines Missbrauchs, die noch bis Dezember in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Es ist unangenehm, ihr dabei zuzuhören. Wickham ist seelenruhig, fokussiert und lächelt viel. Als sie erzählt, wie der Vater nach jahrelangem Missbrauch zum Christentum fand, lacht sie sogar kurz über ihren eigenen, kleinen, zynischen Witz: "Die Kirche war wohl eine gesündere Beschäftigung für den Sonntagnachmittag." Dürfen Vergewaltigungsopfer lachen? Sie tun es auf dem Bildschirm jedenfalls nicht oft.


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Man könnte meinen, Geschichten über Vergewaltigung seien überall. In jedem achten Hollywoodfilm werde eine Frau vergewaltigt, schrieb die Historikerin Joana Bourke 2007 in Rape: A History From 1860 To The Present. Die Zahl ist umstritten und nicht alle Forscherinnen halten sie für plausibel. Sicher ist aber: Vergewaltigung ist ein simples Stilmittel, um einer langweiligen Figur mehr Tiefe zu geben oder einer Story eine dramatische Wendung. Für den Sonntagabend-Tatort dürfte die Quote ähnlich sein. Wenn Til Schweiger ermittelt, wird fast immer sexualisierte Gewalt ausgeübt oder angedroht. Die Dokumentation über Marcia Wickham – wie der Schweiger-Tatort in der Verantwortung des NDR – versteckte der Sender dagegen im Nachtprogramm, zwischen Mitternacht und 1:30 Uhr.

In einer Welt voller Lärm sei es einfach, das Schweigen um das Thema Vergewaltigung nicht zu bemerken, schreibt die indische Autorin Sohaila Abdulali in What We Talk About When We Talk About Rape. Über die eigentlich wichtigen Fragen, die Komplexitäten und Uneindeutigkeiten werde viel zu selten gesprochen. Über die Momente, wenn Betroffene dem Täter hinterher eine freundliche WhatsApp schreiben oder obsessiv Pornos schauen, während sie in langen Therapiesitzungen ihre Vergangenheit aufarbeiten wie Marcia Wickham.

Eine Reihe von Frauen hat in den vergangenen Jahren begonnen, diese Fragen zu beantworten. Chanel Miller, die als Studentin vom Studenten Brock Turner vergewaltigt wurde, veröffentlichte 2019 ihr Buch Ich habe einen Namen. Es heißt so, weil Miller in den Medien lange nur "Emily Doe" genannt wurde. Auf detailreichen 470 Seiten geht es vor allem darum, wie Miller mit Freunden und Therapeuten haderte. Wie sie wieder vertrauen lernte und wie das Leben ihrer Freundinnen, ihre Schwester und Mutter aus den Fugen geriet. Die Isländerin Thordis Elva schrieb gemeinsam mit ihrem Vergewaltiger das Buch Ich will dir in die Augen sehen und ging anschließend mit ihm auf Lesetour.

Das ist unangenehm mit anzusehen. Warum tun die sich das an? Denkt man. Wollen die nicht lieber ihre Ruhe haben? Warum sind die dabei nicht hart und kalt oder zerbrochen und hilfsbedürftig? So wie wir Betroffene sexualisierter Gewalt aus der Popkultur kennen.

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Marcia Wickham hat ihre Geschichte dem Sohn ihres Therapeuten erzählt. Diese seltsame Konstellation wird im Film nicht erklärt. Überhaupt wird auf den größeren Kontext verzichtet: Warum tat der Vater das? Wem macht sie Vorwürfe? Wie vielen Kindern geht es jährlich ähnlich? Stattdessen ist einem 79 Minuten lang unwohl.

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79 Minuten lang hören wir fast ausschließlich Marcias Stimme, als wären wir in ihrem Kopf. Sie erklärt, wie sie sich den Körper einer Olympia-Turnerin wünschte, wie sie manisch Bücher über Zyklen und Schwangerschaft las und wie es sie ärgerte, dass sie ihrem Vater so ähnlich sah. Dazu sehen wir nachgespielte Szenen, assoziative Nahaufnahmen von Schaum und Goldketten und Details alter Fotografien: Marcias Hand auf dem Bauch ihres Jugendfreunds. Immer wieder mädchenhafte Ikonografie: Puppenhäuser, Puppenköpfe, Spielzeug.

Lange wurde in soziologischen und psychologischen Seminaren gelehrt, dass Vergewaltigung nicht Sex sei, sondern Gewalt. Sexualisierte Gewalt. Es ginge dabei ja um Macht, nicht Lust. Erst seit Kurzem wackelt diese Prämisse. Unter anderem weil sich in der #metoo-Debatte immer mehr Betroffene zu Wort melden, die sagen: Doch, das war für mich Sex. Auch Marcia Wickham beschreibt den Moment, in dem sie das für sich entschied.

In der Dokumentation hört man zwischendurch den Filmemacher, wie er, leise aus dem Off, recht banale Fragen stellt. Sehenswert ist die Dokumentation, weil Wickham am Ende entscheidet, worüber sie sprechen will. "Frag mich nach meiner sexuellen Heilung", sagt sie an einer Stelle und beginnt dann zu erklären, wie sie sich nackt auszog, während ihre Kinder Mittagsschlaf machten, um ihr Körpergefühl und einen positiven Bezug zu Sexualität wiederzufinden. Und wie schön sie heute die aufgerissenen Augen und das breite Grinsen von Pornodarstellerinnen findet.

Bist du sexuell belästigt worden oder hast sexualisierte Gewalt erlebt? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Telefonnummer 0800 22 55 530. Mehr Infos findest du auf dem Hilfeportal der Bundesregierung. Wer in der Schweiz sexualisierte Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen, betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus. In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten.

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